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Interview

Gehirnforscher Gerald Hüther: "Wir alle wollen in Würde sterben, aber lasst uns doch erst mal in Würde leben"

Wir leben in einer immer komplizierter werdenden Welt. Viele Menschen haben das Gefühl: Die Dinge wachsen uns über den Kopf. Die Sehnsucht wächst nach Respekt, Anstand, Miteinander - kurzum: nach einem Leben in Würde. Doch wie geht das? Deutschlands populärster Hirnforscher Gerald Hüther hat eine Vorstellung davon.

Gerald Hüther

Der Neurobiologe Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Mit seinem neuen Buch will er ein Debatte über das Thema Würde anstoßen.

Was ist die zentrale Aufgabe im 21. Jahrhundert? Für den Neurobiologen und Hirnforscher Gerald Hüther steht die Antwort fest: endlich unsere eigene Würde zu entdecken, das zutiefst Menschliche in uns. Er ist überzeugt: Ohne diesen inneren Kompass laufen wir Menschen in unserer immer komplexer werdenden Welt ins Verderben.

Doch was ist das überhaupt, Würde? Wie kann ich sie erlangen? Welcher Lohn winkt, wenn ich mir meiner eigenen Würde bewusst geworden bin? Auf diese Fragen antwortet Gerald Hüther im Interview mit dem stern.

Würde - wir führen den Begriff wie selbstverständlich im Mund. Er steht in Artikel 1 des Grundgesetzes, wo es heißt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Aber was ist das eigentlich genau, Würde?

Der Begriff Würde ist eine Orientierung-bietende Vorstellung, an der wir Menschen unser Handeln ausrichten, eine Art innerer Kompass also, mit dessen Hilfe wir unser Leben und unser Zusammenleben so gestalten, damit es für uns selbst, aber auch für die anderen gut ist. Damit jeder Mensch die in ihm angelegten Potenziale entfalten, sich ein Leben lang weiterentwickeln kann. Das aber kann nur gelingen, wenn wir uns selbst als Gestalter erleben und uns nicht als Objekte für die Realisierung der Absichten anderer zur Verfügung stellen oder benutzen lassen.

Ist das auch die Würdevorstellung, von der die Väter des Grundgesetzes ausgegangen sind?

Ich bin froh, dass im Grundgesetz die Würde des Menschen so klar in den Mittelpunkt gestellt worden ist. Die Väter des Grundgesetzes sind allerdings davon ausgegangen, dass jeder Mensch in sich selbst eine Würde besitzt, die ihm als lebendigem Wesen mitgegeben worden ist. Das ist noch eine sehr stark christlich geprägte Vorstellung. Deshalb steht da: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", wobei von den Verfassungsvätern stillschweigend mitgedacht wurde: " …weil sie ihm von Gott gegeben ist." Aber die Frage lautet doch: Müssten wir nicht auch darauf achten, dass niemand seine eigene oder die Würde anderer verletzt? Wie soll ein Mensch seine Würde wahren, wenn er sich ihrer gar nicht bewusst ist? Und mit der Vorstellung oder gar dem Bewusstsein seiner menschlichen Würde kommt ja niemand bereits auf die Welt. Beides müssen wir erst in unseren Gehirnen verankern. Und das geschieht eben nicht automatisch oder gottgegeben.

Warum ist ein Bewusstsein meiner eigenen Würde so wichtig?

Um meine Würde unantastbar zu machen, muss ich sie schützen können, wenn jemand versucht, sie zu verletzen. Dazu brauche ich eine Vorstellung, was diese eigene Würde ausmacht. Sie ist also ein zentraler Bestandteil meines Selbstbildes, hilft mir, mich an dem zu orientieren, was für ein Mensch ich sein möchte, eben wie ein innerer Kompass, der mir Orientierung bietet, damit ich mich bei meiner Lebensgestaltung nicht verirre.

Interessant dabei ist, dass Würde eine subjektive Vorstellung ist, die sich wohltuend unterscheidet von all den sogenannten objektiven Konstrukten, die mehr oder weniger stark kulturell und gesellschaftlich geprägt sind wie Stolz, Ehre, Anstand oder auch Moral und Ethik. Das alles hatten - salopp gesagt - die Nazis auch. Was die Nazis aber nicht hatten, und wovon die dann auch nicht gern geredet haben, war menschliche Würde.

Nun sind Sie Neurobiologe, ein Naturwissenschaftler. Was hat Würde mit dem Gehirn zu tun?

Wer das Glück hatte, eine Vorstellung oder gar ein Bewusstsein seiner Würde herauszubilden, nimmt Würdelosigkeiten anders wahr und bewertet sie anders als jemand, der davon keine Ahnung hat. Das ist dann natürlich auch in Form entsprechender neuronaler Verschaltungen in seinem Gehirn verankert und die betreffenden Aktivierungsmuster lassen sich auch mit Hilfe funktioneller Magnetresonanzuntersuchungen sichtbar machen. Diese Vorstellung, wie ich mit anderen zusammenleben sollte, entwickelt sich aus einer sehr frühen Empfindung, die alle Kinder überall bereits mit auf die Welt bringen. Sie fühlen, wie es richtig wäre, und wenn dieses Empfinden verletzt wird, weinen sie. Damit aber aus dieser frühen Empfindung dann auch eine Vorstellung davon wird, wie das eigene Leben und das Zusammenleben gelingen kann, müssten Kinder die Erfahrung machen, dass sie um ihrer selbst willen wichtig, bedeutsam, wertvoll sind, also Würde besitzen.

Wie kommt es dann aber dazu, dass wir so oft gegen diese innere Referenz verstoßen? Wenn wir uns mal umschauen in der modernen Welt, dann ist das nicht gerade eine würdevolle Veranstaltung…

Wir haben zwar diese innere Referenz als Empfindung, aber wenn man in eine Welt hineinwächst, in der andere schon ihre Machtposition abgesteckt haben, wird man schnell zum Objekt von deren Interessen und Absichten gemacht. Dann ist das natürlich schwierig mit der Herausbildung einer Vorstellung eigener Würde. Denn dann erlebt man sich ja nicht mehr als Subjekt, das selbst gestaltet. Um das auszuhalten, muss man dann sogar lernen, das Empfinden für seine eigene Würde zu unterdrücken. Nur dann, wenn ich als Subjekt Gestalter meines Lebens sein kann, erlebe ich mich in meiner Würde. Wenn ich dagegen andere Menschen oder mich selbst wie ein Objekt behandle und benutze, ist das würdelos.

Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns in einer sich so würdelos anfühlenden Welt bewegen?

Es war über einen sehr langen Zeitraum, wohl schon seit 10.000 Jahren, sehr vorteilhaft, eine Ordnungsstruktur für unser Zusammenleben zu schaffen, die es ermöglichte, gemeinsam etwas aufzubauen oder sich gegen Feinde zu wehren. Diese Ordnungsstruktur heißt Hierarchie. Eine Hierarchie führt automatisch dazu, dass alle, die dort weiter unten gelandet sind, als Untertanen oder Befehlsempfänger zu Objekten der Anordnungen und Vorgaben derer gemacht werden, die weiter oben stehen. Diese hierarchischen Ordnungsstrukturen unseres Zusammenlebens haben sich in alle gesellschaftlichen Bereiche ausgebreitet. In Familien, Unternehmen, im Millitär sowieso, aber sogar die Kirchen haben sich hierarchisch organisiert, weil es eine Menge Vorteile bringt. Einer der größten Vorteile jeder Hierarchie ist, dass Leute sich anstrengen, weil sie nach oben kommen wollen. Sie erbringen etwas, sie entdecken etwas, sie erfinden etwas - kurz: Sie bringen das Neue in die Welt.

Was ja nicht unbedingt verkehrt ist …

Nein. Aber die Lebenswelt der Menschen wird durch all diese Neuerungen immer komplexer. Die Hierarchie hat also durch dieses ihr innewohnendes Aufstrebungsbemühen eine Welt hervorgebracht, die inzwischen so komplex ist, dass sie mittels einer Hierarchie nun gar nicht mehr lenkbar ist. So erleben wir gegenwärtig in unserer globalisierten, digitalisierten und total vernetzten Welt das irritierende Phänomen, dass dieses hierarchische Ordnungsprinzip nicht mehr geeignet ist, unser Zusammenleben konstruktiv zu steuern. Es wird wohl keine hierarchische Ordnung mehr geben, die mit so einer komplexen Welt umgehen kann, die unser Zusammenleben im alten Sinn von Oben nach Unten steuern kann. Deshalb gibt es gegenwärtig auf der Welt so viele unlösbare Probleme und so viele Menschen, die nach Wiederherstellung der verloren gegangenen Ordnung rufen. Die aber ließe sich nur wieder einführen, wenn die Welt wieder einfacher, überschaubarer und unser Zusammenleben dann auch wieder von Oben nach Unten lenkbar wäre.

Wie kann man diesem Prozess Einhalt gebieten?

Wenn Sie die äußere Ordnungsstruktur nicht mehr gebrauchen können, dann müssen Sie den Menschen dabei helfen, eine innere Ordnungsstruktur zu entwickeln, die ihnen ein Geleit gibt, die ihnen Orientierung bietet, um ihr Leben und ihr Zusammenleben menschlich zu gestalten.

Da sind wir dann wieder bei der Würde. Das heißt also: Wir müssen uns unsere Würde zurückholen?

Ja, oder besser: erst einmal richtig entdecken. Vor allem müssten wir die heranwachsende Generation dabei unterstützen, aus ihrem angeborenen Empfinden, was richtig ist, allmählich eine Vorstellung und schließlich ein Bewusstsein ihrer eigenen Würde zu entwickeln. Denn: Wer ein solches Bewusstsein seiner eigenen Würde erlangt hat, der ist für hierarchische Ordnungen nicht mehr geeignet. Der ist als Konsument nicht mehr verführbar, taugt nicht mehr als politische Wahlmasse.

Was ist der Lohn, wenn ich mir meiner Würde bewusst geworden bin?

Wenn man es ganz deutlich auf den Punkt bringt: Freiheit! Menschen, die sich ihrer Würde bewusst geworden sind, lassen sich nicht mehr antreiben und sind auch nicht mehr verführbar. Sie haben ihren inneren Kompass gefunden, dem sie sich anvertrauen und der sie durchs Leben führt. Wer sich seiner eigenen Würde bewusst ist, kann auch die Würde anderer Menschen nicht mehr verletzen, das wäre unter seiner Würde.

Sie haben nicht nur ein Buch geschrieben, sondern bringen das Thema Würde auch ins Internet, mit dem "Würdekompass". Sie haben sogar eine Petition zum Thema gestartet. Was ist Ihr Ziel?

Ich möchte versuchen, mit den Möglichkeiten, die ich habe, das Thema Würde ins öffentliche Bewusstsein zu heben. So, dass in öffentliche Diskussionen, auf Podien, auch in Beiträgen und Aktionen der Medien all jene Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und allen anderen Bereichen der Gesellschaft mit der Frage konfrontiert werden, wie sie das, was sie tun, mit ihrer Würde als Mensch vereinbaren können. Ganz konkret: der Bauer, der seine Hühner in Massentierhaltung hält. Der Banker, der wider besseres Wissen seinen Kunden eine Anlage aufschwatzt - mit denen sollte es zu einem Austausch über ihr Verhalten und die Wahrung ihrer Würde kommen.

Das klingt mehr nach Prediger als nach Wissenschaftler…

Wenn Sie zu diesem Eindruck kommen, stört mich das nicht. Es wäre mir aber lieber, wenn sie aus dem, was ich hier sage, ableiten, dass ich zu zuallererst ein äußerst verantwortungsvoller Wissenschaftler bin.

Es gibt ja in jeder Gesellschaftsform etwas, was man Tabu nennt, was jeder gern im Keller versteckt, die Tür abschließt und den Schlüssel wegwirft. Irgendwann öffnet sich aber diese Kellertür doch, und dann kommt das heraus, was bis dahin so sorgfältig darunter versteckt worden ist. Solange niemand nach der Würde fragt, braucht auch niemand in den Spiegel zu schauen und sich selbst zu fragen, ob er so würdelos wie bisher weiter leben will.

Ich bin seit meiner Kindheit jemand, der die Vielfalt der Natur über alle Maßen liebt. Deshalb bin ich Biologe geworden. Und ich halte es einfach nicht länger aus, dass eine vorübergehend irregeleitete Spezies auf diesem Planeten die hier seit Jahrmillionen entstandene Vielfalt und Schönheit alles Lebendigen ruiniert. Das bricht mir das Herz. Und ich habe die Hoffnung, dass sich daran noch etwas ändern lässt.

In ihrem Buch schreiben Sie, dass dieser Bewusstseinswerdungsprozess sich zwar einige Zeit hinauszögern, sich aber nicht dauerhaft aufhalten lässt? Was macht sie da so sicher? Es gibt ernsthafte Projekte, den Mond zu besiedeln, zum Mars zu fliegen. Sieht ganz so aus, als guckte sich die Menschheit den nächsten Planeten aus, den sie ruinieren könnte

All das funktioniert doch aber nur solange, wie genügend Menschen das auch mitmachen. Solange wir uns als Objekte zur Verwirklichung der Ziele und Absichten anderer zur Verfügung stellen. Es sieht sogar so aus, als ob gegenwärtig immer mehr Menschen aufwachen.

Dieser Transformationsprozess, über den wir hier reden, ist ja nicht in Wolkenkuckucksheim angesiedelt. Wir sind mitten drin in diesem Prozess der Auflösung der alten hierarchischen Ordnungsstrukturen. Aber er kann nicht gelingen, wenn wir keine andere, geeignetere Ordnungsstruktur für unser Zusammenleben finden. Es muss aber niemand warten, bis alle soweit sind. Jederzeit kann sich jeder Mensch diesem Prozess anschließen und sich seiner eigenen Würde bewusst werden, kann versuchen, wo immer es geht, seine Würde zu wahren.

Niemand kann sein Leben ändern, aber jeder Mensch kann sich zu jedem Zeitpunkt seines Lebens dafür entscheiden, fortan anders zu leben als bisher - etwas bewusster vielleicht, etwas achtsamer. Wenn wir uns in dieser Weise auf den Weg machen, entwickelt sich - von ganz allein - auch ein anderes Lebensgefühl. Und damit verändert sich auch unser Leben. Es wird spürbar freudvoller, liebevoller und auch würdevoller.


Sie haben Situationen erlebt, in denen Sie das Gefühl hatten, dass Ihre Würde verletzt wurde? Oder im Gegenteil: Sie haben erlebt, wie Würde vorgelebt wurde? Teilen Sie uns Ihre Gedanken, Ihre Sorgen, Ihre Hoffnungen zum Thema Würde mit. Schreiben Sie uns: leseraufruf@stern.de


Mehr zum Thema: www.wuerdekompass.de 

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