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Kolumne "Kopfwelten": Vernetzt heißt nicht gleich besser

In der virtuellen Verbundenheit suchen viele - und nicht nur die Piraten - ihr Heil, persönlich und möglichst auch gleich für unseren Planeten. Doch diese Hoffnung trügt.

Von Frank Ochmann

"Vernetzung" ist zum Zauberwort geworden. Überall auf der Welt verbinden sich inzwischen Menschen mit gemeinsamen Interessen

"Vernetzung" ist zum Zauberwort geworden. Überall auf der Welt verbinden sich inzwischen Menschen mit gemeinsamen Interessen

Facebook steht vor einem furiosen Börsengang und steuert auf eine Milliarde Nutzer weltweit zu. Wer sich zumindest von den Jüngeren nicht auf solchen sozialen Plattformen tummelt, könnte für tot gehalten werden. "Vernetzung" ist zu einem Zauberwort geworden, das seine wundergleiche Wirkung von der persönlichen Lebensfreude über die Karriereplanung bis zum Überleben unserer ganzen Art entfalten soll. Überall auf der Welt verbinden sich inzwischen Menschen mit gemeinsamen Interessen und bringen ihre Anliegen im Internet kollektiv zu Gehör.

"Darin liegt das Versprechen der weltweiten ökologischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Bewegungen: als gemeinsame Bewohner dieser Erde zu entdecken, dass wir eine globale Familie sind." Diese Hoffnung vertreten beispielsweise der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther und die Autorin Christa Spannbauer im kürzlich gemeinsam herausgegebenen Sammelband "Connectedness - Warum wir ein neues Weltbild brauchen". Doch, so wissen Kriminologen, ist die Familie nicht nur ein Platz der Geborgenheit, sondern auch jener gesellschaftliche Raum, in dem sich Gewalt besonders oft austobt. Reicht der globale Familiensinn womöglich also gar nicht, um die Welt zu einer besseren zu machen?

Fast unfehlbar bei simplen Aufgaben

Schon am Beispiel der inzwischen so abgedroschenen "Schwarmintelligenz" lässt sich lernen, dass von einer "Schwarmmoral" nicht allzu viel zu erwarten ist. Francis Galton, ein Cousin des Evolutionsforschers Charles Darwin, gilt als der Erste, der vor gut hundert Jahren das Vertrauen in die Masse auf die Probe stellte. Im englischen Plymouth ließ Galton bei einer Viehausstellung das Schlachtgewicht eines Ochsen schätzen. Ungefähr 800 Vorschläge kamen zusammen und - zu Galtons Erstaunen - wich das Urteil der "Vox populi", der Stimme des Volkes, nur 0,8 Prozent vom tatsächlichen Gewicht ab. Und Galton zog daraus schon Anfang des 20. Jahrhunderts denselben Fehlschluss, dem wir auch heute ständig begegnen: Dem demokratischen Urteil könne man nach solchen Erfolgen mehr trauen, als zu erwarten gewesen wäre. Soll das heißen, wer das Gewicht eines Ochsen schätzen kann, wählt auch eine gute Regierung?

Es sind die simplen, sehr simplen Aufgaben, bei denen die Masse tatsächlich so etwas wie eine Unfehlbarkeit entwickeln kann. Dann aber hört es aber auch schon auf. Der Publikumsjoker aus Günther Jauchs "Wer-wird-Millionär?"-Show führt zwar selbst bei kniffligen Fragen gelegentlich zu erstaunlichen Treffern. Ebenso spektakuläre Misserfolge blieben aber auch dann nicht aus, wenn nicht nur die Menschen im Studio, sondern in ganz Deutschland befragt würden. Und sind komplizierte Problemlösungen gesucht, nicht nur Wissen, ist es ganz vorbei mit der Schwarmintelligenz. Die Relativitätstheorie entstammt nicht zufällig einem einzigen Hirn, auch wenn Albert Einstein natürlich nicht isoliert vor sich hin dachte. Doch nicht Schwarmintelligenz hat unseren kosmischen Horizont in Raum und Zeit erweitert. Unser Blick geht weiter, weil wir auf den Schultern von geistigen Riesen oder wenigstens unserer Vorfahren stehen. Das wussten schon die im 12. Jahrhundert.

Vernetzung macht keinen besseren Menschen

Was hinter dem intellektuellen Fortschritt steckt, ist eine ganz andere geistige Verbundenheit als die bei Facebook und Co. Nicht anders gilt das für die Ethik oder in der Politik. Kein Lösungsvorschlag wird allein deshalb gut oder einem Problem angemessen, weil sich viele an der Entscheidungsfindung beteiligen. Sich nicht allein zu wissen, stärkt sicher das Vertrauen und macht Mut, auch schwierige Aufgaben anzugehen. Aber erhöht das auch schon die Wahrscheinlichkeit, die optimale Lösung zu finden? Wären Griechenland oder Spanien schon auf dem rettenden Kurs, wenn alle Menschen in der Europäischen Union darüber mit eigener Stimme entscheiden dürften?

Was die Netzwerke vor allem transportieren, ist das, was auch sonst in einem sozialen System geteilt wird: Stimmungen, Gefühle. Soziale Verbindungen bilden sich durch das Entdecken oder Erzeugen von Ähnlichkeit. Durch gegenseitiges Kopieren zumeist. Aber nichts gewinnt allein deshalb an Qualität, weil es - egal von wie vielen - kopiert wird. Kein Kunstwerk und auch keine politische Haltung. Auch kollektiv kann der falsche Kurs gewählt werden. Und zudem erhöht die Verbundenheit mit der eigenen Gruppe die Distanz zu "den anderen". Gestärkt durch die eigenen Bande kann der Abstand so groß werden, dass die anderen unbewusst und dem Gefühl nach nicht einmal mehr zur eigenen Art gezählt werden. Experimente der beiden amerikanischen Psychologen Adam Waytz und Nicholas Epley haben das eben erst wieder gezeigt. Die Vernetzung macht eben noch keinen besseren Menschen - weder intellektuell noch moralisch. Das schafft jeder nur für sich.

Literatur:

  • Baumeister, R. & Leary, M. R. 1995: The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation. Psychological Bulletin 117, 497-529
  • Galton, F. 1907: Vox populi. Nature 75, 450-451
  • Greve, J. & Schnabel, A. 2011: Emergenz - Zur Analyse und Erklärung komplexer Strukturen. Berlin: suhrkamp taschenbuch wissenschaft
  • Hüther, G. & Spannbauer, C. (Hg.) 2012: Connectedness - Warum wir ein neues Weltbild brauchen. Bern: Verlag Hans Huber
  • Judd, C. M. et al. 2005: Fundamental Dimensions of Social Judgment: Understanding the Relations Between Judgments of Competence and Warmth. Journal of Personality and Social Psychology 89, 899-913
  • Kruse J. et al. 2010: Swarm intelligence in animals and humans. Trends in Ecology and Evolution 25, 28-34
  • Waytz, A. & Epley, N. 2012: Social connection enables dehumanization. Journal of Experimental Social Psychology 48, 70-76