Kolumne: Gefühl der Woche
Wer nicht sucht, der findet

Montage Gefühl der Woche: Kolumnistin Helen mit einer Suchleiste
Das Gefühl der Woche: Und was suchen Sie gerade? "Keine Ahnung" ist manchmal die Antwort, die zum Ziel führt
© stern-Montage: Fotos: Jana Mai; Adobe Stock
Unsere Autorin sucht einen Song und merkt: Wir sind dauernd auf der Suche. Nach Liebe oder auch nur nach einer Schraube. Manches sucht man besser nicht, um es zu finden.

Ich suchte einen Song, ich suchte verzweifelt, er ging mir nicht aus dem Kopf. Ich hatte ihn in der Vorweihnachtszeit in einem Einkaufszentrum gehört, seitdem war er da und blieb. Ich neige zu Ohrwürmern, dieses Mal war es besonders schlimm. Das Einzige, was dann hilft, ist, den Song in Dauerschleife zu hören, immer und immer wieder. Irgendwann hat ihn mein Hirn dann satt und kann sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden. 

Dafür musste ich den Song aber erst einmal finden! Ich hatte nur eine vage Melodie und die Zeile „you and I“. Googeln Sie mal Lieder, in denen „you and I“ vorkommt. Genau: Man kriegt nahezu die gesamte Playlist der letzten hundert Jahre, von den Scorpions über Queen zu Stevie Wonder zu Lady Gaga. Also sang ich den Song-Schnipsel in diverse Song-such-Apps ein. Nichts. 

Ich sang andere Lieder unter der Dusche, in der Hoffnung, so weitere Teile des Gesuchten aus tieferen Hirn-Schubladen zutage zu fördern. Nichts. Ich überlegte, zurück in dieses Einkaufszentrum zu fahren, um dort jemanden zu finden, der vielleicht netterweise in die Einkaufszentrumsplaylist vom 5. Dezember schauen würde, und da müsste dann so gegen 17 Uhr … Mein Mann zeigte mir einen Vogel. 

Das Gefühl der Woche: Wer nicht sucht, der findet

Wir alle suchen dauernd irgendetwas. Einen verlorenen Kinderhandschuh. Die große Liebe. Den besseren Job. Den Namen der netten Nachbarin. Die Wertschätzung der Chefs oder der eigenen Eltern, die Anerkennung des erfolgreicheren Bruders. Den Schraubenzieher. 

Apropos: Neulich war ich im Baumarkt und suchte eine kurze, daumendicke Schraube, die unseren Küchenmülleimer am Scharnier hält. Nicht für Kreuz- oder Schlitzschraubenzieher, sondern so sternförmig. „Das heißt Torx-Profil“, sagte der Verkäufer im Baumarkt und genoss ganz offensichtlich seine Überlegenheit. Danke, du Torx, dachte ich, immerhin habe ich schon mal den korrekten Fachbegriff gefunden, das ist das A und O für alle Suchenden. Wer nicht weiß, wonach er sucht, kann nichts finden, oder?

Der Verkäufer trat vor eine haushohe Wand mit Hunderten transparenten Schubladen und nahm aus Nummer 483 genau die richtige Schraube heraus. Gesucht, gefunden. Das macht dann 1,49 Euro.

Warum kann das nicht immer so einfach sein?! Guten Tag, ich suche ein Werkzeug gegen diesen wütenden, orangefarbenen US-Amerikaner, der gerade die Welt in Brand setzt. Klar doch, in Schublade Nummer 3001.

Vor Jahren gab es in Zürich ein Kunstprojekt für alle Suchenden. In einem ehemaligen Tickethäuschen am Werdmühleplatz öffnete samstags das „Fundbüro2“, ein Lost & Found für immaterielle Dinge. Eine Frau meldete, sie habe „das Feuer in ihren Venen“ verloren, die Leidenschaft im Leben. Ein 60-Jähriger gab zu Protokoll, er habe seinen Stolz verloren, der sei zwar nicht besonders groß, aber durchaus brauchbar gewesen. 

Hinterm Schalter standen die beiden Künstler, die sich das Ganze ausgedacht hatten, sowie einige „Gastbeamte“ – befreundete Autoren, Künstler, Coaches. Sie hörten zu, stellten Rückfragen und sammelten Verluste und Fundstücke auch auf der Webseite des Projekts. Die Übermittler korrespondierender Meldungen vernetzten sie miteinander, etwa die Frau, die ihre Lebensfreude als vermisst angab, mit dem Mann, der diese gerade auf Reisen wiedergefunden hatte.

Vielleicht ist das ein gutes Rezept für alle, die keine Gegenstände suchen, sondern Gefühle, Zustände, Haltungen – das Gesuchte vor Zeugen zu Protokoll geben, nach dem Motto: Alle mal kurz herhören, ich suche mein Selbstwertgefühl! Gestern war es noch da, hat es jemand gesehen? Und wo ist eigentlich der Zukunftsoptimismus geblieben, den wir immer für so selbstverständlich hielten, haut der einfach so ab? Ganz sicher werden dann viele sachdienliche Hinweise eingehen, die auf die richtige Spur führen. 

Manchmal allerdings, scheint mir, muss man das Suchen aufgeben, um etwas zu finden. Meinen Song hatte ich für immer verloren, dachte ich, der Ohrwurm wurde schon leiser. Dann recherchierte ich einer Frau hinterher, die mich für einen Artikel interessiert, und sah auf Instagram irgendein unwichtiges Video, in dem sie in Nordnorwegen in einer Bar sitzt. Und was läuft ganz leise im Hintergrund? Genau! „Bad Dreams“ von Teddy Swims.

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© Helen Bömelburg

Der Sticker der Woche ...

… ist ein mit Teppichkleber an einem Ampelmast in Hamburg-Eppendorf befestigtes Schild. Ein Klassiker unter den Suchanzeigen: Mann sucht Frau. „Karo, bist du’s?“, steht da. „Ich suche die tolle Frau mit den lockigen, braunen Haaren vom Weinfest. Wir haben uns super unterhalten und du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf!“ Der Mann, der Karo sucht, erzählt am Telefon: „Die letzten zwei, drei Jahre waren kein Spaß für mich. Meine frühere Chefin wollte mich rauskegeln, hat sie nicht geschafft, dann bin ich selbst gegangen. Dann trennten sich meine Frau und ich, wir haben einen kleinen Sohn. Dann hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Und ich einen Eingriff an der Hüfte.“ Als die OP überstanden war, sagt er, kehrten das Leben und das Lachen zurück. „Und da dachte ich, jetzt finde ich Karo, diese tolle Frau!“ Wir drücken alle Daumen.

 

Schreiben Sie mir gerne: Was ist Ihr Gefühl der Woche? Schicken Sie mir auch gerne Ihren Lieblingssticker! Wer mag, samt Fundort. Zum Schluss: Diese Kolumne ist zugleich ein Newsletter, der immer freitags per E-Mail kommt, wenn Sie ihn abonnieren. Das geht hier.