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Jahreswechsel-Melancholie: Wenn du das beste Silvester schon erlebt hast, ist es bloß irgendein Tag

Andere wollen dicke Partys feiern oder packen ganz traditionell Bleigießen und Fondue-Geschirr aus. Der Jahreswechsel bedeutet manchen Menschen viel. Merle inzwischen nicht mehr. Denn das beste Silvester hat sie hinter sich.

Kristiane N. Harten

Eine Gruppe von Freunden mit Silvesterfeuerwerk

Silvester – mit Freunden immer nett, aber selten wirklich aufregend

Picture Alliance

Leon ist Schuld daran, dass Silvester für Merle nicht mehr aufregend ist. Bestimmt zwei Jahre lang war sie damals schon schlimm in ihn verliebt gewesen. Schlimm und stumm, weil Merle so grottenschüchtern war. Leon spielte Gitarre, rauchte Kette – selbstgedrehte Zigaretten –, hatte einen exzellenten Musikgeschmack und Augen, so grün wie Waldmeister. Er hatte eine orangefarbene Lederjacke und war ein bisschen zu dünn, und wenn er lachte, lachte er wie ein vergnügter kleiner Junge. Sie hätte hingehen können und sagen: Hey, ich finde dich höchst interessant, wie wär's mal mit einem Kaffee? Aber Merle bekam ja nicht mal ein Hallo raus, wenn er in der Nähe war.

Zum Glück waren einige ihrer besten Oberstufenfreunde alte Freunde von ihm, und so rückte sie möglichst unauffällig immer mehr in seinen Dunstkreis, bis er ihren Namen kannte und wusste, dass auch Merle ein bisschen Ahnung von Musik hatte. Es war ein quälend langsamer Prozess, während dem er zwei andere Freundinnen hatte, die Merle ihrerseits beide saucool fand und leidend anerkennen musste, dass natürlich nur die coolen Mädels bei ihm landeten. Aber irgendwann, irgendwann war er wieder Single. Und irgendwann waren die beiden so etwas ähnliches wie Kumpels, zumindest beide Teil derselben Clique. Und irgendwie ergab es sich, dass alle Silvester bei ihm feierten. Im Gegensatz zu allen anderen aus der Gruppe hatte Leon nämlich bereits eine eigene Wohnung.

Merle kann gar nicht beschreiben, wie zufrieden sie mit dieser Jahresendplanung war. Man saß auf dem Teppich, hörte Tracy Chapman und trank Cola-Rum. Es war lustig. Sie verstanden sich blendend. Mit ihren Freunden im Rücken, die ihr ein Gefühl von Sicherheit gaben, konnte Merle endlich mal sie selbst sein. Und, dem Typen ihrer Oberstufenträume gegenübersitzend, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, nicht länger über den Sinn des Lebens nachgrübeln und nicht eigentlich gerade ganz woanders sein zu müssen. So eine grundtiefe Zufriedenheit.

Um Mitternacht gingen alle nur mäßig enthusiastisch kurz raus, wedelten mit Wunderkerzen und zündeten ein paar bescheidene Böller inmitten des Mietshausinnenhofs. Fast wären sie gar nicht rausgegangen, da sie so ins Gespräch vertieft waren. Mehr Cola-Rum. Mehr Tracy Chapman. Mehr selbstgedrehte Zigaretten. Gegen sechs Uhr morgens packten die meisten von ihnen ihre Schlafsäcke aus und verteilten sich auf dem Teppich, um zu schlafen. Und zwar bis zum nächsten Nachmittag.

Verkatert hockten sie dann zusammen, einer opferte sich und besorgte Frühstück im Penny nebenan. Leon machte Kaffee. Und irgendwie wollte keiner gehen, es war so nett. Sie waren eine gute Runde, eine gute Clique. Pelle und Nina, das bildschöne und sehr nette HipHop-Pärchen. Amanda mit den großen Augen. Holger, Merles bester Kumpel. Florian, der Sprayer. Und noch eine Handvoll lieber Menschen, von denen Merle heute gar nicht mehr weiß, ob sie dabei waren oder nicht.

Und plötzlich war es abends. Und irgendwann waren alle weg, außer Amanda und sie. Zusammen mit Leon gaben sie Cola und Rum noch eine Chance, begannen, sich ihre aktuellen Lieblingslieder vorzuspielen. Und irgendwann war Amanda auch weg. Genauso wie Merles letzter Bus heimwärts. "Macht ja nix", sagte Leon. "Kannst ja hier schlafen." "Cool", sagte Merle und rollte ihren Schlafsack aus. Er kicherte. "Du musst doch nicht auf dem Boden schlafen!" Dieses Kichern und dieser Satz haben sich sehr, sehr tief in ihr Gehirn gebrannt. Anders als der Rest der Nacht, witzigerweise, woran vermutlich auch Rum und Cola schuld sind. Merle erinnert sich nur intensiv daran, wie sie irgendwann ebenso hochzufrieden wie ungläubig dachte: Das passiert wirklich. YES!

Eine Romanze im üblichen Sinne folgte zu ihrem Leidwesen nicht auf diesen Tag. Sie war ihm zu schüchtern, ließ er anklingen, er fände Frauen besser, die ihm sagten, wo's langgeht. Aber von hier an war jedes Silvester das Jubiläum der Nacht, in der sie bei Leon schlief. Mit Leon schlief. Trotz nicht existenter Beziehung blieben sie übrigens dennoch jahrelang gute Freunde. Und Merle nährte auch viele Jahre noch eine unglückliche Verliebtheit zu dem schlaksigen Typen in der orangenen Lederjacke. Immer überzeugt, dass er bestimmt eines Tages merken würde, dass sie doch perfekt zueinander passten.

Das passierte leider nicht, was aber passierte, war, dass sie ein paar Jahre später nach dem Ende ihrer ersten langen Beziehung als missmutiger Single durch die Weihnachtfeiertage schlurfte und die Abende mit Freunden in den Kneipen verbrachte. Und auch Leon war Single in dieser Zeit. Beide feierten ein unenthusiastisches Silvester bei einer Freundin und irgendwie übernachtete sie anschließend bei ihm. Am nächsten Morgen mussten sie beide ein bisschen lachen.

Eine Tradition wurde daraus aber nicht. Und egal ob Feuerzangenbowle, Superparty, Bleigießen oder Raclette. Egal ob Berlin, Hamburg oder London. Von hier an war für Merle Silvester nur noch irgendein Tag. Einer, der sie manchmal etwas nostalgisch macht. Aber so aufgeregt wie damals war sie zum Jahreswechsel nie wieder und wird es wohl nie wieder sein.

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