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Burn-out: Ich war endlich wieder frei, aber musste dafür einen hohen Preis bezahlen

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute berichtet sie von ihrer Zeit in der psychosomatischen Klinik.

Von Sophie Blau

Frau sitzt auf dem Bett

Noch immer in Behandlung, aber auf dem richtigen Weg: Sophie kämpft sich zurück in die Normalität.

Getty Images

Keinen Stress sollte ich mir machen, auf gar keinen Fall! Das hatte man mir seit meiner Krankschreibung vor zwei Monaten permanent vorgebetet. Ich blickte zweifelnd auf meinen neuen Therapieplan. Der war Stress: Wassergymnastik, Mittagessen, Burnout-Gruppe, Einzeltherapie – keine einzige freie Minute hatte ich zwischen 10 Uhr und 16:30 Uhr.

Vor zwei Wochen, in der Psychiatrie, bestand meine gesamte Tagesleistung noch darin, aus dem Bett aufzustehen und zum Yoga und Walken zu gehen. Elvira, meine damalige Mitpatientin, hatte ganz offensichtlich Recht behalten: Eine psychosomatische Klinik war einfach nur anstrengend! Fast wünschte ich mir die Psychiatrie zurück. Aber auch nur fast. Denn viel wichtiger als der Stress war: Ich war endlich wieder frei. Dreieinhalb Wochen war ich in der Psychiatrie gewesen. Dreieinhalb Wochen hatte ich niemand sein müssen, nicht einmal ich selbst. Dreieinhalb Wochen hatte niemand auch nur die geringste Erwartung an mich gestellt.

Aber so gut mir die Psychiatrie auch getan hatte und so wichtig dieser Aufenthalt gewesen war – mein Ziel blieb während meines ganzen Aufenthalts, dort möglichst schnell wieder raus zu sein.

Die Umgebung war einfach deprimierend

Abgesehen von der oft deprimierenden Umgebung und dem katastrophalen Essen hatte es mich am allermeisten gestört, dass jeder meiner Schritte überwacht worden war. Ich durfte das Gebäude nur zu vorgegebenen Zeiten verlassen. Und dann dokumentierte der Pförtner auch noch, dass ich ging. Und in wessen Begleitung. 

Auto fahren durfte ich nicht. Baden durfte ich nicht. Nichts durfte ich, es fühlte sich an, als wäre ich kein freier Mensch mehr. Der schnellste Weg raus aus der Psychiatrie, das bemerkte ich schnell, war die Verlegung in eine Klinik für Psychosomatik und Verhaltenstherapie. Was das genau bedeutete – keine Ahnung. Aber mein Ärzte unterstützen diesen Wechsel und die Häuser, die zur Wahl standen, wirkten einladend. Wie ein gutes Hotel, und angeblich gab es dort leckeres Essen, ein Hallenbad, sogar eine Sauna, eine Turnhalle und einen großen Freizeitbereich für die Kunsttherapie. Plus: Die Kliniken, zwischen denen ich mich entscheiden sollte, waren beide landschaftlich wunderbar gelegen. Aber die Sache hatte natürlich einen Haken.

Das war alles, aber nicht erholsam

Die Klinik sah zwar aus wie ein Hotel, war aber keins. Und Urlaub war das erst recht keiner. Nachdem ich zweieinhalb Monate außer ein paar Arztterminen nichts, aber auch wirklich nichts hatte tun müssen, mein Kalender wie leergefegt gewesen war, hatte ich plötzlich wieder einen vollen Terminplan: Täglich Sport, vier Gruppentherapiestunden, zwei Einzelgespräche und zweimal Kunsttherapie pro Woche ließen nur noch den Montagvormittag und Freitagnachmittag frei. Plus: Ich hatte zwar meine Bewegungsfreiheit wieder zurück.

Dafür lief man mir aber auch nicht mehr hinterher. Wenn ich nicht fähig war, meine Medikamente im vorgegebenen Zeitfenster abzuholen – mein Problem. Wenn ich vergaß, Essen zu bestellen – mein Problem. Wenn ich übersah, mich für die nächste Runde der Sportkurse einzutragen – mein Problem. Wenn ich mit den Anforderungen, die die Klinik an mich stellte nicht klar kam – Rückverlegung in die Psychiatrie.

Ich musste plötzlich Verantwortung übernehmen

Dort hatte ich krank sein dürfen, niemand sein müssen. In der neuen Klinik wurde erwartet, dass ich wieder Verantwortung für mich übernahm. Ich musste wieder Ich sein und ich hatte an mir zu arbeiten – deshalb war ich schließlich dort. Ich war nicht dort, um gesund gemacht zu werden. Aber ich fand dort eine angenehme Umgebung und vor allem die Unterstützung, die ich brauchte, um meinen Weg zurück in die Normalität zu finden und schließlich auch gehen zu können. Genau wie mir die Mitpatientin in der Psychiatrie vorhergesagt hatte, war ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik anstrengend.

In den ersten Wochen kratzten sie oft haarscharf an der Grenze zur Überforderung. Das war ein hoher Preis für die neue Chance, weil ich nicht wusste, ob ich dem, was vor mir lag, wirklich gewachsen war. Aus heutiger Sicht klingt das irgendwie seltsam, ich weiß. Doch in jenen Momenten hatte ich das Gefühl, dass der Deal ein teurer war. Meistens lag ich abends um acht bereits im Bett, weil der Tag so anstrengend gewesen war.

Heute aber weiß ich: Jeder einzelne dieser Tage aber, jede einzelne Therapie war ein riesengroßer Schritt zurück in ein normales Leben. Ich war wieder frei – und ich lief endlich wieder in die richtige Richtung.

Lest hier die vorherige Kolumne von Sophie für NEON: Ich war eingesperrt. In einer Psychiatrie. Mit 27. Tiefer hätte ich nicht fallen können

Depressionen

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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