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Erfahrungsbericht: Mein Leben lag in Scherben – dennoch war das Burn-out das Beste, was mir je passiert ist

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Hier berichtet unsere Autorin offen über ihr Burn-out.

Von Sophie Blau

Burn-out - Frau liegt auf dem Bett

Sophie litt unter einem Burn-out. Es veränderte ihr Leben komplett (Symbolfoto)

Getty Images

Kann ich in einem Text über Burn-out schreiben, dass diese Krankheit vielleicht das Beste ist, was mir je passiert ist? Darf ich das? Ist das nicht grob fahrlässig?

Diese Frage geht mir durch den Kopf, seit ich eben diesen Text schreiben will. Und gleich vorneweg: Burn-out ist kein Kindergeburtstag. Sondern ein Arschloch. Burn-out bedeutet nicht, dass man einfach drei Monate Urlaub braucht, weil man es mit der Arbeit in letzter Zeit ein wenig übertrieben hat. Burn-out ist lebensgefährlich. Und selbst wenn es nicht tödlich ist, reicht es allemal, um das eigene Leben und das nahestehender Menschen zu zerstören. Ich weiß das nur zu gut und ich will da auch ganz bestimmt nicht noch einmal durch.

Ich war 27 und liebte mein Leben ...

Aber ich komme trotzdem nicht umhin festzustellen, dass es vielleicht das Beste war, was mir hätte passieren können.  Ich war 27, arbeitete seit ein paar Jahren als PR-Managerin in der Medienbranche und war eigentlich auf dem besten Weg, Karriere zu machen. Ich wurde gefördert, ich wurde gefordert, die Arbeit war aufregend. Ich liebte dieses Zusammenspiel, ich liebte mein Leben.

Und dann saß ich plötzlich in der Psychiatrie.

Nicht mit ein bisschen Erschöpfung, wie sich das manche vielleicht so vorstellen. Sondern mit einer schweren Depression, Panikattacken und einer Angststörung, die sich anschickte, sich zu generalisieren, also auf alle Bereiche meines Lebens überzugreifen.

... stürzte innerhalb von acht Wochen in den Abgrund ...

In nur acht Wochen war ich von einem "mir geht es okay" in einen Abgrund gestürzt, der so tief und so finster war, dass ich dafür keine Wort finde.

Ich hörte auf zu sprechen. Ich hörte auf mich zu bewegen. Ich, die Worte wie "stillsitzen" oder "Mund halten" nie auch nur buchstabieren konnte, saß stundenlang regungslos auf meinem Psychiatriebett und starrte auf den dürren Fichtenwald vor meinem Fenster.  Ich hatte katastrophale Wochen hinter mir. Suizidgedanken und komplette Ausraster inklusive. Mein Leben lag in Scherben.

Ich hätte mich an diese Scherben klammern können und jammern. Mich mit der Opferrolle abfinden. Wer war ich denn schon gegenüber dieser fiesen, erdrückenden Depression? Gegenüber diesem übermächtigen Tornado in meinem Kopf? Gegenüber dieser unbarmherzigen, unmenschlichen Welt? Ein Nichts war ich und genauso fühlte ich mich lange Zeit. Stattdessen ließ ich irgendwann endlich die Scherben los.

... und lernte mich dann neu kennen!

Nichts von dem, was passiert war, hatte ich aufhalten können. Im Gegenteil: Je mehr ich versucht hatte, an meinem Leben, das mir mehr und mehr aus den Fingern glitt, festzuhalten, desto mehr davon rann mir durch die Finger. Also ließ ich mich ein - auf alles was da noch kommen sollte. 

Diese Zeit – eineinhalb Jahre – war alles andere als einfach und es gab nicht selten Momente, in denen ich verzweifelte, in denen ich mich fragte, ob ich je wieder ein normales Leben führen würde. Und gerade deshalb würde ich nie behaupten, dass jeder Betroffene "es einfach wie ich machen sollte". Pauschalisierende Ratschläge sind nämlich das allerletzte, was Betroffene brauchen. Und wie eingangs beschrieben: Burn-out macht keinen Spaß. Ich ziehe den Hut vor jedem, der bemerkt, dass sein Leben in die verkehrte Richtung läuft – bevor er in den Abgrund rauscht. Ich war nicht so klug.

Für mich kann ich jedoch feststellen: In dieser schwierigen Zeit lernte ich mich neu kennen. Ich entdeckte wieder, wie viel Kraft und wieviel Energie mein Kopf, mein Körper und auch meine Seele hatten. Wie viel Leben doch noch in mir steckte.  Ich lernte, Grauzonen zu akzeptieren. Nicht alle Tage sind golden. Manche sind auch weit, weit entfernt davon, golden zu sein. Aber die meisten haben zumindest einen Goldrand, wenn man nur gut genug hinsieht.

Ich lernte, Entscheidungen bewusst zu treffen. Die einzige, die über meine Leben bestimmt, bin ich. Und selbst, wenn ich noch so ohnmächtig erscheine – ich bin diejenige, die entscheidet, ob ich lache oder weine. Ob ich kämpfe oder die Dinge sein lasse, wie sie sind. Die entscheidet, ob schlechte Gedanken in mir einen Platz bekommen oder nicht. Und ich lernte, wieder auf mich zu hören.

Nicht auf die vielen Do's und Don'ts, die es sich in meinem Kopf gemütlich gemacht hatten. Wann zum Teufel hatte ich selbst angefangen zu glauben, ich müsste Karriere machen und verheiratet sein, um glücklich zu werden?

Der Tag des völligen Absturzes jährt sich exakt heute zum dritten Mal. Und es ist genau das passiert, wovor ich sehr lange Zeit riesige Angst gehabt hatte: Nichts ist mehr so, wie es vor dem Burn-out war. Es hat sich alles verändert. Ich wohne in einer anderen Stadt, mache eine neue Ausbildung, der Glamour ist aus meinem Leben verschwunden.

So gut wie alles ist jetzt anders. Es ist viel besser.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Depressionen

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