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Burn-out: Ich war eingesperrt. In einer Psychiatrie. Mit 27. Tiefer hätte ich nicht fallen können

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute berichtet sie von dem Moment, in dem sich hinter ihr die Türen schlossen.

Von Sophie Blau

Frau liegt auf dem Bett

Und plötzlich wacht Sophie in der Psychiatrie auf ... (Symbolbild)

Getty Images

Nun hatte ich endlich eingesehen, dass ich krank war. Dass ich Hilfe brauchte. Dass ich zu einem Psychiater musste. Dass ich nicht einmal um Psychopharmaka herumkam. Aber nein, es reichte immer noch nicht, es ging noch schlimmer: Weil mein ohnehin instabiler Zustand sich trotz Psychiater, Psychologin und Medikamenten rapide verschlechterte, sollte ich plötzlich in die Psychiatrie.

Nicht, wie anfangs besprochen, in ein paar Wochen in eine psychosomatische Klinik. Nein. In eine richtige Psychiatrie. In das, was man früher, als man jung und naiv war, ein Irrenhaus genannt hatte. Sogar die Klinik in Haar bei München war im Gespräch – die, mit der wir uns als Kinder gegenseitig aufgezogen hatten: "Wenn du dich weiter so benimmst, kommen die Männer mit den weißen Jacken und bringen dich nach Haar!"

"Nun sprach ich gar nicht mehr ..."

Ich stand unter Schock. Mehr als das Nötigste hatte ich ohnehin seit Wochen nicht mehr gesprochen, aber nun sprach ich gar nicht mehr. Viel hatte ich ohnehin nicht mehr aufzubieten – aber ich wehrte mich mit allem, was ich noch hatte. Ich blockte ab und ließ den ersten Aufnahmetermin wortlos verstreichen.

Aber schließlich hatte ich gegen die Allianz aus Ärztin, Psychologin und Eltern keine Chance mehr. Ich willigte widerstrebend ein. Am nächsten Tag würde ich mich selbst in eine Psychiatrie einweisen. Ich hatte nichts mehr zu melden.

Die Fahrt zur Klinik verbrachte ich wortlos. Ich weiß nicht, ob das, was ich spürte, noch Angst war. Am liebsten wäre ich einfach gar nicht da gewesen. Schließlich stand ich vor der verschlossenen Eingangstür. Beinahe wäre ich dagegen gerannt, erst im letzten Moment hatte ich erkannt, dass die Schiebetür nicht aufging. Man ließ mich hinein und sperrte hinter mir wieder ab. 

Mein erster Blick fiel auf einen lieblosen grauen Innenhof, in dem Gestalten um einen Aschenbecher saßen, denen ich am Bahnhof aus dem Weg gehen würde. Die Fenster ließen sich nur kippen. Der Duschkopf hing hüfthoch, damit man sich daran nicht erhängen konnte. Am Nachmittag erklärte man mir auch noch, dass ich das Gebäude nur zu bestimmten Zeiten und vorerst auch nur in Begleitung verlassen durfte. Ich war eingesperrt. In einer Psychiatrie.

Immerhin: Meine Zimmernachbarin war sehr nett und ziemlich normal. Sie war jemand, dem ich am Bahnhof nicht ausweichen würde. Und die Schwestern und Ärzte waren freundlich. Trotzdem saß ich den ganzen Nachmittag und Abend regungslos auf meinem Bett und starrte aus dem Fenster. Ich saß in einer Psychiatrie. Mit 27. Tiefer hätte ich nicht fallen können. Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich an diese eigenwillige Umgebung gewöhnt hatte. Aber dann begann sie, mir wider Erwarten sogar gut zu tun: Alle hatten einen Dachschaden, also durfte ich auch einen haben. Ich war nicht ständig mit meinem alten Leben konfrontiert. Und plötzlich verstand ich, was die Ärztin gemeint hatte, wenn sie von einem "Schutzraum" gesprochen hatte.

Wie ein kleiner Spiegel der Gesellschaft

Bald stellte ich auch fest, dass die allermeisten Patienten, die mit mir hier waren, umgänglich und freundlich waren. Die Psychiatrie war wie ein kleiner Spiegel der Gesellschaft. Dort trafen alle aufeinander: Manager. Kindergärtnerinnen. Bankkaufleute. Bundeswehrsoldaten. Arbeitslose. Ärzte. Friseure. Rentner. Schüler. Ich war in bester Gesellschaft. Der Austausch mit Leuten, denen es so ging wie mir, tat gut – endlich verstand jemand, wie ich mich fühlte! Auch mein Terminkalender, der plötzlich mit einem umfassenden Therapieangebot gefüllt war, war wichtig: Ich hatte etwas zu tun und ich schaffte es endlich wieder, alle meine Aufgaben zu bewältigen. Das Irrenhaus wurde Normalität. Tatsächlich waren nicht wenige der Tage in der Psychiatrie sogar schön.

Wie krass war der Schritt wohl für Familie und Freunde?

Drei Jahre sind seither vergangen. Heute stehe ich auf der anderen Seite: Im Rahmen meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin arbeite ich in einer Psychiatrie. Es ist hochspannend und macht mir Spaß. Manchmal fällt mir die Arbeit aber ziemlich schwer – wenn mich jemand an mich selbst erinnert. Aber nicht, weil ich um mich selbst Angst habe oder ich mit den Erinnerungen nicht umgehen kann, sondern weil mir dabei erst so richtig bewusst wird, wie krass diese Zeit für meine Familie und Freunde gewesen sein muss. Ich steckte drin in der Geschichte, ich war die Hauptrolle und konnte etwas tun. Alle anderen mussten zusehen.

Die Psychiatrie ist ein Schutzraum für Patienten, aber auch für Angehörige. Sie kann in manchen Momenten schön, sogar fröhlich und farbenfroh sein, aber auch krass und beängstigend, eigenwillig und deprimierend. Vor allen Dingen aber ist sie manchmal einfach der einzig richtige Ort, an dem man sich aufhalten sollte. Damals dachte ich, dass ich nicht tiefer hätte fallen können. Was so gesehen auch stimmt. Denn spätestens ab diesem Moment ging es (endlich) wieder bergauf.

Lest hier die vorherige Kolumne von Sophie für NEON: Ich wollte keine Pillen, hatte Angst – doch die Ärztin duldete (zum Glück) keine Widerrede

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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