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Burn-out: Ich wollte keine Pillen, hatte Angst – doch die Ärztin duldete (zum Glück) keine Widerrede

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute berichtet sie von ihrer Angst vor den verschriebenen Medikamenten.

Von Sophie Blau

Verzweifelte Frau auf einem Sofa

Sophie leidet unter Burn-out. Sie soll Pillen schlucken. Und hat Angst vor den Medikamenten. (Symbolbild)

Getty Images

"Die verändern den Kopf. Die haben krasse Nebenwirkungen. Die betäuben dich, so dass du einfach gar nichts mehr mitbekommst, nicht mehr weißt, wer du bist. Die machen abhängig, man kommt nie wieder von ihnen los."

Ich wollte "die" nicht nehmen. Auf gar keinen Fall. Psychopharmaka – ich war doch nicht irre! Das Rezept, das mir der Psychiater mir nichts, dir nichts, ohne jede weitere Info, in die Hand gedrückt hatte, löste ich einfach nicht ein. Ich hatte eingesehen, dass das Burn-out mich zugrunde richtet (lese hier den ersten Teil von Sophies Kolumne), hatte meine Probleme erkannt und mir Hilfe gesucht. Doch das ging zu weit.

Ein paar Tage später sprach ich mit meiner Hausärztin darüber. Ohne Psychopharmaka würde es nicht gehen, erklärte sie mir. Sie duldete keine Widerrede. Aber sie würde es anders machen als der Psychiater: Da ich nun schon seit Wochen nicht mehr richtig schlief, würde sie mir statt eines klassischen, antriebsstärkenden Antidepressivums ein Medikament verschreiben, damit ich wieder schlafen könnte. Vielleicht käme der Antrieb ja von alleine wieder, wenn ich erstmal wieder ausgeschlafen war.

Die Aussicht auf ruhigen Schlaf besiegte meine Skepsis

Ich war immer noch skeptisch. Aber keine Albträume mehr zu haben – diese Aussicht besiegte meine Angst und Skepsis. In den vergangenen Monaten hatte ich nicht nicht geschlafen, aber ich schlief Nacht für Nacht erst nach Stunden ein. Und wenn ich dann endlich schlief, starb ständig jemand in meinen Träumen. Meistens war ich auch noch Schuld. Diese Albträume waren furchtbar. Ich löste dieses Rezept also ein. Am Abend drückte ich die erste Tablette aus der silbernen Aluminiumverpackung, begutachtete sie ausführlich und schluckte schließlich zum ersten Mal in meinem Leben ein Psychopharmakon. Es passierte – erst mal nichts.

Ich putzte Zähne, legte mich schlafen und lag, wie immer, erstmal wach. Keine halbe Stunde später aber war es, als hätte die Tablette einfach den Knopf gedrückt, den ich selbst seit Wochen nicht mehr fand: Ich schlief ein. Und ich schlief vierzehn Stunden durch, ohne mich herumzuwälzen, aber vor allen Dingen: ohne Albträume.

Erschlagen war ich am nächsten Morgen trotzdem, der Schlaf fühlte sich irgendwie anders an. Aber es war endlich wieder Schlaf. Der Plan meiner Hausärztin ging jedoch nicht auf. Ich schlief nun zwar wieder, aber mein Antrieb kam nicht zurück. Stattdessen nahm mich die Angst immer mehr gefangen. Ich rutschte weiter der Depressionsspirale nach unten. Ich bekam nun doch ein Anti-Depressivum, das meinen Antrieb morgens stärken sollte, verschrieben. Dass ich es ohne Medikamente nicht schaffen würde, hatte ich mittlerweile auch selbst kapiert.

Am selben Abend traf ich mich mit vier Freundinnen an der Isar auf ein Bier – genauer, die anderen tranken Bier, ich trank Apfelschorle. Alkohol und Psychopharmaka vertragen sich nicht besonders gut. Im Laufe des Abends erzählte ich, was in den vergangenen Tagen passiert war, dass ich nun Tabletten schluckte.

Plötzlich nahm das Gespräch eine überraschende Wendung

Plötzlich nahm das Gespräch eine überraschende Wendung: Die anderen begannen zu erzählen. Es stellte sich heraus, dass ich auf dieser Picknickdecke nicht die einzige war, die gerade Psychopharmaka nahm. Und dass nur eine von uns fünf in ihrem ganzen Leben noch nie welche genommen hatte. Ich war gleichzeitig schockiert und erleichtert: Wie konnte es sein, dass wir alle im gleichen Boot saßen und trotzdem bis zu diesem Tag nie darüber gesprochen hatten? War ich eine so schlechte Freundin? Oder schämten sie sich so sehr dafür, dass tatsächlich nur die allerbeste Freundin Bescheid wusste? Oder vielleicht sogar überhaupt niemand?

Die Psychopharmaka holten mich innerhalb von zwei Wochen tatsächlich aus dem tiefsten Tief heraus. Damit ermöglichten sie mir eine vernünftige Therapie überhaupt erst. Sie verändern den Kopf – stimmt irgendwie, Psychopharmaka beeinflussen Vorgänge im Gehirn. Weil ein bedeutender Faktor der Entstehung einer Depression oder auch Angststörung sich eben genau dort abspielt. Und ja, manche Patienten haben mit, entschuldigt die Wortwahl, beschissenen Nebenwirkungen zu kämpfen, so ganz verschont wurde auch ich nicht.

Der Mensch ist komplex, es dauert manchmal eine Zeit, bis man die richtige Kombination für jeden Patienten gefunden hat. Und ja, es gibt Medikamente, die dich einfach betäuben, weshalb du dann nichts mehr mitbekommst. Diese Medikamente sind es auch, die (schneller) abhängig machen können. Längst gibt es aber auch moderne Antidepressiva, bei denen das nicht der Fall ist. Sie verändern dich nicht – sie stellen dich vielmehr wieder her.

Ich kann nicht für jeden Patienten sprechen, aber von mir kann ich sagen, dass ich den Schritt bis heute nicht bereue. Wichtig war meine vernünftige, beratschlagende Hausärztin. Und die Tatsache, dass mir immer klar war, dass ich auf gar keinen Fall abhängig werden darf. Es ist nicht so, dass ich beim kleinsten Problem wieder Tabletten einwerfen würde. Aber manchmal geht es eben einfach nicht ohne. Zumindest war das in meinem Fall so.

Lest hier die vorherige Kolumne von Sophie für NEON: Ich halte meinen Kopf nicht mehr aus, ich kann nicht mehr – aber wer hilft mir jetzt?

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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