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Burn-out: Ich halte meinen Kopf nicht mehr aus, ich kann nicht mehr – aber wer hilft mir jetzt?

Sie war 27, erfolgreich und liebte ihr Leben. Und dann saß sie plötzlich in der Psychiatrie. Für NEON schreibt unsere Autorin offen über ihr Burn-out. Heute berichtet sie von ihrer Suche nach einem Arzt.

Von Sophie Blau

Eine niedergeschlagene Frau sitzt auf dem Bett

Sophie (Symbolbild) hatte erkannt, dass sie Hilfe brauchte. Doch sie wusste nicht, wohin sie gehen sollte.

Getty Images

Nein, natürlich tat mir nichts weh. Ich hatte keine Beschwerden, bei denen man weiß, zu welchem Arzt man geht. Zahnarzt, Orthopäde, Augenarzt – jeder weiß, wann man welchen Fachmann besuchen sollte, wenn der Körper schmerzt. Doch ich war in einer anderen Situation. Irgendwie war einfach alles außer Kontrolle geraten, ich hielt meinen eigenen Kopf nicht mehr aus, ich konnte nicht mehr. Aber wer hilft mir dann eigentlich?

Natürlich hätte ich einfach im Internet recherchieren können, nachdem ich nach langer Leidenszeit endlich eingesehen hatte, dass ich Hilfe benötige. Dafür hätte ich jedoch Energie gebraucht. Aber Energie hatte ich nicht mehr. Es reichte ja mittlerweile kaum noch, um die Fassade im Alltag aufrecht zu erhalten. Wie sollte ich da auch noch stundenlang in diesem undurchsichtigen Dschungel recherchieren oder Ärzten hinterhertelefonieren? Also tat ich das gleiche wie die Monate zuvor: nichts.

Es waren nun schon Wochen vergangen, bis ich mir eingestanden hatte, dass ich krank war. Und nun vergingen wieder Wochen, in denen ich nicht die Kraft fand, mich um mich selbst zu kümmern. Schlussendlich waren es zwei Freundinnen, die mich ungefragt vor vollendete Tatsachen stellten und Termine bei einem Psychiater (Wartezeit: sechs Wochen) und einem Burnout-Zentrum für mich vereinbart hatten.

Endlich hatte ich den langersehnten Ansprechpartner und wusste, wohin mit allen meinen Fragen, Sorgen und Ängsten. Ich wurde schließlich von meiner Hausärztin endlich krankgeschrieben und von Kopf bis Fuß durchgecheckt. Relativ schnell stand fest, dass eine stationäre Behandlung, also ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, in meinem Fall die beste Lösung war. Auch wenn ich mich bei der Psychologin und meiner Hausärztin, die Hand in Hand arbeiteten, bestens aufgehoben fühlte, musste ich wohl oder übel zusätzlich noch den Termin beim Psychiater wahrnehmen. Der nämlich musste das Gutachten für die Klinikanmeldung erstellen, das die Krankenkasse verlangte. 

Ich hatte Angst davor. Auch wenn ich nun schon drei Wochen krankgeschrieben war und in therapeutischer und medizinischer Behandlung war – dieser eine Arztbesuch würde mir nun endgültig den Stempel "psychisch krank" aufdrücken. Dann konnte ich auch mir selbst nichts mehr vormachen.

Ich hatte Angst vor dem, was mich erwartet

Zusätzlich beunruhigte es mich ziemlich, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, was mich überhaupt erwartete. Eine Couch? Irgendwelche seltsamen Apparaturen? Lauter Verrückte im Wartezimmer? Nichts davon. Zum Glück. All die Befürchtungen in meinem Kopf, sie wurden nicht erfüllt. 

Das Gebäude, in dem sich die Praxis befand, wirkte völlig normal. Auch der Eingangsbereich: völlig normal. Die Dame am Empfang vielleicht ein bisschen freundlicher als üblich. Und auch die zwei Menschen, die außer mir noch im Wartezimmer saßen: völlig normal. Meine Nervosität blieb trotzdem. Als ich dem Psychiater schließlich gegenüber saß, war ich mit der einfachen Frage "Warum sind Sie hier?" überfordert. Was sollte ich nur sagen? Wie erkläre ich jemanden, was gerade passiert, wenn ich selbst gar nicht weiß, was passiert?

Es gelang mir nicht wirklich, ich stotterte unsicher und unzusammenhängend ein paar Sätze. Der Psychiater schien wenig Zeit zu haben und machte relativ kurzen Prozess: Ich sollte es erstmal mit ein paar Tabletten probieren und mich um einen Psychotherapeuten für eine Gesprächstherapie kümmern. Und dann in einem Monat wieder kommen. Damit komplimentierte er mich aus seinem Behandlungszimmer.

Ich war fast ein wenig enttäuscht

Der Termin war derart unspektakulär und wie jeder andere Arztbesuch auch gewesen, dass ich fast ein wenig enttäuscht war. Außerdem hatte ich nicht das Gefühl gehabt, ernstgenommen zu werden. Also löste ich das Rezept erstmal nicht ein – ich wollte noch die Meinungen meiner Psychologin und der Hausärztin einholen. Ich hatte riesiges Glück: Die beiden bauten mir ein wasserdichtes Auffangnetz und kümmerten sich intensiv um mich. Allein hätte ich es nicht geschafft, mich mit dem Wirrwarr an Behandlungsmöglichkeiten und alternativen Ansprechpartnern auseinanderzusetzen.

Ich brauchte meine Freundinnen, die die ersten Termine für mich vereinbart hatten. Und ich brauchte jemanden, der mich an der Hand nahm. Für Notsituationen abends oder am Wochenende, wurde mir immer wieder gesagt, gab es auch psychiatrische Ambulanzen und Notaufnahmen. Auf gar keinen Fall sollte ich mich scheuen, dorthin zu gehen: "Wenn Sie sich den Fuß brechen würden, stünde es ja auch völlig außer Frage, nicht wahr, Frau Blau?" Sie hatten Recht. Natürlich hatten sie Recht. Nur hatte das in meiner Situation bis dahin einfach nicht erkennen können.

Lest hier den ersten Text von Sophie für NEON: Mein Leben lag in Scherben – dennoch war das Burn-out das Beste, was mir je passiert ist.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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