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Tag des Tagebuchs: Schreiben gegen das Chaos im Kopf – eine Liebeserklärung an das Tagebuch

Der Tag des Tagebuchs soll Menschen dazu ermuntern, ihre Gedanken, Gefühle und Erlebnisse öfter aufzuschreiben. Unser Autor kann das nur empfehlen. Er schreibt gegen das Chaos in seinem Kopf an.

Mann schreibt mit Kugelschreiber in ein Buch

Schreiben hilft dabei, die Gedanken zu ordnen

Pexels

Liebes Tagebuch,

wahrscheinlich wunderst du dich jetzt. Wir kennen uns nun schon viele Jahre, aber so angesprochen habe ich dich noch nie. Normalerweise quatsche ich immer gleich drauf los. Und normalerweise geht es dabei auch um mich und das, was in meinem Leben passiert. Aber heute, zum Tag des Tagebuchs, da geht es mal um dich: meinen Zuhörer, meinen emotionalen Mülleimer, meinen treuen Begleiter. Und zwar, auch das wird für dich sehr ungewöhnlich sein, nicht nur unter uns beiden, sondern in aller Öffentlichkeit. 

Fast jeden Tag erzähle ich dir, was mich beschäftigt – du hast alles mitgekriegt: Liebeskummer, Jobwechsel, Umzüge, Abschlüsse, Zukunfts- und andere Ängste, Freunde, die kamen und gingen, Erfolge und Enttäuschungen, die großen Fragen des Lebens und kleine, irrelevante Nacherzählungen von Alltagssituationen. Wenn du so wärst wie wir Menschen, hättest du wahrscheinlich oft mit den Augen gerollt und gefragt: Schon wieder? Hast du aber nicht. 

Denn Papier ist ja bekanntlich geduldig – dabei bestehst du noch nicht einmal aus Papier, sondern bist "nur" eine passwortgeschützte Word-Datei auf meinem Computer. (Klingt jetzt etwas komisch, aber in meiner Schreibtischschublade liegt ein Briefumschlag mit dem Passwort. Vielleicht möchte dich mal jemand verfilmen.)

Es gibt Menschen, die mich länger kennen, aber wahrscheinlich kennt mich niemand so gut wie du. Denn Tagebuchschreiben ist ja viel mehr als Lebensereignisse zu protokollieren. Dank dir habe ich eine beinahe lückenlose Geschichte meiner letzten Jahre, ich kann nachvollziehen, wann ich welchen meiner Freunde zum ersten Mal getroffen habe, wann es mir wie ging und was mich in welcher Phase bewegt hat. Die Erinnerung täuscht oft, wir Menschen neigen dazu, vieles im Rückblick zu verklären oder zu verteufeln. 

Du bist mein realistischer Blick auf die Vergangenheit. Am Ende jeden Jahres nehme ich mir dich noch einmal vor und lese mich durch das vergangene Jahr – das ist mein persönlicher Rückblick. Es ist spannend zu sehen, was sich getan hat. Und manchmal ernüchternd, dass sich vieles eben doch im Kreis dreht.

Im Kreis drehen sich ja oft auch die Gedanken. Tagebuch zu schreiben ist da eine Methode, die zumindest mir hilft: Das Gespräch mit dir ist eigentlich meist ein Selbstgespräch, es zwingt mich dazu, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, auch wenn das nicht immer angenehm ist. Schreiben ist ein Prozess, der die Gedanken ordnet, und manchmal der einzige Weg, ein wenig Ordnung in das Chaos im Kopf zu bringen. Es hilft, die Dinge aufzuschreiben, ihnen eine Form, eine Reihenfolge zu geben. Selbst wenn man sie danach gleich wieder durchstreicht.

Der heutige Tag des Tagebuchs geht zurück auf den Geburtstag von Anne Frank, der wohl berühmtesten Tagebuchschreiberin. Am 16. März 1944 notierte sie in ihrem rot-weißen Büchlein: "Am besten gefällt mir, dass ich das, was ich denke und fühle, wenigstens aufschreiben kann, sonst würde ich komplett ersticken." Liebes Tagebuch, manchmal verstehe ich ziemlich gut, was sie meinte.

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