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Soziale Isolation: Nie allein, aber auch nie wirklich zusammen – warum so viele junge Menschen so einsam sind

Facebook, Sportverein, Arbeit, Dating-Apps – es gibt tausend Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen und jeder von uns kennt tausend Leute. Aber warum sind viele dann trotzdem so einsam?

Frau alleine, nach der viele Hände greifen

Viele Bekannte, viele Kontakte – aber wo bleiben die echten Freunde? Einsamkeit ist ein oft unterschätztes Problem

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Es war auf einer WG-Party, in einer lauen Sommernacht, und wir standen auf dem Balkon. Sie, Ende 20, eine gute Bekannte, zu allen nett, meistens gut drauf, mit dem, was man wohl Ausstrahlung nennt. Immer mit Menschen um sich herum, wahrscheinlich auch von vielen bewundert. Jetzt, ein gutes Stück nach Mitternacht und ein paar , fing sie an zu reden.

Darüber, dass sie zu selten wirklich reden könne. Über ihre beiden engsten Freundinnen, die weggezogen waren. Einen Freund hatte sie ohnehin nicht. Dann über die Ungewissheit und Oberflächlichkeit, die die meisten ihrer Beziehungen zu anderen Menschen prägten. Und schließlich sagte sie den Satz, auf den das alles hinauslief, den ich ihr aber nie zugetraut hatte: "Manchmal bin ich richtig einsam."

Volkskrankheit Einsamkeit – auch bei Jüngeren

wird oft als Volkskrankheit in modernen Gesellschaften tituliert, als legitimer Nachfolger von Diabetes, Bluthochdruck und Rückenschmerzen. In Großbritannien wurde kürzlich die erste Ministerin für Einsamkeit ernannt. "Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens", sagte Premierministerin Theresa May zu diesem Anlass. Oft aber denken wir dabei nur an Menschen über 60, deren Partner und Freunde gestorben sind und deren Kinder ihr eigenes Leben leben.

Dabei ist Einsamkeit bei jungen Menschen mindestens genauso ausgeprägt – wenn nicht sogar noch stärker. Eine repräsentative Umfrage aus dem vergangenen Jahr ergab, dass junge Erwachsene die Bevölkerungsgruppe sind, die am stärksten darunter leidet. 17 Prozent zwischen 18 und 29 Jahren gaben an, sich ständig oder häufig einsam zu fühlen, nur jeder Zehnte kennt das Gefühl gar nicht.

Gründe dafür gibt es viele. In einer fragmentierten Gesellschaft, in der jeder seinen Weg sucht und geht, greifen die traditionellen Zusammengehörigkeitsmechanismen zu Familien und gesellschaftlichen Schichten immer weniger. Wir ziehen weg, verlieren den Kontakt zu unseren bisherigen Freunden, lernen neue kennen, die dann auch wegziehen und zu denen wir den Kontakt wieder verlieren.

Wen kennen wir wirklich? Und wer kennt uns?

Das mutet absurd an, denn wir haben doch unzählige Möglichkeiten, Menschen kennenzulernen – sei es im realen Leben oder online. Wir sind doch alles Networker. Und tatsächlich kennt jeder von uns ja auch hunderte Menschen. Familie, Schulfreunde, Kommilitonen, Arbeitskollegen, Mitbewohner, Nachbarn, Leute aus dem Sportverein oder was wir halt sonst so machen. Aber wen davon kennen wir wirklich? Und wer kennt uns?

Viele dieser Beziehungen bleiben auf einem oberflächlichen Level stecken. Man kann viele Stunden mit jemandem verbringen, ohne ihn wirklich kennenzulernen. Ohne zu wissen, wer er ist und was ihn beschäftigt – und andersherum. Wir haben sogenannte Freunde fürs Fußballgucken und -spielen, fürs Kino und für Konzerte, fürs Tanzen und für Hipster-Restaurants. Würde man all das aber einmal wegnehmen, würde uns mit vielen von ihnen gar nichts mehr verbinden. Wir wüssten nicht, worüber wir reden sollten, die Freunde hätten ihre Funktion verloren. 

Genau das ärgert viele junge Menschen – und scheinbar nicht nur in meinem Umfeld: Kaum jemand ist allein, der nicht allein sein will. Nur zusammen ist man irgendwie auch nie so wirklich. Alles bleibt Show, unverstanden, stümperhaft. Nur nicht zu nahekommen, nur niemanden zu nahe an sich heranlassen. So entsteht in vielen ein soziales Loch, das sich nicht auf die Schnelle stopfen lässt. Und das immer größer wird.

Alleinsein bedeutet nicht gleich Einsamsein

In Wirklichkeit gibt es "einen Unterschied zwischen allein sein und sich allein fühlen", meint nicht nur der US-amerikanische Psychologe John T. Cacioppo, der viel zu dem Thema geforscht hat. Noch nicht einmal eine Liebesbeziehung sei ein Allheilmittel. Entscheidend ist, einen Ort und (mindestens) eine Person zu haben, bei der man so sein kann, wie man ist, bei der man sich verstanden fühlt. Das können noch so viele unverbindliche Treffen und Großevents in der Woche nicht aufwiegen.

Wir reden nicht gerne darüber. Es ist schon schwierig, jemandem zu erklären, warum man gern freiwillig einen Abend allein verbringen würde. Sich zum unfreiwilligen Alleinsein, also der Definition von Einsamkeit, zu bekennen, traut sich kaum jemand. Und so verstärkt sich dieser Effekt immer wieder: Jeder glaubt, der einzige zu sein, dem es so geht.

Dabei ist es wichtig, das Bewusstsein für das Problem zu schärfen – und zwar nicht erst bei Senioren. Einmal von der psychischen Belastung in der Gegenwart abgesehen, ist Einsamkeit laut aktueller wissenschaftlicher Studien sogar gesundheitsgefährdender als Fettleibigkeit. So gesehen ist Einsamkeit sogar "nur" ein Signal, das vor Schlimmerem warnen soll: “Körperlicher Schmerz schützt den Menschen vor physischer Gefahr. Einsamkeit hat sich aus einem ähnlichen Grund entwickelt: weil sie den Menschen vor der Gefahr schützen soll, isoliert zu bleiben", schreibt Wissenschaftler Cacioppo in seinem Buch "Loneliness".

Qualität in Beziehungen ist entscheidend

Wie also entkommt man der Spirale der Einsamkeit? Dafür kann es hilfreich sein, noch einmal die nüchterne Erkenntnis von Niklas Luhmann, dem wohl wichtigsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, aufzurufen: "Das personale Element in sozialen Beziehungen kann nicht extensiviert, sondern nur intensiviert werden", schrieb der 1994 in seiner bekannten Studie "Liebe als Passion". Heißt auf Deutsch: Tiefe ist in Beziehungen entscheidend, nicht Zeit. Qualität statt Quantität. Und – eine fast ebenso nüchterne Erkenntnis: Wenn du keinen Freund findest, sei selbst einer. Wer sich von anderen Offenheit und Ehrlichkeit erhofft, sollte vielleicht selbst damit anfangen, seine Freundschaften auf ein Level zu heben, das diesen Namen verdient.

John Cacioppo kennt viele Menschen, die unter Einsamkeit leiden – und viele, die den Weg aus ihr hinaus gefunden haben. Er hat vier Tipps:

  • größerer Aktionsradius: nicht passiv bleiben, sondern auch mal selbst neue Leute kennenlernen.
  • positive Erlebnisse: Wer merkt, dass er auch bei anderen gut ankommt, traut sich auch öfter in die Interaktion mit anderen Menschen.
  • Wahrnehmung üben: Durch häufigeren Kontakt mit anderen auf einer bestimmten Ebene lernen wir, darauf wiederum angemessen zu reagieren
  • positives Denken: Bei jedem Kontakt mit anderen Menschen das Beste erwarten. Je positiver wir auf andere zugehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch positiv auf uns reagieren.

Auch gehe es nicht nur darum, einfach mit anderen Menschen Zeit zu verbringen oder Unterstützung zu bekommen. Es stimme zwar: "Wenn du im Krieg bist, brauchst du eine kleine Armee um dich herum." Aber ebenso wichtig sei es, etwas für andere zu tun.

Interessanterweise gibt es weder im Deutschen noch im Englischen ein Wort für den Gegensatz zu Einsamkeit. Die britische Literaturstudentin Marina Keegan, die 2012 mit 22 Jahren bei einem Autounfall starb, hat aber eine schöne Umschreibung dafür gefunden. Ihre Texte wurden nach ihrem Tod unter dem Titel "Das Gegenteil von Einsamkeit" veröffentlicht. Ein Satz daraus spricht wohl vielen aus ihrer Generation aus dem Herzen: "Wir haben kein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit, aber wenn es eins gäbe, könnte ich sagen, genau das will ich im Leben."