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TV-Kritik

"Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers": Das Leben der Anderen – Stadtgeschichten aus Hamburg

Ben kutschiert mit seinem Uber täglich Fahrgäste durch die Stadt und lernt dabei verschiedene Menschen und Schicksale kennen. Viel mehr passiert nicht in "Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" - und doch entwickelt die Serie einen eigentümlichen Sog.

"Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers"

Der Uber-Fahrer Ben (Kostja Ullmann) befördert nicht nur menschliche Fahrgäste. Dieser Hund hat eine besondere Vorliebe für die Musik von Herbert Grönemeyer.

Idealerweise ist jeder Mensch der Kapitän seines Lebens: Die Person, die fest das Ruder in der Hand hält und den Kurs bestimmt. Bei Ben (Kostja Ullmann) ist das etwas anders: Der einzige Kurs, den er bestimmt, ist die Fahrstrecke seines Wagens. Er ist nämlich Uber-Fahrer in Hamburg. Ansonsten ist er mehr Statist seines Lebens, von seiner Umwelt kaum als eigenständige Person wahrgenommen.

Seine Fahrgäste behandeln ihn entweder wie Luft - sie unterhalten sich über intimste Details aus ihrem Sexleben, während er am Steuer sitzt - oder sie missbrauchen ihn für ihre eigenen Zwecke. Eine Frau probt mit ihm, wie sie gleich ihren Freund abserviert: "Du stinkst aus der Nase", knall sie ihm an den Kopf. Worte, die nicht für ihn bestimmt sind, aber dennoch irritieren. Ein anderer Gast nötigt den Fahrer, sich am Telefon als Ex-Chef auszugeben und ihm beste Referenzen auszustellen.

Privat läuft es auch nicht viel besser. Ben wird zwar in wenigen Wochen Vater eines Kindes, doch das entstand aus einem One-Night-Stand, und die Mutter (Claudia Eisinger) ist an einer festen Beziehung nicht interessiert. 

Joyn hat schon mit "Mapa" für Aufsehen gesorgt

"Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" ist die neueste Produktion von Joyn+, dem kostenpflichtigen Streamingportal von ProSieben. Ähnlich wie die vor wenigen Wochen veröffentlichte Serie "Mapa" schlägt sie einen ganz eigenen Ton an: Hier wird keine dramatische Handlung vorangetrieben, denn so richtig passiert hier gar nichts. Fahrgäste steigen in den Wagen von Ben ein und steigen wieder aus. Als Zuschauer werfen wir einen kurzen Blick in die Leben dieser Menschen, ehe sie verschwinden. Einmal transportiert er einen Hund, der auf die Musik von Herbert Grönemeyer steht.

Es ist wie im wirklichen Leben, auch da kreuzen sich unsere Wege mit anderen Leuten, und wir bekommen immer nur einen kleinen Ausschnitt mit. Die einzelnen Stränge werden nicht aufgelöst. Der einzige rote Faden, der sich durch die sechs Folgen zieht, ist die sanfte Charakterentwicklung von Ben, der langsam Verantwortung für sein eigenes Leben übernimmt und eine zarte Beziehung zur Mutter seines Kindes aufbaut. 

Viele Stars

Für die Rollen der Fahrgäste konnten hochkarätige Schauspieler gewonnen werden: Ob Fahri Yardim, Pheline Roggan, Edin Hasanovic, Lars Rudolph oder Timur Bartels - sie alle wollten bei der Serie (Buch: Georg Lippert; Regie Julian Pörksen) mitmachen.

Neben dem ruhig dahingleitenden Erzählfluss sind es vor allem die betörenden Impressionen von Hamburg, die diese Serie so sehenswert machen. Wer sich immer gewundert hat, wieso Hanseaten ihre Heimat als "schönste Stadt der Welt" bezeichnen wird nun verstehen, woher dieses Gerede kommt. 

"Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" steht ab sofort bei Joyn+ zum Abruf bereit.