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Selbstversuch eines Sportmuffels: Meine erste Spinning-Stunde: Warum ich trotz akuter Angst vor dem Erbrechen wieder hingehen werde

Normalerweise drückt sich unsere Autorin mit Leidenschaft vor dem Sport. Doch irgendetwas trieb sie dazu, zum Spinning zu gehen. Wieso es heilsam sein kann, sich in einem stickigen Raum totzustrampeln.

Frau auf Spinning-Rad

"Ich hätte beim ersten Mal beinahe gekotzt", sagten die Kollegen. Nicht besonders ermutigend.

Getty Images

Wir laufen im Dunkeln die Strecke von einer U-Bahn-Station zur nächsten. Ich bin diesen Weg schon 1000 Mal gelaufen, brauche dafür normalerweise vielleicht sieben Minuten. Heute brauchen wir länger. Viel länger. Von hinten nähern sich in einem Affenzahn zwei Spaziergänger. Wahrscheinlich sind es sogar Jogger. Wir springen – gefühlt in Zeitlupe, aber gerade noch rechtzeitig – aus dem Weg und lassen die zwei leicht gebeugt gehenden Seniorinnen mit dem winzigen, bemantelten Hund an uns vorbeiziehen. Den Rest des Weges sprechen wir nicht viel. Ich denke an mein Treppenhaus, das ich gleich bis in den dritten Stock werde erklimmen müssen, bevor ich endlich auf dem Flurboden kollabieren kann. Was war passiert?

Meine Freundin und ich waren gerade beim Sport – beim Spinning, um genau zu sein. Zuletzt war ich mit zwölf oder dreizehn tatsächlich "sportlich aktiv". Oder ging zumindest mit einigermaßener Regelmäßigkeit zum Karate. Seitdem war ich bei unzähligen Fitnessstudios angemeldet, hatte immer wieder große Pläne und gute Vorsätze und drückte mich schlussendlich doch. Man könnte mich ohne weiteres als "unfit" beschreiben. Ich kann also nicht wirklich erklären, wieso mich die Plakate an der U-Bahn ansprachen. Vielleicht weil die Frau auf ihrem Rad so glücklich aussah. Die grinste, ihre Haare flogen – es wird suggeriert, dass Spinning nicht etwa Sport, sondern eigentlich eine riesige Party ist. Auf einem Fahrrad. Klang super.

Spinning ist der absolute Horror – sagen die Kollegen 

An einem kalten Montagabend finden wir uns also in einem Fitnessstudio im Hamburger Stadtteil Eppendorf wieder. Dass wir überhaupt hier sind, fühlt sich schon wie ein riesiger Erfolg an. Wir waren heute mehrfach SO kurz davor, doch zu kneifen und lieber irgendwo nett einen Wein trinken zu gehen. Besonders weil uns die Kollegen den ganzen Tag Horror-Geschichten erzählt haben! Ob wir uns im Klaren darüber wären, dass wir uns auf keinen Fall überanstrengen dürften, wenn wir vermeiden wollten, entweder vom Rad zu kippen oder im Strahl zu brechen? Ja, würden wir gerne vermeiden. Ob wir wüssten, worauf wir uns da eingelassen haben? Äh, ganz offensichtlich nicht.

Das mit der Bammel wird nicht besser, als der Kurs vor uns aus dem Raum kommt. Einige von denen sehen gleichzeitig tomatig und weiß um die Nasenspitze aus. Und es ist dringend davon auszugehen, dass DIE das im Zweifel nicht zum ersten Mal gemacht haben. Mir ist ein bisschen schlecht. Ist es zu spät, um wieder zu gehen? Und dann geht's auch schon los.

Uns wird erklärt, wie wir das Fahrrad einstellen müssen und man schnallt uns mit den Schuhen an den Pedalen fest. Meine größte Angst: Dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt das Gleichgewicht verlieren, mit den Füßen hängenbleiben, fallen und die ganze Reihe wie im Domino-Effekt mit umreißen werde. Ich denke lieber an was anderes und schaue mich im ziemlich dunklen, nur von einer Art farbiger Lichtshow erleuchteten Raum um. Die anderen Radler sehen alle WAHNSINNIG motiviert aus und haben ihre Handtücher über dem Lenker drapiert. Ich tue es ihnen gleich.

Für einen kurzen Moment mal an nichts zu denken, kann ziemlich guttun 

Die nächsten 45 Minuten sind ein Wirrwarr aus Schweiß, lauter Musik (ich glaube, zu irgendeinem Zeitpunkt lief sogar Andreas Gabalier?!) und noch mehr Schweiß. Die nette Frau mit den endlos langen Haaren, die uns die ganze Nummer vorturnt, scheint einfach nicht müde werden zu wollen. Und holte, als ich dachte, mein Ende sei nah, auch noch die Hanteln raus. Aber irgendwie haben wir es geschafft. Und irgendwie bin ich irgendwann an dem Punkt angekommen, von dem immer alle beim Yoga schwärmen: Ich habe an nichts gedacht, außer daran, nicht vom Fahrrad zu kippen. Habe für einen kurzen Moment alles vor der Tür gelassen und mich nur auf das konzentriert, was ich in diesem Moment getan habe. Das hatte ich, als gnadenloser Wälzer und Überdenker, für völlig unmöglich gehalten. Und es tat gut.

Ich will nicht lügen, ich bin nicht ohne Vorurteile an die Sache rangegangen. "Die kann mich noch so viel motivierend anschreien, wenn ich nicht mehr kann, kann ich halt nicht mehr", war mein Motto. Und doch stellt sich heraus: Ich habe pawlowsche Oberschenkelmuskeln. Strampelte ich für einen kurzen Moment im Sitzen weiter und stellte mich dann wieder auf, wurde das meist mit einem freundlichen Lächeln der Trainerin belohnt. Als wollte sie sagen: "Gut so! Schön, dass du dich überwindest und ich bin stolz, dass du noch nicht im Strahl gebrochen hast." Für mich Anreiz genug, um die nächste Schwächephase nach einem kurzen Seitenblick ihrerseits kürzer zu gestalten – trotz akuten Oberschenkelbrennens.

Und auch wenn meine Beine sich nach 45 Minuten anfühlten, als habe man meine Knie gegen Slinky-Spiralen ausgetauscht und ich einen Tag später den Muskelkater des Todes habe, der laut den super ermutigenden Kollegen morgen noch schlimmer werden wird, werde ich mich wohl in baldiger Zukunft wieder auf dem Spinning-Rad einfinden. Wer weiß, vielleicht schaffen meine Oberschenkel und ich es ja irgendwann ganz ohne Hinsetzen.

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