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Misophonie: Wenn Leute kauen, will ich sie erschlagen – diese Studie zeigt, dass das ganz normal ist

Wenn Menschen um sie herum laut kauen, hat unsere Autorin das dringende Bedürfnis, ihnen ihr Essen ins Gesicht zu werfen. Während das ein bisschen übertrieben klingt, hat eine Studie jetzt bewiesen, dass es noch mehr Menschen so geht – und ihr Hirn tatsächlich anders tickt.

Frau hält sich die Ohren zu

Essgeräusche machen unsere Autorin irrational aggressiv – und nicht nur sie (Symbolbild)

Getty Images

Eigentlich gehe ich total gerne ins Kino. Wirklich. Die lauschigen Sessel, das schummrige Licht, die staubigen Vorhänge – da krieg ich jetzt schon wieder Lust drauf. Aber jedes Mal, also wirklich jedes Mal, läuft es mir kurz bevor die Trailer losgehen kalt den Rücken runter. Denn das ist normalerweise der Moment, in dem die Menschen beginnen, sich über ihre Snacks herzumachen. Popcorn, Nachos, Schokolinsen, ganz egal – alles wird geschaufelt, als würde es einen Preis für denjenigen geben, der noch vor der Nennung des Produzenten alles restlos aufgegessen hat.

Für mich ist das der Moment, in dem ich tiiieef in meinem Kinosessel versinke, mir die Arme über die Ohren halte und dem Moment entgegenfiebere, in dem in ohrenbetäubender Lautstärke die losgeht und all die Geräusche in der Umgebung übertönt. Denn Kaugeräusche machen mich aggressiv. Das Knurpsen von Nachos, das saugende Geräusch, das der Mund macht, wenn man sich eine Hand voll Popcorn in den Mund wirft, das Knacken, wenn der Kiefer sich an einem besonders widerspenstigen Weingummi abrackert.

Zu sagen, dass ich diese Geräusche nicht mag, wäre völlig untertrieben. Ich kann spüren, wie mein Herz schneller schlägt, die Töne scheinen sich durch meine Ohren direkt in meine Brust zu fressen und auf dem Weg noch einen Abstecher durchs Gehirn zu machen. Ich kann sie nicht ausblenden, ich kann nichts anderes hören und das, was ich höre, macht mich unwahrscheinlich aggressiv. In meinem Kopf wimmeln die schlimmsten Schimpfworte, die mir einfallen, ich verspüre das dringende Bedürfnis dem Popcorn-Fan vor mir eine saftige Ohrfeige zu verpassen, ihn laut darüber zu informieren, dass man NICHT IMMER DIREKT WIEDER MIT DER HAND IN DIE TÜTE MUSS – DU HAST NOCH NICHT MAL AUFGEKAUT – ZÜGEL DICH DOCH MAL – WAS SOLL DIE SCHEISSE – und ihm dann seine Tüte aus der Hand zu reißen, um damit die Frau mit den Nachos drei Reihen vor uns abzuwerfen.

Ich weiß, dass das völlig übertrieben klingt 

Das klingt übertrieben, das weiß ich. Ist es aber leider nicht. Ich verlasse nie ohne Kopfhörer das Haus, falls sich irgendein Depp in der Bahn entscheidet, sich ein Kaugummi einzuwerfen. Ich habe schon Freunde dazu gezwungen, mir ihr Kaugummi in die Hand zu spucken, weil sie beim Kauen einfach nicht den Mund geschlossen halten konnten. Selber Schuld. Es sollte meiner Meinung nach ohnehin einen Kaugummi-Führerschein geben. Nur wer den Test an der Kasse besteht, darf die Packung mitnehmen. Denke ich schon länger drüber nach. 

Diese Art von Wut tritt tatsächlich nur in diesen Situationen auf. Ich bin ein zutiefst tiefenentspannter Mensch. Ich schreie selten, streite mich nur sehr ungern und habe noch nie jemandem mit voller Absicht wehgetan – weder physisch noch emotional. Lange dachte ich, ich wäre damit allein. Dann traf ich meinen besten Freund und hatte nun zumindest jemanden, dem ich all die schlimmen Schimpfwörter schicken konnte, wenn mal wieder jemand irgendwo einen Apfel aus dem Rucksack kramte. Und seit einiger Zeit ist nun klar: Misophonie – die übertriebene Empfindlichkeit für spezifische Geräusche – ist tatsächlich real. Eine Studie der Newcastle University fand heraus, dass die Gehirne von Menschen mit Misophonie tatsächlich anders auf die Geräusche reagieren als die Gehirne anderer Menschen. 42 Probanden (von denen 20 über ähnliche Probleme wie meine klagten) bekamen verschiedene Geräusche vorgespielt, während ein MRT-Gerät ihre Gehirnströme maß.

Misophonie: Wenn das Gehirn übersteuert 

Die Studie, die im medizinischen "Current Biology"-Journal veröffentlich wurde, fand heraus: Der vordere Bereich des Gehirns, in dem Sinneswahrnehmungen und Emotionen verbunden werden, war bei Menschen mit Misophonie besonders aktiv. Und während generell nervige Geräusche eine Reaktion erzeugten, führten die "Trigger-Geräusche" einer bestimmten Person dazu, dass die entsprechenden Hirnströme übersteuerten. Dr Sukhbinder Kumar der Universität in Newcastle sagte hierzu: "Sie übersteuern, wenn sie diese Geräusche hören. Aber diese Reaktion beschränkte sich wirklich auf die Trigger-Geräusche. Die Reaktion ist vor allem Wut, kein Ekel. Die Wut dominiert – es sieht erst aus wie eine normale Reaktion und dann übersteuert sie." 

Nun wolle man herausfinden, ob sich die Situation verschlimmert oder verbessert, davon abhängig, was gerade sonst im Leben der Betroffenen passiert. Ich bin einfach nur froh, dass ich im Zweifel auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren kann, sollte ich doch mal jemanden mit Weingummis ersticken.

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