HOME

Von wegen Indien: OMMM my God: Ein Ashram mitten in Bayern!

Unsere Autorin, die sonst eher die Hipster-Yoga-Tempel Berlins kennt, hat sich darauf eingelassen, mitten in Bayern zwei Tage mit Shanti-Shanti-Gesängen unter den Regeln des Yogas auf die Suche nach sich selbst zu gehen. Und hat zuerst ein ganz schönes Chaos in sich gefunden...

Von Stephanie Morcinek

Ausgestreckte Hand im Wald

Du liebst Yoga, Ayurveda und wolltest schon immer mal in ein Ashram nach Indien? Einziger Haken: Die Kohle! Am Schliersee in Bayern gibt es ein Yogahaus, das einem indischen Meditationzentrum sehr ähnelt. (Symbolbild)

Unsplash

Die Schuhe müssen leider draußen bleiben! Ich folge dem Hinweis auf dem Schild und stelle meine geliebten Sneaker zu den Birkenstocks, Wanderschuhen und Trekkingsandalen, die bereits im Eingangsbereich des Yogahaus Samvit abgestellt wurden. Es soll kein Schmutz hineingetragen werden an den Ort, der für Meditation und die alte indische Yogalehre steht. Beim Weitergehen folgt bereits das nächste Gebot: "Eine Tür kann man öffnen, man kann sie aber auch wieder schließen." Okay, verstanden. Immer Türen zu. Ganz schön unentspannt, was man hier alles beachten muss, denke ich mir, als ich auf das große Klavier zulaufe, das wohl die Rezeption zu sein scheint.

Dabei dachte ich, Yoga sei die entspannteste Lehre überhaupt. Und ein Yogahaus, wie das hier am Schliersee, scheint diese Gelassenheit schon beim Betreten zu verströmen. Leider Fehlanzeige! Es wird auch nicht besser, als meine Freundin Kathrin und ich nach dem Drücken auf die Rezeptionsklingel von einer der Yogaschülerinnen begrüßt werden, die wir anscheinend direkt aus einer Meditationspraxis aufgeschreckt haben. Ihr Ton ist harrsch, so richtig entspannt wirkt sie leider nicht auf mich, als sie uns die Schlüssel in die Hand drückt. Aber vielleicht täuscht auch nur der erste Eindruck. Oder es ist einfach mein Voreingenommen-Sein. Das muss ich unbedingt ablegen. Und hoffe, dass es mir mit Yoga und Meditation gelingt. 

Ein Ashram direkt vor der Haustür 

Das Yogahaus Samvit liegt auf einer Anhähe am Waldrand des Höhenluftkurorts Schliersee mit 6000 Quadratemeter Garten. Auf der Homepage heißt es: "Es ist ein Platz der Stille und Einkehr. Ein Ort, an dem man sich dem Studium und der Meditation widmet." Ähnlich einem Ashram in Indien. Nur eben nicht 6500km weit weg, sondern quasi direkt vor der Haustür. 

Gegründet wurde das Yogahaus vom ehemaligen Textiltechniker Bertram Mück, der hier nur Venu Gopala heißt und international zertifizierter Yogalehrer und Ausbildner ist. Er hat die Lehre des Yoga auf Reisen durch Indien und Tibet in vielen Ashrams (u.a. im Himalaya) erlernt und gibt seine Erfahrungen nun an Yogalehrer-Anwärter weiter, aber auch an Leute wie mich, die nur für ein Wochenende einen Yogaurlaub gebucht haben. 

Ich breche das 1. Yoga-Gebot: Bleibe auf deiner Matte 

Der beginnt Freitagnachmittag um 16 Uhr mit der ersten Hatha-Stunde. Auf einer großen Holzplattform im Garten breiten etwa 20 Yogis ihre Matten aus. Wir legen uns alle auf den Rücken ins Savasana, die Totenstellung. Plötzlich erklingt ein tiefes "Oooooooommmmm" und wir richten uns auf. Dann das zweite und das dritte. Die Yogis um mich herum stimmen in den Gesang mit ein. Jetzt wäre der Moment gekommen, in dem ich mich voll auf mich konzentrieren sollte, in dem ich das Om auf mich wirken lassen müsste, das Vibrieren der Lippen spüren sollte. Aber ich kann es nicht. Ich muss die anderen anschauen. Leider breche ich damit das 1. Yoga-Gebot: Bleibe auf deiner Matte! Ich bin auf mindestens sieben. Ich soll mein Denken abstellen für diese Yogaeinheit, doch dummerweise befinde ich mich in einem großen Gedanken-Durcheinander. 

Ich versuche mich, auf meinen Atem zu konzentrieren. Ist leider nicht ganz so leicht, wenn eine Ameise an der rechten Wade hochklettert und irgendwas vom Baum über mir auf meine nackte Schulter tropft. Konzentrieren! Mensch, streng dich an! Ich muss mich wirklich zwingen, mich auf meinen Atem zu fokussieren. 

Ich bin eigentlich keine Yogaanfängerin, praktiziere es schon seit über zehn Jahren, doch irgendwie ist das hier anders als in den hippen Yogatempeln, die ich aus Berlin und Hamburg kenne. Hier fühlt es sich irgendwie tiefer an.  Durch die Übungen soll ich zu meinem Innersten gelangen. Nach etwa 40 Minuten bin ich endlich auf meiner Matte angekommen. Ich versuche die Übungen so gut es geht auszuführen, setze mich dabei auch nicht unter Druck, sondern bin mit mir im Flow. Die "Ooooms", die der Yogi zwischen den einzelnen Übungen singt, pushen mich irgendwie und ich bin nach eineinhalb Stunden Yogapraxis ein Stück entspannter. Und hungrig. 

Das ayurvedische Essen macht sogar satt 

Um 18 Uhr gibt es Essen. Ayurdvedische Kost, vegan. Alle versammeln sich im Speisezimmer, nehmen sich an der Hand und singen erneut ein Mantra. Ich singe nicht mit, kenn den Text ja auch nicht. Außerdem komme ich mir vor wie im Kindergarten. Eine andere Yoga-Urlauberin kommentiert den Abschluss des Gesangs spöttisch mit "Guten Appetit – wir haben uns alle lieb". Wieder böse Blicke von der Yogaschülerin, die uns die Zimmerschlüssel übergab. Lächeln fällt ihr ganz besonders schwer. Wenn ich mir vorstelle, bei ihr eine Yogastunde zu besuchen, ist es wahrscheinlich in einer Bundeswehrkaserne harmonischer. 

Das ayurvedische Essen ist ein Eintopf aus Süßkartoffeln, Paprika und Tofu. Dazu gibt es Reis und Chinakohl mit wässriger Sauce. Anders als erwartet, schmeckt das alles richtig lecker, macht satt und Heißhunger auf Süßes hab ich danach auch nicht. Dafür Lust auf die Abendmeditation. 20 Minuten in Stille sitzen. Meditation ist sowieso gerade ein großes Thema, das mir an jeder Ecke begegnet und das die Lösung zu all dem Stress und Unbehagen sein soll, mit dem es die Leute um die 30 heute aufnehmen müssen. 

Ich schiebe mir ein Kissen unter den Po, setze mich im Schneidersitz darauf und atme. Ich konzentriere mich aufs Einatmen und zähle dabei bis acht, dann atme ich wieder aus, bis ich erneut bei der Acht angelangt bin. Irgendwann atme ich einfach so, ohne Zählen. Ich spüre dabei meinen Körper und leider nach etwa neun Minuten nur noch mein rechtes Bein, das von der Hüfte abwärts heftig prickelt. Es schläft ein. Dieses unangenehme Einschlafen, nicht das leichte, kribbelige. Mein Bein tut richtig weh. Ich bin mehr als begeistert, als Venu Gopala wieder zu einem Oooooommm anstimmt und die Meditation damit beendet. Dann folgt wieder ein Mantra, das mit Shanti Shanti Shanti endet. Shanti bedeutet Friede – und diesen empfinde ich auch, als ich um 21 Uhr ins Bett falle. 

Die Zimmer sind einfach ausgestattet, jeder Gast ist angehalten seine Bettwäsche mitzubringen. Es darf im Raum nichts verstellt werden. Wieder eine Regel, die an der Zimmertür hängt. Man zerstöre sonst das Vastu (also die indische Einrichtungslehre). Allerdings scheint doch etwas dran zu sein, denn ich schlafe hervorragend bis der Wecker morgens um 6.30 Uhr klingelt. Um 7 Uhr folgt die Morgenmeditation, um 8 Uhr die nächste Yogaeinheit. Um 10 Uhr gibt es Frühstück, das wieder aus einer warmen Eintopf-Mahlzeit besteht. 

Für mich ist es befremdlich, wenn alle gleich aussehen 

Danach ist für die Yogaurlauber erst mal Pause, die Yogaschüler verbringen die Zeit mit Üben. Stellungen, Gesänge, Meditation. Ich verbringe die fünf Stunden mit meiner Freundin Kathrin und einem langen Spaziergang um den See. Ab 16 Uhr erfolgt die gleiche Yoga-Essen-Meditationsprozedur wie am Vortag. Einige der Yogaschüler erscheinen diesmal in ähnlichen Klamotten, wie sie der Yogalehrer trägt. Weiße Hose, gelbes Oberteil – alles im hauseigenen Yogashop zu erstehen. 

Für mich ist es befremdlich, wenn viele Leute zusammen etwas Ähnliches tun. Und auch noch ähnlich aussehen. Es hat für mich diesen Sekten-Touch. Oder ist das nur mein versteiftes Denken? Im Ashram in Indien sähen auch alle gleich aus. Die Yoga-Lehre besagt, dass Kleidung und andere Äußerlichkeiten nicht ins Gewicht fallen. Hier ist es egal, ob man in seinem Nicht-Yoga-Leben Anwalt oder Erzieherin, arm oder reich, dick oder dünn ist. Es geht um das Innere eines jeden einzelnen. Und das wird mir vor allem in der zweiten Abendmeditation klar. 

Ich sitze wieder auf meinem Kissen, die Beine wie am Vorabend im Schneidersitz. Als mein rechtes Bein erneut anfängt zu kribbeln, atme ich intensiver in dieses unangenehme Gefühl hinein. Ich atme das Kribbeln weg und habe damit etwas, auf das ich mich während der Meditation besinnen kann. 

Die 20 Minuten gehen diesmal viel schneller vorbei und mein Körper fühlt sich schwer und leicht gleichzeitig an. Leicht, weil ich mich wirklich auf mich konzentrierte, schwer, weil ich zweimal Yoga geübt und mich mit mir beschäftigt habe. 

Auch in dieser Nacht falle ich erschöpft ins Bett, freue mich aber bereits auf die Abschluss-Yogaeinheit und Meditation am Morgen. 

Ich habe das ganze als kleine Mini-Ashram-Übung gesehen, ob ich es in Indien auch mal eine ganze Woche aushalten könnte. Dann vielleicht sogar noch schweigend (eine gaaaanz große Herausforderung für mich!). Ich tue mich sehr schwerz damit und habe großen Respekt vor denen, die es schaffen, die sich nur auf sich konzentrieren, die die Welt ausblenden können. Einfach alles um einen vergessen, eins sein mit seinen Gedanken, seinen Gefühlen. Und die alle Regeln nicht als Verbote, sondern als Chancen sehen, zu sich zu finden. 

Ich muss noch eine Menge üben und versuche mich auf der Heimfahrt am Sonntag mit einer kleinen Meditation im Auto. Ich zähle beim Einatmen bis acht und beim Ausatmen bis acht. Und das Beste dabei: Ich darf meine Sneaker anbehalten.

Themen in diesem Artikel