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Protokoll einer Betroffenen: Ist der Ofen wirklich aus? Kontrolle und Angst – mein Leben mit Zwangsneurose

Immer häufiger werden Zwangsneurosen im alltäglichen Sprachgebrauch ins Lächerliche gezogen. "Das ist ja schon zwanghaft bei dir", wird zum geflügelten Wort. Eine junge Britin schrieb nun ein emotionales Plädoyer für die Anerkennung einer Krankheit, die ihr Leben erschwert.

Traurige Frau

Zwangsneurosen werden häufig belächelt, dabei können sie große Teile des Lebens vereinnahmen

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"Mein Gott, das ist ja schon fast zwanghaft bei dir" – wie oft hat man diesen Satz schon zu Freundinnen gesagt, die ihre Schuhe noch drei mal wischen, bevor sie sich auf den Weg machen können? Oder ihre Tasche fein säuberlich sortieren, statt einfach alles reinzuwerfen? Eine junge Frau namens Hattie Gladwell hat sich nun in der britischen Zeitung "The Independent" dazu geäußert und erklärt, wieso wir vorsichtig sein sollten, bevor wir eine ernstzunehmende psychische Krankheit als lustig oder süß abschreiben.

"Viele Menschen nutzen den Begriff Zwangsneurose leichtfertig, weil sie nicht verstehen, welchen Schaden sie damit anrichten. Aber das ist nicht ihre Schuld. Es ist ein häufiges Missverständnis. Ein Missverständnis, das schon viel zu lange besteht und auf betroffene Menschen demoralisierend wirkt." Die Zwangshandlungen seien nicht etwa das Produkt eines süßen Putzzwangs, sondern einer Besessenheit von einem ungewollten oder unangenehmen Gedanken, das immer wieder im Gehirn auftauchen würde.

"Das können ganz unterschiedliche Ängste sein. Die Angst, dass du dir die Hände unzählige Male waschen musst, um niemanden anzustecken und dich nicht zu besudeln. Die Angst, dass das Haus abbrennen wird, wenn du nicht mehrfach den Ofen überprüfst. Oder die Angst, dass die Wohnung überflutet wird, wenn du die Wasserhähne nicht ordentlich zudrehst – und zwar immer und immer wieder."

Einige Menschen würden wegen ihrer Zwangsneurose nie das Haus verlassen

Das seien keine Standard-Überprüfungen, die wir alle machen, wenn wir das Haus verlassen – "es hört nie auf. Ich gehe immer wieder zum Wasserhahn und zum Ofen, um sicherzustellen, dass ich sie auch wirklich ausgemacht habe. Weil eine Stimme in meinem Kopf sagt, dass ich es vergessen habe und dass schlimme Dinge passieren werden, wenn ich nicht nachschaue." Diese Rituale würden sie häufig mehrere Stunden am Tag kosten, andere Erkrankte könnten aus diesen Gründen nicht einmal mehr das Haus verlassen.

Und das sei noch nicht einmal die schlimmste Form von Zwangsgedanken. Es gäbe noch viele andere Typen, wie zum Beispiel Schadens-Gedanken. "Diese Menschen haben wiederkehrende Gedanken darüber, dass sie anderen Menschen weh tun werden. Einige verstecken ihre Messer, weil sie Angst haben, dass sie es tatsächlich tun könnten. Oder sie weigern sich Auto zu fahren, weil sie glauben, dass sie jemanden verletzen werden." Diese Gedanken würden niemals real gemacht werden – tatsächlich sei es noch unwahrscheinlicher, weil die Angst davor so groß sei. Und doch würden die Gedanken einfach nicht aufhören.

"Und dann gibt es da die wirklich grausamen Varianten, wie POCD, pädophile Zwangsgedanken, die Menschen dazu zwingen, schlimme Dinge über Kinder zu denken. Sie machen sich Sorgen, dass sie Kindern etwas Schlimmes antun könnten – obwohl sie es gar nicht wollen." Und das seien nur ein paar Beispiele, schreibt Hattie.

"Ich fühlte mich, als würde ich nicht mehr leben, sondern nur noch existieren"

Sie selbst habe vor etwa einem Jahr die Diagnose bekommen. "Damals wusch ich meine Hände bis zu 60 Mal am Tag, weil ich Angst hatte, dass ich jemanden krank machen könnte und diese Person dann sterben würde. Außerdem dauerte es ewig, bis ich abends ins Bett gehen konnte, da ich jeden Lichtschalter und jede Steckdose mehrfach überprüfen musste. Das Haus zu verlassen wurde zum Albtraum, weil ich immer dachte, dass die Tür nicht zu sei und jemand einbrechen würde und immer wieder überzeugte ich mich selber davon, dass ich jemanden überfahren hatte und mich einfach nicht daran erinnern konnte."

"Ich fühlte mich, als würde ich nicht mehr wirklich leben, sondern nur noch existieren und wurde von diesen furchtbaren Gedanken und ermüdenden Ritualen förmlich aufgefressen."

Zwangsneurosen seien mit kognitiver Verhaltenstherapie und Medikamenten zwar behandelbar, aber zusätzlich müsse sich die Einstellung der Gesellschaft ändern. "Wir müssen Zwangsneurosen als die Krankheit anerkennen, die sie sind. Wir müssen uns bilden und andere auch. Nicht nur, um alte Missverständnisse auszuräumen, sondern auch, um denen, die darunter leiden, das Gefühl zu geben, dass sie ernst genommen werden und ihre Krankheit kein Witz ist."

Depressionen


jgs
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