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Preisgekrönter Kurzfilm "Alike" Wenn das Leben dich aussaugt: schmeiß hin und starte neu

Statt das ABC abzuschreiben, hat ein kleiner Junge ein Bild gemalt
Gesellschaftskritik: Der preisgekrönte spanische Animations-Kurzfilm "Alike" zeigt eindrücklich, wie wenig Spielraum Schule und Berufsleben für Kreativität lassen. Der Frust, funktionieren zu müssen, beginnt in der Ausbildung und setzt sich bis ins Erwachsenenleben fort – wenn wir nicht bewusst gegensteuern.
© Screenshot "Alike"/Youtube
Damit wir in der Berufswelt funktionieren, müssen wir das nötige Handwerkszeug erlernen. Doch dabei unsere Lebensfreude zu behalten, klappt oft nicht. "Alike" zeigt das eindrücklich.

Schule steht in permanentem Wandel, von wechselnden Anforderungen in Lehrplänen bis hin zu verschiedensten Schulformen, die Kindern zum Abschluss – und damit Erwachsenen zum Start als optimal ausgebildeter Berufsanfänger – verhelfen. So verlangt es die Wirtschaft, damit das Bruttosozialprodukt stimmt. Doch der Weg dahin ist zäh und der spätere Alltag in vielen Jobs frustrierend. Individualität ist nichts, womit sich Geld verdienen lässt. Und kreative Berufe leisten nicht das, was ökonomisch relevant ist. Also schreiben starre Curricula Lernziele vor, die Grundlage für wirtschaftlich relevante Berufe sind. Mathe ist wichtiger als Kunst, um gesellschaftlich zu funktionieren. Das gilt für Waldorfschulen wie für Gymnasien, das gilt für Deutschland wie für Spanien. Das Resultat ist Frust auf beiden Seiten: Die Lehrer arbeiten nach Fahrplan, die Schüler machen dicht – und am Ende steht, wenn es richtig schlecht läuft, ein Job, den du nie wolltest.

Was für Konsequenzen diese Strukturen haben, zeigt der preisgekrönte spanische Animationsfilm "Alike" in knapp sieben Minuten: Aus dem fröhlichen Kind Paste wird ein frustrierter Schüler, der begreift, dass er nach Schema F funktionieren muss, damit sein Papa Copi zufrieden ist. Für Kreativität bleibt in der Schule kein Platz, dort gilt es, die Anforderungen des Lehrers zu erfüllen. Wie sich das in der Arbeitswelt fortsetzt, wird am Job des Vaters deutlich: Über den Tag arbeitet Copi die Stapel auf seinem Schreibtisch ab, bis gegen Abend alles Leben aus ihm gewichen ist. Das Einzige, was ihn "reanimiert", ihm wieder Farbe einhaucht, ist die Fröhlichkeit seines Sohnes, den er abends in Empfang nimmt – bis auch das Kind seine Fröhlichkeit an ein gleichgeschaltetes Leben verloren hat.

Die Filmemacher aus Madrid, Daniel Martínez Lara und Rafa Cano Méndez, haben mit ihrem berührenden Film mehr als 50 Preise gewonnen und sind für über 90 Filmfestivals ausgewählt worden, 2016 gewannen sie dem Goya Award als bester animierter Kurzfilm. Copy and paste, die Namen der beiden Hauptfiguren sind Programm. Copi versucht, seinen Sohn so zu erziehen, wie die Gesellschaft es erfordert – bis er merkt, dass Paste daran zerbricht. Er muss sein eigenes, konformes Berufsleben hinschmeißen, um seinen Sohn zu retten. 

Die beiden Spanier haben den Film ihren Familien gewidmet, "dafür, dass sie uns helfen, nicht unsere Farbe zu verlieren". Weit über vier Millionen Menschen haben ihn bei Youtube gesehen – und etlichen hat er die Tränen in die Augen getrieben. Ob vor Selbstmitleid oder Mitgefühl für ihre eigenen Kinder ist dabei wurscht.

Damit der "Ausstieg" klappt, wir ein erfülltes Leben leben können, muss sich in unserer Gesellschaft etwas ändern. Ohne Kunst, keine Farbe. Ohne Farbe, keine Freunde. Ohne Freude, kein Glück.


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