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Das NEON-Experiment "Interessier' dich für deine Ahnen"

Autor Moritz hat sich auf Spurensuche nach seinen Ahnen begeben
Autor Moritz hat sich auf Spurensuche nach seinen Ahnen begeben
© Heinrich Holtgreve
NEON-Autor Moritz Herrmann wollte immer er selbst sein. Für seine sorbischen Wurzeln interessierte er sich nicht. Um seinem Vater einen Wunsch zu erfüllen, hat er sich mit seinen Ahnen auseinandergesetzt - und einige Ähnlichkeiten festgestellt.

Diese Geschichte beginnt auf einem Dachboden, weil jede seriöse Vergangenheitsreise auf einem Dachboden beginnen muss. Ich stehe also da oben, zwischen Kisten und Kartons, und suche nach meinem Ururgroßvater. Staub wirbelt auf. Ich niese. Die Szene hätte meinem Ururgroßvater sicherlich gefallen, nach allem, was ich weiß, und das ist nicht viel, noch nicht, aber er war dem Romantischen durchaus zugeneigt. Vielleicht hätte er den Moment sogar bedichtet, denn mein Ururgroßvater, das war Fryco Rocha, ein sorbischer Lehrer, Schriftsteller, Dichter - Vertreter einer west-slawischen Minderheit mit eigener Kultur, Sprache, Flagge und Hymne.

Ein Geschenk des Vaters

Aus einem Karton ziehe ich den Band, den ich suche, er liegt unter alten „Dragon Ball“-Comics: „A pó zemi libju te strusacki/Und überall flattern Blüten hin“ . Ein Band voller Texte, Tagebucheinträge, fast 100 Poeme. Ich schaue ihn zum ersten Mal an. Mein Vater hat ihn mir letztes Jahr geschenkt, er wollte mich für Rocha begeistern. Ein Schreibender wie du, sagte er. Und was tat ich? Dankte artig und entsorgte die Vergangenheit im Dachbodennichts. Immer wieder kam Vater auf ihn zu sprechen. Ich habe weggehört. Muss man sich mal vorstellen: genug Zeit, um „Dragon Ball“ zu lesen, aber für Ahnen und Vaterwunsch keine Minute. Jetzt will ich alles nachholen.

Das Internet verrät mir, dass Rocha berühmter ist, als ich dachte. In Cottbus ist ein Kindergarten nach ihm benannt, sein Wikipedia-Eintrag ist gar nicht mal kurz. Geboren 1863, gestorben 1942. Unterrichtete auf Sorbisch, obwohl das verboten war. Streitbare Rolle im Nationalsozialismus. Reichlich Vitakrumen, die ich entdecke, vieles wird angerissen, wenig ausgeführt. Ich brauche mehr.

Lange Zeit wollte sich NEON-Autor Moritz nicht mit seinen Vorfahren beschäftigen
Lange Zeit wollte sich NEON-Autor Moritz nicht mit seinen Vorfahren beschäftigen
© Heinrich Holtgreve

"Ich wollte nicht der Ururenkel von irgendwem sein"

Das Grab finde ich auf dem Cottbuser Südfriedhof verzeichnet und beschließe eine Wallfahrt. Die Frage, warum ich mich bisher nicht mit Rocha beschäftigen wollte, ist schwierig zu beantworten. Das Sorbische, das väterlicherseits in der Familie ist, spielt keine Rolle bei uns, hat es nie. Heimat ist für mich der Herzschlag, wenn ich in Hamburg einfahre. Heimat kann Liebe sein. Freundin, Eltern, Geschwister. Cottbus war nie Heimat für mich, schon gar nicht Fryco Rocha. Als der Zug durch den Spreewald schleicht, erkenne ich, dass dies nur die halbe Wahrheit war. Ich wollte mir nie sagen lassen, wofür ich mich zu interessieren habe. Wollte nicht der Ururenkel von irgendwem sein, sondern ich selbst. Ein dummer Junge.

Mein Vater meint, dass man wissen muss, woher man kommt, um zu verstehen, wer man ist. Er ist aus der DDR geflohen. Hat erst Cottbus verlassen, später Rostock, Richtung Hamburg. Ich glaube, er gräbt in der Vergangenheit, in der Ahnenfolge, um den Kontakt nicht zu verlieren. Er versucht, Wurzeln zu schlagen, die er eigentlich gekappt hat.

Rochas Gedichte sind großartig, das stelle ich befangen fest. Bis ins Detail komponiert, sentimental, aber nicht kitschig, oft kämpferisch, lustig, dem Jahrhundertwendealltag gewidmet, Feld, Wald, Gemeinde. Ich finde sie besser als vieles, was ich sonst an Lyrik lesen musste. Nur bleibt mir der Kopf hinter den Versen fremd. Mit dem devoten Gottesmann, der durchschimmert, kann ich wenig anfangen, das Emsige, Tugendhafte seiner Prosa ist von meinem Charakter weit entfernt.

Zarte Familienbande entstehen

Ich fahre zum Südfriedhof. Die Straßen sind deutsch und sorbisch beschildert. Graupel fällt. Das Grab liegt an einer Allee unter gewaltigen Kastanien, ich laufe erst mal daran vorbei. Ein Denkmal hatte ich erwartet, mit Büste womöglich, stattdessen rottet ein graues Kreuz vor sich hin. Im Nachbarbeet kniet eine Endsiebzigerin auf allen vieren, sie trägt Leopardenleggins mit Strass. Als ich mich andächtig vor meinem Ururgroßvater aufstelle, schimpft sie los: Eine Schande sei das Grab, niemand, der sich kümmere. Dass ihr Mann neben so einem liegen muss!

Die Tirade trifft mich völlig unvorbereitet. Über dem toten Gatten der Frau sieht es akkurat aus, tannennadelfrei. Rocha verschwindet unter Moos und Flechten. Es zieht mir im Magen. Das sollte eine fröhliche Recherche werden, Wunscherfüllung für meinen Vater, und nun stehe ich hier und rechtfertige einen Verstorbenen, den ich nie getroffen habe. Ich keife zurück, die Frau möge ihre, Pardon, blöde Fresse halten! Wie paradox: Die Attacke bewirkt, dass ich mich meinem Ururgroßvater nah fühle. Mehr als jeder gelesene Reim. Er wird auf einmal wirklich Familie, und Familie verteidigt man.

"Ist da etwas von mir?"

Später treffe ich den Rocha-Experten Klaus-Peter Jannasch. Er publiziert und forscht zur sorbischen Kultur; die Gedichte, die ich las, hat er übersetzt. „Was die Lyrik angeht, war Rocha eine Liga mit Heine und Lenau“ , sagt er und zeigt Fotos meines Ururgroßvaters. Was für ein Poser! Immer in gebügelten Hosen, das weiße Hemd mit Stehkragen, an der Weste die Taschenuhr, ein Lächeln von unverschämter Selbstsicherheit. Ein Ehrenmann, ein Dandy gar? Ist da etwas von mir? Das Kinn? Die Stirn? Je länger ich die Bilder bestaune, desto mehr Ähnlichkeiten erkenne ich, die meisten eingebildet, egal.

Immer mit akkuratem Bart und selbstsicherem Blick: Was für ein Poser, dieser Ururgroßvater
Immer mit akkuratem Bart und selbstsicherem Blick: Was für ein Poser, dieser Ururgroßvater
© Heinrich Holtgreve

Wir besuchen den sorbischen Kulturverein. In den Regalen Rocha-Bücher. Als Jannasch mich als Nachfahre in vierter Generation vorstellt, wird anerkennend genickt. Da merke ich, dass ich die eine große Frage noch nicht gestellt habe. Der Vergangenheitsbewältigungsklassiker. Herr Jannasch, war mein Ururgroßvater ein Nazi? Jannasch holt Luft. „Nein, war er nicht. “ Er war Leiter der sorbischen Zeitung „Casnik“ , nach der Gleichschaltung schrieb er lobende Artikel auf die Faschisten, um das Blatt zu retten. Sie schlossen es 1933 trotzdem. „Das Scheitern hat ihn gebrochen. Er ist danach verstummt.“ Eine schwierige Antwort. Doch auch andere Experten sehen es so.

Nicht nur der Wunsch des Vaters

Und plötzlich ist da das Gefühl, zu spät zu sein. Als ich meinem Vater erzählte, dass ich ihm seinen Wunsch erfüllen will, starrte er zu Boden. Ich verstand nicht. Tat ich nicht endlich das Richtige? Ja, sagte mein Vater. Er hätte sich nur gewünscht, mein Opa könne das noch erleben. Opa ist vor drei Jahren gestorben. Und ich, ich habe erst einen Magazinauftrag gebraucht, um mich meiner Linie zu widmen. Nun ist es, als läge vor mir ein altes Puzzle, dem Teile fehlen. Ein paar der Lücken kann ich zwar schließen, aber nie wird das Puzzle vollständig sein.

Die Recherche fühlt sich längst nicht mehr an, als würde ich nur meinem Vater einen Wunsch erfüllen, sondern auch mir selbst. Rocha bedeutet mir was. Er steht aus seinen Reimen auf. Nickt mir aus den Passepartouts zu. Schaut mir über die Schulter, wenn ich schreibe.

Aufzeichnungen seines Ahnen helfen Moritz bei der Recherche
Aufzeichnungen seines Ahnen helfen Moritz bei der Recherche
© Heinrich Holtgreve

Ahnen-Experte der Familie

Als ich mich zwei Wochen später mit meinem Vater in einer Kneipe treffe, tauschen wir uns über Rocha aus. Anekdote für Anekdote, Bier für Bier. Irgendwann rede nur noch ich, Vater klopft mir auf die Schulter. Ich bin jetzt der Experte.

Wenn ich mal Vater werde, will ich meinem Kind von Rocha erzählen. Ich habe einen Stammbaum unserer Familie gefunden, ich wurde dort nicht gelistet, muss den Genealogen entgangen sein. Also habe ich mich mit Bleistift nachgetragen und eine lange Linie von mir bis zu Fryco Rocha gezogen.

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