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Interview mit Sexualwisschenschaftler : "Jugendliche wissen sehr genau, dass Pornografie kaum der Realität entspricht"

Eine neue Studie besagt, dass ein Drittel der 14- und 15-Jährigen bereits harte Pornografie konsumiert hat. Ist das ein Problem? Nein, aber eine erzieherische Herausforderung, sagt der Sexualwissenschaftler Konrad Weller.

Jugendliche Pornografie Internet

Pornografie ist kein Problem für Jugendliche: Ihre Sexualität ist heutzutage verantwortungsbewusster und einvernehmlicher denn je, sagt Konrad Weller

Eine jüngst erschienene Studie der Universitäten Hohenheim und Münster zu Pornografie im Internet kommt zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der befragten 14- bis 20-Jährigen online bereits Hardcore-Pornografie gesehen hat. Bei den 14- bis 15-Jährigen war es ein Drittel. Oft liest man dann im Zusammenhang mit solchen Ergebnissen, wie "erschreckend" das sei. Aber ist das wirklich so schlimm? Wir haben darüber mit dem Sexualwissenschaftler Prof. Konrad Weller gesprochen, der an Hochschule Merseburg zum Thema Jugendsexualität forscht. 

Jugendliche kommen durch Internet und Smartphone sehr früh mit Pornografie in Kontakt. Eine jüngst erschienene Studie besagt, dass es rund ein Drittel der 14- und 15-Jährigen betrifft, zum Teil ungewollt. Wie beurteilen Sie das Ergebnis, Herr Prof. Weller?

Wenn aktuell ermittelt wurde, dass ein Drittel der 14- und 15-Jährigen erste Erfahrungen mit Pornografie haben, dann deutet sich damit eine Erhöhung des "Einstiegsalters" an, denn in der BRAVO-Studie von 2009 gaben noch zwei Drittel der altersgleichen Jugendlichen Erfahrungen an.

Ist das eine Entwicklungen, die uns Sorgen machen sollte?
Die öffentlichen Debatten um Jugendsexualität sind meist risiko- und problemorientiert, besonders verbreitet ist die Sorge, erwachsenentypische sexuelle Verhaltensweisen würden sich immer weiter vorverlagern, aber das ist schon seit Jahrzehnten ein Mythos. Und im Fall des Pornokonsums ist das genauso.

Aber der Konsum von Pornografie hat sich doch gewandelt durch das Internet?

Ja, die Schwelle der Zugänglichkeit hat sich durch Medien-technologische Entwicklung, die Verbreitung des Internet in den 2000er Jahren und entsprechende Angebote, rasant gesenkt. Bereits im Kindesalter machen viele Heranwachsende erste Erfahrungen. Und diesseits der pornografischen Angebote gibt es viele sexualisierte Formate auf den bereits von Kindern häufig genutzten Plattformen wie Youtube. Insofern sollten Eltern prinzipiell Interesse an den Inhalten der von ihren Kindern genutzten Medienformate haben. Das ist das beste Mittel gegen verbreitete Ängste über gravierende negative Wirkungen.

Und die Auswirkungen?

Natürlich wirkt Pornografie, sonst würde sie nicht konsumiert. Sie soll sexuell erregen, und dafür wird sie auch, ganz überwiegend von Männern, ab der Jugendzeit genutzt. Die pornografiebedingte sexuelle Verwahrlosung einer ganzen nachwachsenden Generation, die seit 2007 im stern und anderen Medien behauptet wurde, ist aber durch wissenschaftliche Studien widerlegt. Bewiesen ist das Gegenteil: Jugendsexualität ist heutzutage verantwortungsbewusster und einvernehmlicher denn je.

Eltern müssen sich also keine Sorgen machen?

Alle verantwortungsbewussten Eltern sind mehr oder weniger besorgt, das ist ganz normal. Die Besorgnisse sollten allerdings nicht zu bewahrpädagogischen Schutzreflexen führen, Heranwachsende müssen ihre Erfahrungen machen - online wie offline. Dazu gehören auch Grenzerfahrungen, die Befriedigung von Neugier, der Austausch von Erfahrungen unter Gleichaltrigen. Hier ist elterliche Kontrolle gar nicht möglich, und Verbote führen allenfalls zu Heimlichtuerei.

Wie reagieren Jugendliche auf Pornografie?

Da gibt es geschlechtstypische Unterschiede. Jungen beginnen meist ziemlich unkritisch und neugierig, bei Mädchen sind die ersten Erfahrungen meist ablehnend und distanziert. Im Verlauf des Jugendalters werden die Mädchen toleranter, ohne ihre prinzipielle Distanziertheit abzulegen, Jungen gewinnen an Differenziertheit und wählen zunehmend das aus, was sie erregt.

"Modetrends wie Intimschmuck können durch Pornografie bedingt sein"

Und was erregt Jungen?

Sie suchen sich in der Regel das aus, was zu ihren sexuellen Erfahrungen passt. Das heißt auch, sie brauchen nicht immer höhere Dosen oder krassere Plots. Und überdies wissen auch Jugendliche bereits sehr genau, dass Pornografie kaum der Realität entspricht, dass es sich um ein fiktionales Genre handelt.

Wie sieht es mit Verunsicherungen durch Pornografie aus?

Wie gesagt, das pornografische Beispiel wird in der Regel nicht als vorbildhaft übernommen, weder was die dort gezeigten Körper noch was die Verhaltensweisen betrifft. Bestimmte aktuelle Modetrends, die allgemeine Genitalenthaarung oder Intimschmuck mögen jedoch durch Pornografie mitbedingt sein. Das sind aber Sachen, die Erwachsene betreffen und nicht so sehr Jugendliche.

Ist es notwendig, dass Eltern mit ihren Kinder über das Thema reden und sich einmischen sollen?

Aus meiner Sicht ist von Eltern überhaupt nicht zu verlangen, dass sie kontrollierend eingreifen, schon allein deshalb, weil die Kinder meist mehr technische Medienkompetenz besitzen als ihre Eltern. Heranwachsende sollen mit ihrer Neugier Erfahrungen machen, auch Grenzerfahrungen oder Grenzüberschreitungen. Das gehört entwicklungspsychologisch absolut dazu.

Was sollen Eltern tun, wenn es doch mal Probleme mit dem Thema gibt?

Das A und O ist ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern. Töchter und Söhne sollten wissen: wenn sie Erfahrungen machen, die sie irritieren, die sie ängstigen, ekeln oder schlecht schlafen lassen, dann können sie sich vertrauensvoll an die Eltern wenden. Das werden sie besonders dann tun, wenn sie Verständnis erwarten können und keine Vorwürfe.

Also ist Zurückhaltung angesagt?

Ja, und man muss mit Kindern auch nicht über alles reden. Eltern sind heutzutage nur eine Aufklärungsinstanz unter vielen. Gerade im Internet gibt es ja nicht nur Pornografie, sondern viele altersgemäße Informationsangebote, die ältere Kinder und Jugendliche intensiv nutzen und über die sie sich austauschen.

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