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Pornogeständnisse: Alle gucken Pornos, keiner redet darüber. Warum eigentlich nicht?

Fast jeder hat schon mal einen Porno geguckt. Ein Tabu-Thema ist es trotzdem. Das muss sich ändern, wenn wir endlich gute Filme finden wollen. In sechs persönlichen Geständnissen berichten Frauen und Männer von ihren Porno-Erfahrungen. 

Handy mit Porno in einem Bett

Beim Pornoschauen interviewt: Sechs Frauen und Männer und ihr Geständnis

Unsplash

Alles ist verfügbar, umsonst, nur einen Klick auf dem Handy entfernt: Krankenschwestern und Klempner, Gangbang und Romantik, dicke Hintern, Schamhaare bis zum Bauchnabel, Frauen mit drei Penissen im Po - die Liste ließe sich beliebig fortführen. Das Klischee, dass alle Pornos gleich aussehen, Waschbrettbauch trifft auf blank rasierte Blonde, ist angesichts dieser Auffächerung nicht haltbar. Aber wer im digitalen Rotlichtviertel nach Filmen suchen will, die nicht aussehen, als wären sie in einer gut ausgeleuchteten Möbelfiliale von Poco gedreht worden, wird kein Glück haben. Nachdem man sich an unzähligen aufpoppenden Chats, in denen heiße Mütter "Ficken?" vorschlagen, vorbeigeschlichen hat, landet man doch immer bei Filmen, in denen Frauen Luststatistinnen sind, die am Ende eine Ladung Sperma ins Gesicht bekommen. Sexy ist das nicht.

In der Soziologie, etwa bei Pierre Bourdieu, gilt, dass Geschmack nicht subjektiv ist, sondern von gesellschaftlichen Faktoren abhängt.

Beim Thema Porno scheint diese These aber irgendwie nicht zu stimmen. "Big ass, big cock, hässliches Ambiente" schauen Lkw-Fahrer und Studenten, BWL-Professoren und Bürgermeister. Wieso zum Teufel gibt es keine gute Pornografie?

Man kann argumentieren, dass Sexualität und Trieb nicht dem Anspruch von Ästhetik und Geschmack unterliegen. Menschen sind triebgesteuert, sexuelle Befriedigung ist ein Grundbedürfnis: Man wird einfach erregt, wenn man lange genug auf wippende Brüste stiert, dafür muss kein Eames-Stuhl neben dem Bett stehen. In den 60er Jahren schrieb die amerikanische Publizistin Susan Sontag, die emotionale Flachheit der Pornografie sei weder künstlerisches Versagen noch ein Beweis bestehender Unmenschlichkeit. Vielmehr brauche sie der Nutzer - bei Sontag hieß es noch: der Leser - , um genug Raum für seine sexuelle Erregung zu haben.

Porno und die Glocke des Schweigens

Seit Youporn vor zehn Jahren online ging, muss sich niemand mehr unauffällig in Erotikshops in Bahnhofsnähe schieben, um Geschlechtsteile zu sehen. 12,5 Prozent aller aufgerufenen Websites in Deutschland sind Pornoseiten. 2014 gaben von über 2000 befragten Studenten und Studentinnen, die durchschnittlich 24 Jahre alt waren, achtzig Prozent der Männer an, in den vergangenen vier Wochen Pornos gesehen zu haben (durchschnittlich zweimal die Woche), und 25 Prozent der Frauen (durchschnittlich alle zwei Monate).

Pornos sind allgegenwärtig, sehr viele schauen sie und doch liegt so etwas wie eine Glocke des Schweigens über diesem Thema. Warum fällt es so schwer, darüber zu reden? Das liegt zum einen daran: Wer Pornos schaut, masturbiert. Mit sich selbst Sex zu haben, gilt zwar nicht mehr als Sünde, in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft jedoch durchaus noch als klebrig: Man muss keine Drinks spendieren, man braucht keinen Sixpack, keinen IQ über 120, nur sich und seine Hand. Noch immer gilt das Dogma: Wer onaniert, hatte auf dem Schlachtfeld der Intimanbahnung wohl einfach keinen Erfolg.

All die hektisch gelöschten Chronikverläufe deuten darauf hin, wie peinlich manchen Menschen das ist, was sie sich ansehen, auch wenn sie nichts Illegales schauen. Hier genau liegt das Problem: Man hat es mit einem sich selbst verstärkenden Kreislauf zu tun. Wir schämen uns auch deshalb für unseren Pornokonsum und verschweigen diesen, weil Pornos so schlecht sind. So schlecht sind sie aber, weil keiner darüber redet. Es gibt keinen ernsthaften Diskurs über Pornografie, mal abgesehen vom verstohlenen "Höhö, Sasha Grey spielt im Musikvideo mit" oder "Hihi, Pornostars geben Blowjobtipps".

Natürlich ist es elitär, einzufordern, dass wir doch bitte bessere Pornos schauen sollen. Das Problem ist nur: Was ist ein "guter" Porno? Einer mit "Handlung", in dem kein Klempner das "Rohr" repariert? Eine Szene, die nicht mit der verwackelten Handykamera aufgenommen wird? Gute Pornos könnten sein: Wenn ein Paar Spaß daran hat, sich gegenseitig den Hintern zu versohlen. Filme, deren Ausleuchtung mit dem ZDF-Vorabendprogramm mithalten kann. Szenen, in denen "female-friendly" nicht heißt, dass Kerzen ums Bett stehen und Duftölschwaden die Kameralinse beschlagen lassen. Wir müssen über Geschmack und Qualität streiten. Als Teenager dachte man auch, die Backstreet Boys seien die talentiertesten Musiker des Universums.

Um sich geschmacklich weiterzuentwickeln, braucht man eine ältere Schwester, die einen zum Radiohead-Konzert mitnimmt, einen besten Freund, der einem zum Geburtstag Mixtapes schenkt. Vielleicht brauchen wir eine beste Freundin, die uns neue Sexlinks zumailt, oder einen guten Kumpel, der mit uns darüber diskutiert, warum Youporn gerade kein Fließbandgeficke ist. Wir müssen über unser Begehren sprechen, darüber, was uns anmacht und was nicht, was im Bett geschehen darf und was zu weit geht. Vielleicht bekommen wir auf diese Weise auch etwas, was viel mehr wert ist als gute Pornos: besseren Sex.

Sechs Frauen und Männer erzählen von ihren Porno-Erfahrungen: 


Severin, 18, Schüler, Saarland. "Ich wollte wissen, wie es aussieht, wenn Menschen Sex haben"

"In der siebten oder achten Klasse habe ich bei Youtube das erste Mal nach Sexvideos gesucht. Mir ging es damals aber nicht um Masturbation, eher um Neugier: Ich wollte wissen, wie Sex wirklich aussieht, nicht wie in Serien wie ,Gilmore Girls‘. Ein Nachbarsjunge hat mir und ein paar Freunden auf seinem Smartphone einen Zweiminutenporno gezeigt. Wir haben alle gekichert, aber interessiert hingelinst. Ich hätte mich nie getraut, am Familiencomputer im Flur Pornos anzuschauen. Etwa ein Jahr später habe ich auf meinem ersten Smartphone Pornos geguckt, paranoid, immer in Sorge, dass mich jemand dabei erwischt. Und irgendwann regt sich natürlich etwas in der Hose. Ich kenne nur zwei Pornoseiten im Netz: Youporn und Pornhub, die besuche ich vielleicht zweimal die Woche. Auf der Startseite klicke ich mich durch, was mir gefällt und was nicht. Inzwischen bin ich etwas besser vorbereitet: Wenn ich Pornos schaue, benutze ich den Inkognito-Modus des Browsers, mache die Tür zu, nehme Kopfhörer und warte, bis ich Zeit für mich habe. Analsexvideos und Animefilme sprechen mich gar nicht an. Ich würde nie für Pornos zahlen es gibt ja alles kostenlos im Netz. Außerdem: Die Filme erfüllen ja ihren Zweck. Ich weiß gar nicht, ob ich mich wirklich über Pornos austauschen will, im Sinne von: Schau mal, das ist ein toller Film! Privatsphäre macht bei Pornos ja Sinn: Man kann sich genau das anschauen, was man will."

Er mag: youporn.de, pornhub.com


Emily, 25, Studentin, Hamburg."Ich dachte nur: Vorspulen, vorspulen, vorspulen"

"Ich will nicht beim Masturbieren da ran erinnert werden, dass wir in einem Patriarchat leben. Aber bei einigen Filmen werde ich gezwungen, über die Produktionsbedingungen nachzudenken, etwa wenn das Mädchen aussieht wie siebzehn und der Mann wie ihr Vater. Deshalb mag ich Amateurpornos. Ich habe das Gefühl, die Menschen haben Spaß am Sex und denken nicht gerade an ihren Einkauf für die nächste Woche. Wenn in Pornos deutsch gesprochen wird, irritiert mich das: 'Oh, ja, härter', 'Oh mein Gott' klingt komisch, vielleicht ist es aber auch Gewohnheit, weil ich fast nur englischsprachige Filme schaue.

Ich bin erst während des Studiums dazu gekommen, nach Pornos zu suchen: auf Youporn, dann habe ich Frauenpornos und feministische Pornos gegoogelt. Doch Filme mit Handlung und Musik, nach dem Klischee: eher weiblich, haben mich auch nicht so interessiert, da dachte ich dann immer nur: Vorspulen, vorspulen, vorspulen. Es ist nicht einfach, spannende Sachen zu finden. Wenn mir eine Freundin mal eine Tumblr-Seite schickt, die sie mag, freue ich mich. Wie oft ich Pornos schaue, hängt davon ab, wie viel Stress ich gerade habe. Das ist schon auch Druck ablassen danach kann ich mich besser konzentrieren!"

Sie mag: audibleporn.tumblr.com, ersties.com, newlevelofpornography.com


Maria, 27, Sozialpädagogin, Weimar. "Masturbieren gehört für mich zur körperlichen Gesundheitsvorsorge"

"Ich will beim Pornoschauen alleine sein. Das ist meine eigene sexuelle Zone, das muss ich nicht mit meinem Freund teilen. Was er schaut, will ich nicht wissen: Vielleicht mag er Filme mit Frauen mit riesengroßen Brüsten, ich habe eher kleine. Wenn ich Lust habe, klicke ich mich durch pornografische Tumblr wie skopophilia, wo schöne Fotos von nackten Menschen zu sehen sind. Unter Freundinnen geben wir uns auch Tipps, welche Filme oder Szenen wir heiß fanden. Für gute Sachen wie ,XConfessions‘ von Erika Lust zahle ich auch gerne. Gerade habe ich queere Filme entdeckt, ich mag, dass die Geschlechter verschwimmen, es geht nur um die Lust und die Körper. Für mich ist Masturbieren wie Joggen gehen oder Salat essen, es gehört zur körperlichen Gesundheitsvorsorge: Ich schaue bestimmt zweimal die Woche Pornos und masturbiere dazu. Es kann aber auch sein, dass ich zwei Wochen mal gar nichts gucke. Man lernt, wie man selbst angefasst werden will. Einmal hatte ich Sex mit einem, der mich immer gefühlt zu einer imaginären Kamera gedreht hat, das war komplett surreal. Der hatte definitiv zu viele Pornos geschaut. Ich allerdings bin durch die Pornos lustvoller geworden und mit meinem Körper mehr im Reinen."

Sie mag: forthegirls.com, brightdesire.com, vimeo.com/128834503


Milan, 23, Student, Köln. "Pornos befriedigen Sehnsüchte in mir"

"Ich gucke am liebsten Szenen, die mir theoretisch im Alltag passieren könnten: dass man jemanden auf der Straße sieht oder im Café und dann einfach Sex miteinander hat. Einmal am Tag gucke ich Pornos. An manchen Tagen ziehe ich mir aber auch mal vier Stunden pornografisches Material rein, wenn zum Beispiel meine Freundin nicht da ist oder ich viel Lust habe. Ich habe schon mal Termine verschoben, anstatt den Computer auszumachen. Danach ärgere ich mich, so viel Zeit damit verbracht zu haben. Meistens gehe ich nicht gezielt auf eine Pornoseite, sondern klicke mich durch, wenn mir ein Mädchen oder ein Junge gefällt, das Setting oder sogar einfach nur die Musik. Bei Tumblr habe ich mir extra einen Schmuddel-Account angelegt. Außerdem speichere ich in meinen Lesezeichen im Browser alles, was mir gefällt. Ich gehe sehr offen mit meiner Sexualität um, sie spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Würde auch unsere Gesellschaft offener mit Pornografie umgehen, ginge es in den Filmen vielleicht auch eher um ‚Liebe machen‘ und weniger um rohes Gebumse. Pornos befriedigen Sehnsüchte in mir.

Die habe ich, nicht weil mir meine Freundin nicht genug geben kann, sondern weil ich in einer Gesellschaft lebe, die nicht nach meiner Fantasie funktioniert: Dort gibt es keine Scham, die Menschen sind nicht homo-, nicht hetero-, nicht bi-, sondern einfach nur sexuell. Menschen erfüllen ihre Sehnsüchte in einer Welt der Hemmungslosigkeit und Leidenschaft ohne die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten von Eifersucht, Missverständnis und Alltag."

Er mag: letmedothis.com, ,,Jungsheft“/ „Giddyheft“, Tumblr wie schoneseele, twofucksgiven, fourchambers


Kate, 32, Texterin, Berlin. "Wenn ich alleine schaue, bin ich anspruchsvoller"

"Mit neunzehn habe ich meinen ersten Porno in der Videothek für mich und meinen Freund ausgeliehen. Es folgte eine sexintensive Nacht. Das war der Auftakt zu weiteren Diskussions- und Pornofilm-Runden mit Sexpartnern und Freunden. Zuerst fand ich es erregend, Sex zu sehen, später kam das politische und akademische Interesse am Porno dazu. Für mich ist Pornografie im Idealfall Wissensquelle, anatomisches Anschauungs- und Erregungsmaterial. Im Mainstreamporno gilt das leider selten. Schaue ich alleine Pornos, bin ich anspruchsvoller, zu zweit eher gespannt, was dem anderen gefällt. Mit Frauen schaue ich auch Heteroszenen, mit männlichen Partnern auch Queer Porn, das schließt sich nicht gegenseitig aus.

Der Moment, in dem man preisgibt, wonach man sonst alleine sucht, ist immer spannend: Als meine damalige Freundin und ich beim Pornfilmfestival einen Lesbenporno von Goodyn Green anschauten, wurde mir ziemlich warm im Kinosessel sie hingegen saß unbeeindruckt neben mir. Was erst seltsam war, danach haben wir gelacht. Sie hat einfach einen anderen Frauen- und Filmgeschmack. Man muss über Vorlieben und Grenzen reden: Auf der Webseite indiepornrevolution.com gibt es etwa tolle Erklärvideos zu Bondage oder weiblicher Ejakulation. Mir gefällt auch die Plattform The Crash Pad Series gedreht in einem Apartment in San Francisco, in dem in allen möglichen Kombinationen gevögelt wird. Der Plot ist simpel und der Sex authentisch. Dafür habe ich mal 25 Dollar gezahlt auch um fair produzierten, kreativen Porno zu unterstützen."

Sie mag: PorYes-Award, queerporn.tv, sexclusivitaeten.de


Bastian, 30, Musikwissenschaftler, Berlin. "Aus Pornografie kommt man nie gut raus sie kratzt so sehr am Unbewussten"

"Aus Pornografie kommt man nie gut raus. Sie kratzt so sehr am Unbewussten, dass ich Filme nur schwer in 'gut' und 'schlecht' unterteilen kann. Es gibt Tage, da suche ich auf einer Seite wie Xvideos nach Dreiern und masturbiere dazu. Nach einer wilden Zeit mit 23 Jahren hatte ich mal ein halbes Jahr lang keinen Sex. Ich wollte herausfinden, um welches Begehren es mir geht. In der Zeit habe ich erotische Literatur entdeckt: den Roman 'Anti-Justine' etwa, eine Antwort auf ,Justine‘ vom Marquis de Sade, oder ich habe Fotos etwa von David LaChapelle angeschaut. Ich finde diese oft sensibler als Filme. Während meines Studiums haben wir in einem Filmtheoriekurs über den Blick der Kamera gesprochen, über Actionfilme, Musicals, Pornos und deren Muster. Mein bester Freund Benjamin und ich haben gescherzt, dass wir ja selbst filmen könnten. Tatsächlich haben wir dann mehrere Filme gedreht, in denen Sexualität und Pornografie verhandelt werden. In 'Der große vergängliche Haut-Film' haben wir mit zwei Kameras zwei Darsteller gefilmt, wie sie sich einander annähern."

Er mag: den Film "Cake Orgy" von Lasse Braun, Erich-von-Götha-Comics, das Buch "Das obszöne Werk" von Georges Bataille

Schlüpfrige Ortsnamen: Bewohner von Fucking, Bitsch und Co. bekommen Gratis-Pornos
  • Fiona Weber-Steinhaus