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Misha Mayfair: "Manche von uns wollen Pisse": Pornostar über gute Vermarktung im Sexgeschäft

Misha Mayfair hat sich ihre Karriere in der Pornoindustrie selber aufgebaut und ist eine ziemliche Powerfrau. Dabei macht sie aber keine explizit feministischen Pornos – im Gegenteil. Mit NEON sprach sie darüber, dass Gewürgt werden ein durchaus feministischer Akt sein kann.

Von Katharina Weiß

Misha Mayfair

Misha Mayfair ist Porno-Darstellerin – und liebt ihren Beruf

Porno-Performerin Misha Mayfair gehört zu den Selfmade-Frauen einer neuen Generation von digitalen Erotikstars. Sie schreibt auf Twitter, dass sie sich zum Aufstehen nichts sehnlicher wünscht, als ein bisschen gewürgt und gekuschelt zu werden. Oder postet ein Video, wie ihr zwei Frauen in einem Kinderpool in den Mund spucken.

Die britische Kulturanthropologin erhebt ihre Stimme gegen die Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen. Dabei macht sie keine explizit feministischen Pornos, sondern vermarktet sich auch auf klassischen Kanälen. Vor allem Piss Play und Double Penetration sind ihre Spezialitäten. Wir haben bei der selbsternannten "UK Piss Princess" nachgefragt, wie man Karriere in der Pornobranche machen kann und warum es politisch ist, auf dreckigen Sex zu stehen.

Misha Mayfair über Bezahlung, Feminismus und den Alltag im Porno-Geschäft

NEON: Wie sieht deine Arbeitswoche aus?

Misha Mayfair: Meine Arbeitswochen sind hektisch, immer unterschiedlich und komplett von Eigenmotivation abhängig. Ich habe meine Filme in zwei Streams aufgeteilt: Zum einen drehe ich benutzerdefinierte Inhalte, die von den Fans direkt angefordert und bestellt werden. Der andere Kanal wird mit Videos oder Kunstprojekten gefüttert, in denen ich ausschließlich meine eigenen Konzepte verkaufe. Zusätzlich zu den Dreharbeiten muss ich eine Beziehung zu meinen Fans aufrechterhalten. Das ist viel zeitintensiver, als man vielleicht erwarten würde. Die größte Arbeitsbelastung ist das ständige E-Mail-Ping-Pong mit potenziellen Kunden. Ich versende jeden Tag hunderte von Nachrichten. Man kann seinen Drehplan runterschrauben – aber wenn man seinen Fans jederzeit zur Verfügung stehen will, hört die Arbeit nie richtig auf.

Im Moment herrscht ein riesiger Hype um den sogenannten "feministischen Porno". Große Magazine und Zeitungen berichten über Seiten wie XConfessions von Erika Lust, und urbane Mädchencliquen unterhalten sich bei einer Runde Gin Tonic über ihren bevorzugten progressiven Pornoclip. Viele Frauen begründen ihr neues Interesse an Erotikfilmen mit dem Argument: "Es ist kein Mainstream-Porno!" Was hältst du von dieser Unterscheidung?

Mehr öffentliche Diskussion kann als ermutigender Schritt dafür gelesen werden, wie unsere Gesellschaft mit Pornos umgeht. Es ist positiv, dass diese Gespräche unter denen stattfinden, die sich zuvor vom Thema abgewendet hätten. Ich glaube wir alle wollen erreichen, dass sich mehr Frauen mit ihrer eigenen Sexualität wohlfühlen.

Deshalb leisten Produzentinnen wie Erika Lust, die feministische oder frauenfreundliche Ästhetik in ihren Pornos verwenden, gute Arbeit. Aber: Die Vermarktung des Feminismus ist zur Zeit so profitabel wie noch nie und das hat auch eine Kehrseite. Es geht zu Lasten der 'schlechten' Frauen und der Frauen, die eine 'schlechte' Sexualität besitzen. Indem wir bestimmte Sexualakte als feministischer bezeichnen als andere, beschämen wir die privaten Fantasien vieler Menschen. Und wir beschämen Frauen, die im "Mainstream"-Porno auftreten und es genießen.

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Warum ist es unmöglich zwischen "gutem" und "schlechtem" Porno zu unterscheiden?

Wenn wir sagen, eine Art, Pornos zu machen oder Sex zu haben, ist "gut", dann muss es eine "schlechte" Art geben, um die Dichotomie aufrechtzuerhalten. Es gibt Probleme in der Branche, und für diese Probleme möchten wir Pornokünstler praktische Hilfe: Wir möchten Gewerkschaften, wir möchten politisch vertreten sein. Pornofilme feministisch zu machen , sollte nichts mit Ästhetik, sondern mit Ethik zu tun haben. Mit meinen Filmen versuche ich, diese Lücke zu schließen und zu zeigen, dass auch Frauen eine rohe, abgründige Sexualität haben können, die trotzdem ethisch funktioniert. Aus diesem Grund mache ich "Femme Gonzo" -Pornos: Ich will zeigen, dass es möglich und sogar revolutionär ist, Dinge zu zeigen, die als verboten gelten oder in manchen feministischen Sphären als 'frauenfeindlich' eingestuft wurden.

Was sagst du, wenn Leute behaupten: "Keine Frau steht wirklich auf 'Piss Play' oder 'Doublepenetration', die tun es nur für das Geld!"

Frauen werden so steril gemalt, dass wir angeblich nur unter gedämpftem Licht und durch sanfte Berührung Lust und Sexualität ausdrücken können. Aber nicht alle Frauen empfinden so. Manche von uns wollen Pisse, wir wollen gleichzeitig anal und vaginal gevögelt werden. Statistiken zeigen zum Beispiel, dass Frauen riesige Konsumenten von Gangbang-Pornos sind. Wir wollen in einer Welt mitspielen, von der uns gesagt wurde, dass sie dreckig ist oder nur für Männer. Unsere Sexualität ist genauso wahr und nicht antifeministisch.

Wie setzt sich dein Honorar zusammen? Und was sind die üblichen Tarife in der Branche?

Ich habe eine Preisliste für meine Dienstleistungen, welche bestimmte Praktiken und deren Länge umfasst. In der Regel beschreiben mir interessierte Kunden, welche Art von Video sie sich vorstellen und ich nenne ihnen einen Preis. Typische Branchentarife für ein Soloshooting können zwischen 100 und 200 Euro liegen. Für ein Partnershooting gibt es zwischen 150 und 250 Euro. Je nach Inhalt können die Honorare auch etwas höher sein.

Wo ist zur Zeit das große Geld im Pornogeschäft?

Das Geld steckt ausschließlich in performergenerierten Inhalten: Das reicht dann von "Behind-the-scenes"-Clips von großen Filmsets bis zu Pornos, die von den Darstellern selber gedreht werden: Dieser Inhalte gehören uns Performern 'für immer', wir können sie für immer verkaufen. Es gibt immer mehr Plattformen für Sexarbeiter, auf denen wir unsere Inhalte problemlos moderieren können. Studios, die nur ein einmaliges Honorar zahlen und keine Kontrolle über den Inhalt anbieten, sind nicht mehr so ​​ansprechend.

Was sollte der nächste Schritt in unserer öffentlichen Diskussion über Pornografie sein?

Hört auf die Darsteller, nicht auf Akademiker. Wir müssen neue Diskurse über Arbeitnehmer in der Sexbranche führen. Und über sexuelles Einvernehmen und Repräsentation. Wir müssen mehr Frauen im sogenannten Mainstream-Porno eine Stimme geben.

Auf welche (technischen) Tools könntest du in deinem Arbeitsalltag nicht verzichten?

Ich könnte nicht ohne das Schnittprogramm "Final Cut Pro" leben. Für das praktische Filmen und Bearbeiten brauche ich ansonsten mein iPhone und Kopfhörer mit Rauschunterdrückung.

Wie hast du es als Performerin zur Produzentin geschafft?

Ich habe einige Jahre mit Firmen gedreht und mir in verschiedenen Ländern angeschaut, wie man in unserer Branche erfolgreich sein kann. In dieser Zeit habe ich viele Praktiken vor der Kamera ausprobiert und herausgefunden, was ich gerne mache und was meine Fans gerne sehen. Im Laufe meiner Karriere begannen Eigenproduktionen für Firmen wie "Manyvids" und "Onlyfans" immer lukrativer zu werden, während die Honorare für Filme mit großen Pornofirmen für alle sanken. Die Entscheidung kam ganz natürlich. Mittlerweile weiß ich, was meine Fans mögen und ich kann mich sexuell genau so ausdrücken, wie ich es will – und das ganze Geld für mich selbst verdienen, abgesehen von dem, was ich re-investiere. Es ist, als ob der Branche wieder mehr Kreativität verliehen worden wäre. Klar, einige Innovationen sind erforderlich. Aber wenn du richtig spielst, kannst du aktuell gutes Geld verdienen.

Zwei Bilder nebeneinander. Links ist eine nackte Frau auf dem Boden liegend zu sehen. Das rechte zeigt eine Frau beim Reden.

Wie können aufstrebende Pornodarsteller vom Geld im Pornogeschäft profitieren?

 Ich denke, gerade ist eine interessante Zeit, um Pornos zu machen. Auch, weil wieder viel Kreativität möglich ist. Hier sind 5 Tipps:

  1. Markenbewusstsein: Baue ein starkes Image auf und mache dich einzigartig.
  2. Spezialisiere dich, lass dich aber nicht in eine Nische drängen.
  3. Social Media ist wichtig, denn deine Fans sind dein Geld.
  4. Unterstützung und ein gutes Netzwerk: Finde Freunde oder du wirst dich in der alltäglichen Interaktion mit der Pornoszene schnell isoliert fühlen.
  5. Lerne deinen eigenen Körper kennen und finde heraus, was sich gut anfühlt und was dir Spaß macht. Das wirkt sich massiv auf deine (schauspielerische) Leistung aus
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