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Interview

Erster Film von Feuer.zeug: Wie dreht man einen feministischen Porno? Das haben wir ein Porno-Start-up gefragt

Das Start-up Feuer.zeug will den Pornomarkt revolutionieren: Es soll endlich mehr feministische Pornos geben, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Wir haben die Gründer Kira Kurz und Leon Schmalstieg gefragt, wie man so einen Film dreht. 

Feministischer Porno "Retour" von Feuer.zeug

Ein feministischer Porno ist nicht automatisch ein Softporno, sondern sorgt am Set für gleichberechtigte Verhältnisse

Wenn man sich den Trailer von "Retour", dem ersten Film des Porno-Start-ups Feuer.zeug anschaut, würde man nicht sofort auf die Idee kommen, dass es sich um einen Porno handelt. Man sieht zwar, wie ein Paar Sex hat, aber nach konventioneller Pornographie aus der Schmuddelecke sieht das überhaupt nicht aus – sondern authentisch und sehr ästhetisch. Das ist natürlich kein Zufall, die Macher wollen feministische Pornos drehen. Wir haben Kira Kurz und Leon Schmalstieg, die Gründer von Feuer.zeug gefragt, wie man sich einen solchen Dreh vorstellen kann – und gelernt, dass ein feministischer Porno nicht automatisch ein Softporno ist. Die beiden sind Studierende aus Freiburg und haben sich faire Pornos auf die Fahne geschrieben.

Worum geht es in eurem Porno?

Kira: Unser Film basiert auf einer wahren Geschichte. Es geht um ein Paar, das sich beim Trampen kennenlernt. Die beiden verstehen sich sehr gut und daraus entwickelt sich mehr. Und dieses "mehr" ist der pornographische Teil.

Leon: Ein Teil erzählt davon, wie sie sich kennenlernen, worüber sie reden. Sie fahren zusammen nach Konstanz, wieder zurück nach Freiburg. Und der zweite Teil sind die expliziten Szenen.

Kira: Diese Szenen sehen aber nicht genau so aus wie in einem konventionellen Porno. Es ist deutlich nahbarer, wir haben andere Kameraeinstellungen. Wir versuchen die Sexualität gleichberechtigt darzustellen und auch auf eine Art, dass man sich nicht wie ein Eindringling fühlt. Wir wollen dieses unangenehme Gefühl, das mit dem Zuschauen verbunden ist, durch eine andere Darstellung umgehen.

Leon: Viele kennen das wahrscheinlich nach dem Pornokonsum. Dass man da sitzt und denkt: Oh Gott, was habe ich mir gerade angeschaut? Wir wollen das Gefühl vermitteln: Das hätte mir auch passieren können. Oder: Das ist mir schon passiert. Dass man sich mehr damit identifizieren kann.

Die Vorgabe bei Pornodreh: Consent und Safer Sex

Woher wisst ihr, was die Leute gucken wollen?

Kira: Ganz am Anfang haben wir eine Umfrage gemacht zum Thema Pornokonsum und haben in unserem persönlichen Umfeld nachgefragt. In unserem Fall ist es aber tatsächlich auch so, dass wir unseren Darstellerinnen und Darstellern nicht vorgeben, was wir bei den expliziten Szenen sehen wollen. Die Vorgabe ist nur: Consent und Safer Sex. Aber was sie aus ihrer persönlichen Sexualität mit uns und der Kamera teilen wollen, bleibt ihnen überlassen. Wir wissen vorher also auch nicht genau, was wir sehen werden. Das ist für uns auch das Spannende.

Leon: Trotzdem ist das Meiste gescriptet – bis zu den expliziten Szenen eben. Die Dialoge sind zwar improvisiert, aber das war am Anfang gar nicht so geplant. Wir haben während des Drehs einfach gemerkt, dass es auch so klappt.

Feministische Pornos von Feuer.zeug: Leon Schmalstieg und Kira Kurz

Leon Schmalstieg und Kira Kurz haben das Porno-Startup Feuer.zeug gegründet

Wo bekommt ihr eure Darsteller her?

Kira: Die Darstellerin und den Darsteller für unseren aktuellen Film haben wir über einen Aufruf bei Instagram gefunden. Wir haben vorab mit ihnen geskyped, um zu schauen, ob es passt. Für uns war nicht die Optik wichtig oder die sexuelle Orientierung, sondern: Teilen wir die gleichen Ideen? Können wir zusammen arbeiten? Und ist man sich sympathisch? Schließlich sind es am Ende zwei Menschen, die für uns vor der Kamera Sex haben – da spielen Sympathie und Vertrauen eine große Rolle. Unsere Darsteller haben sich zusammen bei uns gemeldet, sie kannten sich schon vorher.

Wie sieht es hinter den Kulissen bei euch aus?

Kira: Unser Team besteht aus insgesamt circa 15 Leuten, vom Filmteam bis Marketing. Die meisten kommen aus unserem erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis und sind schon von Anfang an dabei.

Leon: Jeder hat seine Position: Licht, Kamera, Continuity, Regie, Regie-Assistenz ... Es waren schon viele Leute beim Dreh. Aber bei den expliziten Szenen waren nur die Regisseurin und die zwei Kameraleute im Raum. Der Rest des Teams hat sogar die Wohnung verlassen. Es soll eine schöne Atmosphäre sein, die beiden Darsteller sollen sich wohlfühlen. Dafür brauchen sie Freiraum.

Wie ist die Atmosphäre am Set eines feministischen Pornos?

Wie ist die Atmosphäre am Set?

Leon: Es läuft schon ab, wie bei einem normalen Filmdreh: Es gibt einen Drehplan, jeder hat seine Position, jeder kennt den Ablauf. Aber uns war auch wichtig, dass wir immer zusammen Mittag gegessen haben. Dadurch, dass viele Freunde und Bekannte dabei waren, war oft eine sehr amüsante Atmosphäre – aber gleichzeitig natürlich auch professionell.

Vor dem Dreh der expliziten Szenen haben wir zusammen gefrühstückt und haben uns den ganzen Tag lang Zeit gelassen. Wir wollten die Darsteller auf keinen Fall unter Zeitdruck setzen. Das sollte eigentlich bei jedem Pornodreh so sein.

Kira: Wir haben auch eine Sorgenbeauftragte am Set, die dafür sorgt, dass keine Grenzen überschritten werden. Und die immer mal wieder nachfragt, ob sich alle wohlfühlen. Damit man eine Ansprechpartnerin hat, falls es doch mal Probleme geben sollte.

Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?

Leon: Der Film ist 23 Minuten lang, dafür haben wir eine Woche gedreht – von Montag bis Samstag. Wir hatten drei Drehtage für die Außenszenen, also für die Tramp-Szenen. An dem Donnerstag haben wir das Set in der Wohnung vorbereitet. Die Szenen in der Küche haben wir dann am Freitag gedreht und Samstag dann die expliziten Szenen.

Habt ihr am Set eine Frauenquote?

Kira: Da die Geschlechterverteilung bei uns automatisch sehr ausgewogen war, haben wir uns da eigentlich nie Gedanken darüber gemacht, ob wir eine Quote brauchen. Wir hatten eine Regisseurin, mich als Produzentin und hatten auch sonst viele Frauen am Set.

Unterschiede zur kostenlosen Konkurrenz

Wie überzeugt ihr die Leute davon, für euren Porno zu bezahlen?

Kira: Ich glaube, das lässt sich am besten mit einer Analogie erklären. Wenn ich wissen möchte, wie das Produkt, das ich konsumiere, erzeugt wurde, dann muss ich bereit dafür sein, zu bezahlen. Das ist wie, wenn ich einen Pullover kaufe und nicht möchte, dass ihn Kinder genäht haben. Dann muss ich bereit dafür sein, einen Preis zu zahlen, der eine faire Produktion ermöglichen kann. Außerdem glauben wir, dass sich viele Leute Gedanken darüber machen, wie die Pornos, die sie konsumieren, produziert wurden, damit sie sicher sein können, dass keine sexuelle Ausbeutung stattgefunden hat.

Wir wissen aber auch, dass die Verfügbarkeit ein Problem ist. Wenn man den Markt ändern will, müsste man im Idealfall eine ähnlich niedrigschwellige Verfügbarkeit haben wie bei der Mainstream-Pornographie. Momentan stehen aber keine anderen Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. In Schweden zum Beispiel wurden feministische Pornos schon mal vom Staat subventioniert. Vielleicht wird es auch in Deutschland irgendwann Fördergelder geben oder es tun sich andere Möglichkeiten auf.

Leon: Wenn man sich Netflix-Dokus wie "Hot Girls Wanted" anschaut, kann man sehen, wie es in der Mainstream-Pornographie im Amateurbereich oft zugeht. Viele Leute, denen ich die Doku empfohlen habe, sind danach auf mich zugekommen, waren schockiert. Das hat ihnen verdeutlicht, warum so viele Pornos auf dem Markt kostenlos sind – weil sie unter katastrophalen und Menschen erniedrigenden Bedingungen produziert werden.

Wie seid ihr überhaupt darauf gekommen, Pornos zu drehen?

Kira: Bei mir war es persönliches Interesse daran, wie man Sexualität anders darstellen kann. Darüber hatte ich auch schon mit Sexualpädagogen gesprochen. Auch Leon hatte sich schon vorher mit den Auswirkungen von Pornographie auf das Frauenbild männlicher Jugendlicher auseinander gesetzt. Und auch über Gespräche haben wir festgestellt, dass wir beide Bock hätten, ein Projekt daraus zu machen. 

Wie geht es weiter?

Wie wird es jetzt weitergehen?

Leon: Der Film muss sich jetzt erst mal refinanzieren, damit das Projekt überhaupt weiterleben kann, weil wir alles privat finanziert haben. Alle Beteiligten haben ehrenamtlich mitgearbeitet, aber es fallen natürlich Kosten wie Catering, Benzin etc. an. Die Motivation und die Ideen für einen neuen Film sind aber auf jeden Fall da. Gerade auch wegen der positiven Rückmeldungen. Wir sehen, dass unsere Herangehensweise vielen Leuten gefällt und als authentisch wahrgenommen wird. Und dass Pornographie ein Thema ist, das öffentlich mehr zum Gesprächsthema werden sollte.

Kira: Die erste Produktion war jetzt ein totales Low-Budget-Projekt, sie hat knapp über 1000 Euro gekostet. Das Geld haben wir aus eigener Tasche bezahlt. Aber so kann es natürlich nicht weitergehen. Beim nächsten Projekt wollen wir auf jeden Fall in der Lage sein, alle Beteiligten bezahlen zu können.

Den ersten Pornofilm "Retour" von Feuer.zeug kann man für 4,99 Euro auf der Website von Arthouse Vienna kaufen.

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