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TV-Kritik

Netflix-Doku "Hot Girls Wanted": Pornos für Feministinnen - geht das?

Netflix gibt in der sechsteiligen Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" einen Einblick in die Erotikindustrie. In Folge eins geht es um den Versuch, Pornos für Frauen zu kreieren. Ein Kampf gegen Männer und die Gratiskultur im Internet.

Screenshot aus der Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" von Netflix

In der Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" gibt Netflix einen Einblick in die Sex- und Pornoindustrie

"Ich könnte jetzt einen Orgasmus gebrauchen", sagt Erika Lust. Die Erotikfilmmacherin gibt am Set in Barcelona Regieanweisungen. Sie will die erotischen Fantasien ihrer Kundinnen verwirklichen. Laiendarstellerin Monica soll an einem Klavier sitzen, während sie von einem Mann befriedigt wird. Doch der Dreh klappt nicht, wie Erika Lust das möchte. Schuld ist der männliche Hauptdarsteller. "Ich will keinen Porno, ich will Sex zeigen. Der ist viel emotionaler", versucht Lust dem Profi, der schon in vielen herkömmlichen Pornos mitgespielt hat, zu erklären. "Soll es romantischer sein?", fragt er ratlos zurück. "Es ist wichtig, dass man zumindest ein bisschen was fühlt", antwortet Lust.

In der Dokuserie "Hot Girls Wanted: Turned On" gibt Netflix einen Einblick in die Sex- und Pornoindustrie. Anders als beim gleichnamigen Dokumentarfilm von 2015 überlässt Regisseurin Rashida Jones im Spin-Off das Urteil dem Zuschauer: Ist Porno schauen unmoralisch? Werden Frauen in der riesigen Sexmaschinerie ausgenutzt? Wie verändern Dating-Apps und die ständige Verfügbarkeit von Pornografie unsere Gesellschaft? Diesen Fragen geht Jones in sechs Teilen nach. In der ersten Folge begleitet sie zwei Protagonistinnen, die erotische Filme für Frauen drehen. Eine Aufgabe mit vielen Hindernissen.


Pornos als Opfer der der Gratiskultur

"Heute zahlt niemand mehr für Pornos. Deshalb ist es schwierig, hochwertige Filme zu drehen", sagt Holly Randall. Die Fotografin und Filmemacherin ist die Tochter von Suze Randall, die in den 80er Jahren die erste weibliche Fotografin beim "Playboy" war. "Ich beneide meine Tochter nicht", sagt Suze Randall. "Früher hatten wir drei Tage Zeit für Aufnahmen, heute nur noch einen", beschreibt sie den enormen Zeitdruck in der Branche. Aufwendige Produktionen wie die von Holly Randall kosten mehr Geld als die Billigproduktionen der Konkurrenz. Trotzdem will sie an ihrem Konzept festhalten: "Meine Kundinnen kommen zu mir, weil sie eine weiblichere Sicht sehen wollen." Aber wie lange noch? Nur noch fünf Prozent der Pornokonsumenten zahlen. Der Rest ist frei verfügbar im Internet. 

Erika Lust hat mit ihren Erotikfilmen eine Nische gefunden. Die aus Schweden stammende Produzentin spezialisierte sich auf Pornos für Frauen. Sie bezeichnet sich selbst als Feministin und kämpft gegen die männliche Sicht in der Branche. "Leute, die Pornos machen, sind mehr daran interessiert, bumsende Frauen zu bestrafen", sagt sie über den herkömmlichen Porno. "Der Mann ist die Hauptfigur. Es geht um sein Verlangen." Lust will diese Struktur durchbrechen. "Das funktioniert für mich nicht. Bei mir geht es um beide. Ich will Emotionen, Leidenschaft, Intimität."

"Der Sex ist zwar echt, trotzdem ist es nur ein Film"

Doch wie schwierig das ist, zeigt sich bei den Dreharbeiten zu Lusts neuem Film in Barcelona. Hinter der Kamera arbeitet ein Team von Frauen. "Bei Männern habe ich einen zu großen Anteil an Shots auf den weiblichen Part", sagt Lust. Vor der Kamera sollen Laiendarsteller stehen. Profis seien ungeeignet, da sie im typischen Porno-Klischee der dominierten Frau zu sehr verhaftet seien. Nicht immer findet sie geeignete Darsteller, weshalb sie vor allem bei den Männern doch auf Profis zurückgreifen muss.

"Es tut mir weh", sagt Laiendarstellerin Monica nach kurzer Zeit. Die Dreharbeiten werden unterbrochen. Lust beschließt, dass sie nur noch einen Orgasmus brauche. "Es kann nur zum Schein sein", sagt sie. Mit diesem Satz entlarvt sie die Illusion vom erotischen und gefühlvollen Porno, an dem beide vor der Kamera Spaß haben. "Der Sex ist zwar echt, trotzdem ist es nur ein Film", sagt Lust. Ernüchternd.

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