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Tschüss, Lernfrust!: Warum du beim Lernen auf Textmarker und Unterstreichen verzichten solltest

Gelb, grün, blau, rosa – Textmarker sind ein wunderbares Hilfsmittel, um wichtige Informationen hervorzuheben. Oder etwa nicht? Sie sind schön anzusehen, aber zum Lernen völlig sinnlos, sagt unser Gastautor.

Ein Gastbeitrag von Daniel Hunold

Lernen Motivation Universität

Bunte Zettel und Stifte beim Lernen sind schön, aber meistens sinnlos

Getty Images

Es war einmal ein Student, der auszog, um seinen Abschluss zu machen. Voller Elan kam er am ersten Tag an die Uni. Und wenn er nicht gestorben ist, hasst er das Lernen noch heute. Kurzes Märchen, wahrer Kern? Wie unserem Märchen-Studenten ging es vielleicht auch dir oder einigen deiner Freunde: Schule gemeistert, nie viel gelernt, alles lief irgendwie von allein. Jetzt an der Uni soll alles so weitergehen. Netflixen, viel Freizeit haben, Partys feiern und nur mal kurz vor der Prüfung in die Vorlesungsunterlagen lunzen. Schnell aber ist klar, dass der Stoff an der Uni viel umfangreicher ist. Am Ende des Studiums ist unser Märchen-Student sich sicher: Fürs Lernen ist er nicht geeignet und will nie wieder was von der Uni wissen.

Herzlich willkommen im Bildungssystem

Leider haben wir vergessen, dass niemand Kindern zeigt, wie man erfolgreich Schüler und später Auszubildender beziehungsweise Student sein kann - genaugenommen, wie man lernt.

Die Folgen davon sind ineffiziente Lernstrategien, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, obwohl die besten Lernstrategien schon die alten Griechen vor 2.500 Jahren gekannt haben.Wir markieren wie die Blöden und lesen alles immer wieder in der Hoffnung, dass etwas hängen bleibt. Nach endlosen Wiederholungen erbarmt sich unser Gehirn und nimmt die Informationen auf. Aber zu welchem Preis?

Emma Watson

Eine Studie hat beide Strategien untersucht und herausgefunden, dass sie unser Gehirn unterfordern. Wenn du liest und bunt markierst, benutzt du nur einen Bruchteil der Ressourcen des besten Computers der Welt: deinem Gehirn. Du fährst im Spritsparmodus und wunderst dich, warum du nicht vorwärts kommst.

Bunt nützt nix

Beim Markieren von Textpassagen liest du den Text durch und versuchst, die wichtigsten Stellen zu finden. Ein guter Ansatz. Du findest eine wichtige Stelle und markierst sie. Gut gemacht! Klopf dir auf die Schulter. Und nun? Es passiert nichts weiter. Das ist ein schwaches Signal für dein Gehirn. Warum sollte dein Gehirn durch das bloße Unterstreichen dazu gebracht werden, die Information aufzunehmen?

Das Durchlesen, auch Rereading genannt, funktioniert ähnlich. Es ist ein sehr schwacher Reiz. Dein Steinzeitgehirn erkennt dabei nicht, dass es sich um eine wichtige Information handelt. Da es die Informationen schon einmal gesehen hat, sagt es sich, kenne ich schon, habe ich mir aber nicht gemerkt, da es nicht wichtig war. Erst nach vielen entmutigenden Wiederholungen merkt dein Gehirn: Die Info ist doch wichtig.

Werde zum Gehirnbesitzer

Dein Gehirn speichert am liebsten überlebenswichtige Dinge, die auch in Zukunft gebraucht werden. Das Großartige ist, dass wir jede Information so verpacken können, dass sie unser Gehirn als super wichtig erachtet. Die Motivationstrainerin Vera Birkenbihl nannte dies "gehirngerechtes Lernen". Du sollst vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer werden. Dazu gibt es verschiedene Wege.

Weg 1: Entdecke den Säbelzahntiger
Je mehr Aktivität du beim Lernen im Gehirn auslöst, desto eher werden Informationen abgespeichert. Ganz nach dem Prinzip: Über einen Säbelzahntiger, dem du gerade begegnet bist, wirst du intensiver nachdenken, als über einen Spatz. Daher solltest du über das zu lernende intensiv nachdenken. Was kann ich mit der Information anstellen? Wofür könnte ich das gebrauchen? Zu welchen bekannten Informationen kann ich das in Beziehung setzen? Warum ist diese Information dem Dozenten/Autor so wichtig? Warum ist dieses Konzept genauso und nicht anders? All diese Fragen aktiveren dein Gehirn. Dir wird weniger langweilig sein, du wirst schneller lernen und es viel länger behalten.

Weg 2: Tricks deinen Dozenten aus
Äußerlich und vom Aufbau ist jedes Gehirn gleich, jedoch unterschiedet sich die Organisation des Wissens bei jedem einzelnen Menschen deutlich. Je nachdem wie, wann und wo du Informationen aufgenommen hast, sind diese anders abgespeichert und verschaltet.  Fällt es dir leicht, einem Dozenten zu folgen und seine Unterlagen zu verstehen, habt ihr eine ähnliche Wissensstruktur im Gehirn. Fällt es dir hingehen schwer, ihm zu folgen, weil er gefühlt von Thema zu Thema springt, ist sein Wissen ganz anders organisiert als bei dir. Manchmal ist der Dozent aber auch einfach verwirrt und lebt in seiner eigenen Welt. Ich glaube da haben wir alle unsere Erfahrungen schon einmal gemacht.

Wenn dir der Aufbau des Wissens absolut unlogisch vorkommt, dann kannst du das Wissen reorganisieren. Das kannst du gut mit Mindmaps machen. Du ordnest die Themen neu an. Den Themen gibst du eine lernbare Struktur. An manchen Stellen fügst du noch Wissen hinzu, um es besser zu verstehen. Dafür brauchst du dein ganzes Gehirn. Du durchdringst den Stoff viel tiefer, verstehst ihn besser und es bleibt viel mehr hängen als durch das Durchlesen.

Tschüss Textmarker

Jetzt bist du an der Reihe. Wirf deinen Textmarker aus dem Fenster und fang an, den Lernstoff zu hinterfragen und eine geeignete Struktur zu finden. Mit etwas Übung ersparst du dir viel Lernzeit und kannst dein Märchen mit einer Eins abschließen und man wird über dich sagen: Und wenn er oder sie nicht gestorben ist, dann liebt er das Lernen noch heute.

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