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Spendenkampagne für Therapie: "Ich zerbreche alle zwei Minuten" – wie ein Vergewaltigungsopfer unter der Tat leidet

Die 18-jährige Anna wurde brutal vergewaltigt, ihre Anwältin riet ihr von einer Therapie ab, solange der Täter noch nicht verurteilt war. Jetzt sammelt ihre Mutter Spenden für die Behandlung.

Traurige Frau

"Ich finde es zynisch, wenn ein Mensch auf Hilfe verzichten muss, um Gerechtigkeit zu bekommen", sagt die Mutter von Anne Lehmann (Symbolbild)

Pexels

Es war ein Tag im März, der das Leben von Anna Lehmann (Name von der Redaktion geändert) veränderte. Die damals 18-jährige Frau besuchte an jenem Tag ein Schnellrestaurant, ging auf die Toilette – und wurde dort brutal vergewaltigt. Ein ihr unbekannter 18-Jähriger fiel über sie her, Anna schwebte zwischenzeitlich sogar in Lebensgefahr. Im Oktober wurde der Täter zu sechs Jahren Haft verurteilt. Juristisch ist der Fall damit abgeschlossen. Für Anna aber geht der Albtraum weiter. Die einst lebensfrohe, sozial engagierte Frau ist kaum noch wiederzuerkennen.

"Sie ist sehr ängstlich, extrem schreckhaft, verunsichert und hat ständig Panikattacken, da muss nur eine Tür einen Spaltbreit offen stehen", erzählt Annas Mutter Joys Lehmann (Name von der Redaktion geändert) in einem Interview mit der Crowdfunding-Plattform "GoFundMe", das NEON exklusiv vorliegt. "Wir mussten die Badezimmertür aushängen und Tag und Nacht brennt in der ganzen Wohnung das Licht, sonst hält sie es nicht aus." Seit der Tat ist die junge Frau schwer traumatisiert. Nun sammelt ihre Familie im Internet Spenden, um ihr eine Therapie zu ermöglichen. Die Familie stammt aus einer deutschen Kleinstadt, die wir zum Schutz des Opfers nicht nennen.

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Anwältin riet von einer Therapie während des Prozesses ab

Dass Anna Lehmann noch keine angemessene Behandlung erhalten hat, liegt auch an dem Prozess gegen ihren Peiniger. Die Anwältin hatte ihr von einer Therapie abgeraten, solange kein Urteil gefällt worden war. "Es hieß, dies könne der gegnerische Anwalt gegen sie verwenden, mit dem Argument: Wenn man so oft über eine bestimmte Sache spricht, verändert man sie in der Erinnerung, das verfälscht die Aussage", berichtet ihre Mutter. "Ich dachte nur: Das darf doch nicht wahr sein. Als hätte man mit einem sichtbaren Schmerz eine bessere Chance, den Mann hinter Gitter zu bringen."

Aus juristischer Sicht mag die Einschätzung zutreffen. Sie wirft jedoch die Frage auf, inwieweit Opfer sexueller Gewalt vor Gericht und in der Öffentlichkeit einer bestimmten Vorstellung entsprechen müssen, um ernstgenommen zu werden. "Sie sollen nicht mehr reden oder lachen, sondern in sich gekehrt dasitzen und keinen Körperkontakt mehr zulassen. Ich finde es zynisch, wenn ein Mensch auf Hilfe verzichten muss, um Gerechtigkeit zu bekommen", sagt Joys Lehmann.

Mutter und Tochter mussten absolutes Stillschweigen bewahren, auch Bekannte oder Freunde durften nichts von der Tat erfahren, um den Prozess nicht zu gefährden: "Als wäre eine kriminelle Tat weniger kriminell, wenn jemand Wege findet, sie zu verarbeiten. Das ist der eigentliche Skandal."

"Ein Teil von Anna ist gestorben"

Vor Gericht legte der Vergewaltiger ein umfassendes Geständnis ab. Nach seiner Verurteilung will Anna nun endlich eine Intensivtraumatherapie beginnen. Das schreckliche Erlebnis hat bei ihr tiefe Spuren hinterlassen. Zunächst war Anna erst einmal froh gewesen, überlebt zu haben. Sie traute sich nicht, den Fernseher anzumachen, konnte kaum alleine sein. "Ihr Vertrauen ins Leben war komplett zerstört", erinnert sich Joys Lehmann. Einen Monat nach der Tat begann Anna eine Ausbildung zur Krankenschwester – eigentlich ihr Traumberuf. Mittlerweile jedoch kann sie sich durch ihre Depression kaum noch dazu motivieren, zur Arbeit zu gehen.

"Ein Teil von Anna ist gestorben, aber ihr Körper ist noch da. Ich hoffe, dass wir sie wieder hervorholen können, zumindest Teile von ihr", sagt ihre Mutter. "Sie sagt täglich Dinge wie 'Ich habe das Gefühl, alle zwei Minuten neu zu zerbrechen' und 'Ich will doch nur leben'." Annas posttraumatische Belastungsstörung soll nun intensiv in einer privaten Klinik behandelt werden. Dafür hat Joys Lehmann auf der Plattform "GoFundMe" einen Spendenaufruf gestartet, da die Therapie nur teilweise von der Krankenkasse finanziert wird. Konkret geht es um Einzelgespräche und alltagsvorbereitende Trainings. So soll sich Anna "ihr Leben zumindest ein wenig zurückerobern".

Hier könnt ihr für Anna und ihre Therapie spenden.

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