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5 Fragen an junge Feministen: Herr & Speer: "Ende des Patriarchats kann es nur geben, wenn wir Männer in die Debatte einbeziehen"

Am 19. Januar vor 100 Jahren durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen. Wir nutzen diesen Anlass, um mit jungen Feministen und Feministinnen zu sprechen und sie zu fragen: Warum brauchen wir immer noch Feminismus? Wo hakt es noch? Und wo läuft es gut? Heute antwortet das Aktivisten-Duo Herr & Speer aus Berlin.

Herr&Speer Feminismus Interview

Herr & Speer sind die beiden Autoren und Aktivisten Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer aus Berlin (v.l.)

Deutschland braucht mehr Feministen – da sind sich Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer aus Berlin einig. Die beiden Aktivisten aus Berlin machen sich seit 2012 für gesellschaftliche und politische Themen stark. So schrieben sie 2015 einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und forderten eine Abstimmung über die "Ehe für alle" ohne Fraktionszwang. Ihr Anstoß, allen Jugendlichen in der EU zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schenken, fand viel Zuspruch und ist mittlerweile mit der Kampagne "Free Interrail" teilweise umgesetzt - dabei verlost die EU jährlich Tickets an 18-Jährige EU-Bürger. Beide sind Unterstützer und deutsche Botschafter der UN-Kampagne HeForShe, die sich weltweit für Frauenrechte sowie die Gleichstellung von Männern und Frauen engagiert.Wir haben mit ihnen über Feminismus gesprochen.

1. 100 Jahre Frauenwahlrecht: Warum braucht es immer noch Feministen?
Feminismus ist eine Notwendigkeit, solange die Gesellschaft Frauen und Männer einen unterschiedlichen Wert zumisst und sie entsprechend unterschiedlich behandelt. Schauen wir uns um, so sehen wir, dass wir noch in so einer Gesellschaft leben. Schülerinnen, die in den Physikleistungskurs wollen, wird stattdessen der Kunst-LK empfohlen, (junge) Frauen haben regelmäßig mit sexualisierten Sprüchen und Witzen zu tun, berufstätige Frauen verdienen weniger für die gleiche Arbeit als ihre männlichen Kollegen, eine von drei Frauen erfährt im Leben sexuelle Belästigung. Auch 100 Jahre nach dem Wahlrecht bleibt also viel zu tun. Dafür braucht es weiterhin Feministinnen und Feministen, also Menschen, die sich für Chancengleichheit und Gerechtigkeit der Geschlechter einsetzen.

2. Wofür brennt ihr besonders – und warum?
Feminismus ist ein super spannendes Thema. Nicht nur geht es hier um die großen Fragen unserer Zeit und die Lösung von Herausforderungen, die Jahrhunderte alt sind. Die feministische Szene ist auch voll von tollen Menschen, die an Gerechtigkeit glauben und sich dafür einsetzen – neben Beruf oder Studium, einfach weil es richtig ist. Wir finden schade, dass hier bisher so wenig Männer dabei sind. Mit unserer Arbeit versuchen wir mehr Männer zu motivieren, sich für das Thema zu interessieren und auch aktiv zu werden. Das macht Spaß, ist aber nicht immer ganz so leicht. Wir sind überzeugt, dass Geschlechtergerechtigkeit erst dann möglich wird, wenn die große Mehrheit der Gesellschaft an einem Strang zieht und ein geteiltes Verständnis von den Vorteilen und der Notwendigkeit einer gerechten Welt hat. Die Inklusion von Männern in den Feminismus ist also ein wichtiger Schritt auf dem Weg hin zum Ende des Patriarchats.

3. Was läuft gut? Was braucht noch Veränderung?
Die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich alte sexistische Strukturen nicht mehr sorglos fortleben lassen können. Bewegungen wie #metoo, #aufschrei und #ausnahmslos beweisen, dass wir mitten in einem Kulturwandel stehen, in der demütigende und erniedrigende Praktiken gegenüber Frauen nicht mehr akzeptiert werden. Wenn wir zum Beispiel zu den "Women‘s Marches" gehen, so spürt man dort ganz direkt, wie weit Veränderung schon gekommen ist. Hier zeigt sich eine starke, zuversichtliche Bewegung, die echte Veränderung anstoßen will und das auch tut. Natürlich gibt es auch die Gegenbewegung, aus der viel Hass auf Feministinnen schlägt. Hier gibt es noch viel zu tun. Pierre Bourdieu hat uns nicht ohne Grund darauf verwiesen, dass das Ende der männlichen Herrschaft lange dauern wird und die gemeinsamen Anstrengungen weite Teile der Gesellschaft braucht. Wie gesagt: hier sehen wir ganz besonders Männer in der Verantwortung, die bisher im Durchschnitt wenig mit Feminismus zu tun haben wollen und oft noch nicht verstehen, weshalb das auch ihr Problem ist.

4. Welchen Satz könnt ihr nicht mehr hören?
Von vielen Männern hören wir: "Es gibt doch nun wirklich wichtigere Probleme als Gleichberechtigung." Erstaunlich ist, dass das immer Leute sagen, die von Sexismus in der Regel nie betroffen sind. Aus eigener Erfahrung als Männer wissen wir: Männer erleben Alltagssexismus defacto nie oder sehr selten. Einen solchen Satz wie oben können wir uns folglich auch einfach nicht erlauben.

5. Wer sind eure Vorbilder?
Es gibt viele Leute, die inspirieren. Einerseits sind das die ungezählten unbekannten Feminist*innen, also Menschen, die sich, ohne dass jemand davon erfährt, im kleinen Kreis für Gleichberechtigung einsetzen. Bei anderen erfahren wir dann davon und sind inspiriert. Die Ehe zwischen US-Verfassungsrichterin Ruth Bader und ihren Ehemann Martin Ginsburg ist so eine Inspiration. Vollkommen modern für ihre Zeit in der Aufgabenteilung und in tiefer Liebe und Kooperation miteinander, zeigen uns die beiden, wie eine moderne Beziehung aussehen kann und weshalb hierin die Kraft liegt, Gesellschaft wirklich voranzubringen. Anschaulich zu sehen ist das im Film "RBG".

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