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Wisch und Bauch weg: Foto-App funktioniert so einfach und hat so realistische Ergebnisse, dass es Angst macht

Ein Klick hier, ein Wisch da – Traumfigur fertig. So kann ein jeder seine sozialen Netzwerke mit Bildern von sich fluten, die mit der Realität nicht mehr viel zu tun haben. Und die Apps werden immer besser.

Links das Original, rechts das bearbeitete Bild. Im Promovideo der App dauert die Bearbeitung genau zwei Sekunden.

Links das Original, rechts das bearbeitete Bild. Im Promovideo der App dauert die Bearbeitung genau zwei Sekunden.

"Das ist erschreckend, oh Gott!" Die Reaktion von Twitternutzerin "sierra"auf das Werbevideo einer neuen Bildbearbeitungsapp wirkt auf den ersten Blick übertrieben. Wir alle nutzen Bildbearbeitungsprogramme: ein bisschen Kontrast hier, ein kleiner Snap, der die Augen größer erscheinen lässt und durch so einen Filter sieht die Welt (oder vermeintlich man selbst) ja auch oft gleich viel annehmbarer aus. 

Das "Erschreckende", die neue Dimension an dieser neuen App, sind zwei Dinge: wie intuitiv und einfach die Bearbeitung des Fotos ist und wie erschreckend realistisch das fertige Ergebnis aussieht. Im Prinzip wischt man einfach nur mit den Fingern entlang des Körpers und schwupps: Links und rechts wird alles schlanker, die Taille rutscht noch ein ganzes Stück zusammen und der Bauch wird kleiner. 

"Beginne jetzt damit, dich neu zu erschaffen"

"Photolift" ist eine von einer türkischen Firma entwickelte Bildbearbeitungs-App. Der Werbeslogan lautet: "Ein exzellentes Werkzeug um deine Fotos für Instagram, dein Facebookprofil oder Postings zu bearbeiten. Beginne jetzt damit, dich neu zu erschaffen oder den, der du gern wärst!" Dazu die Optionen: "Realistische Muskeln, Haar- und Bartstyles", "Hunderte Tattoo-Styles", "Unzählige Accessoires". Und dann die Beschreibung der oben gesehen Bearbeitung: Die App sei ein "magisches Bildbearbeitungs-Werkzeug, um deinen Körper neu zu formen, ohne, dass du zum Workout musst. Falls du keine Zeit hast für Fitness, aber sexy Bauch- oder Brustmuskeln willst, wird dir diese magische App helfen, das alles zu bekommen." Zwei Klicks, und du siehst aus wie jemand anderes. Wie jemand, dessen Aussehen du immer haben wolltest, es aber trotz Sportstrapazen und Herunterhungern nie sein konntest. Toll, oder?

Tausende hatten auf "sierras" Tweet reagiert. Und so regt sich auf Twitter und Instagram Widerstand. Eine Nutzerin schreibt, dass sie sich die App heruntergeladen habe, um zu zeigen, wie zerstörerisch diese bearbeiteten Bilder seien.

Doch die Bilder sind nicht real – wie sollen wir das noch checken?

Die Gefahr liegt auf der Hand: Solche Apps befeuern unser Gehirn mit Bildern, die NICHT REAL sind. Früher war jede Frau auf einem Magazincover mit Photoshop bearbeitet, doch das war kein Geheimnis. Unsere Augen nehmen diese Hochglanzbilder, ohne einen einzigen Makel zwar als realen Fakt hin, unser Gehirn aber weiß zumindest, dass hier getrickst wurde.

Doch mit Smartphones und günstigeren Bildbearbeitungsprogrammen hat sich die Hochglanzbearbeitung so sehr in den Alltag geschlichen, dass wir nicht mehr wissen, ob es sich hier um Realität handelt – oder eben nicht.

So wächst der Druck, vor allem auf junge Menschen, und da wiederum vor allem auf Frauen, ein körperliches Ideal anzustreben, das sie nur auf dem Smartphonedisplay erreichen werden. Wer kann da noch mit seinem Körper, wie er nun mal eben aussieht, im wahren Leben bestehen?Die Versuchung ist eben groß, wenn eine solche App eine Verzerrung des Aussehens – und der Realität – so leicht macht.

she
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