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Meinung

Kleine Verkehrsfibel: Fahren mit Scheuklappen: Haben eigentlich alle vergessen, was der Schulterblick ist?

Wer in der letzten Zeit mal mit dem Fahrrad unterwegs war, wird festgestellt haben, dass erschreckend viele Autofahrer das Einmaleins des Fahrens vergessen haben und dabei besonders eine Sache immer wieder unterschlagen – den Schulterblick.

Mann im Auto

Es gibt ausschließlich fürchterliche Stockbilder vom Schulterblick, deshalb haben wir jetzt mal ein besonders plakatives ausgesucht

Getty Images

Letztens wollte ich mit einer Freundin über die Straße. Wir saßen auf dem Fahrrad, die Ampel, die uns sicher über die recht große Kreuzung führen sollte, war grün. Mit einem Mal quietschten vor uns Reifen. Der Fahrer eines recht großen Gefährts hatte eine Radfahrerin vor uns übersehen und beim Rechtsabbiegen beinahe mitgenommen. Sie regte sich auf (zu Recht), er regte sich auf (vermutlich vor Schreck) und während er noch wild mit den Armen fuchtelte, fuhr er an – und uns beinahe über den Haufen. 

Aus gegebenem Anlass möchte ich euch also hier und heute nochmal einen guten alten Freund von mir vorstellen, den ihr eigentlich alle noch kennen müsstet: den Schulterblick!

Schulterblick und ich? Wir sind BFFs

Wir kennen uns schon ewig – lange vor meiner ersten Fahrstunde. Jahrelang begleitete er mich auf dem Schulweg, sorgte dafür, dass ich beim Rechtsabbiegen nicht versehentlich irgendwelchen Mitschülern vor die Nase fuhr oder hilflose Omas überrumpelte. Dabei musste uns niemand bekannt machen, denn dass ich ihn kennen wollte, wusste ich von ganz allein. Immerhin wäre so ein Zusammenprall auch für mich wirklich schmerzhaft geworden. Selbstschutz und so.

Spätestens aber, seit ich mich zum ersten Mal in ein Auto gesetzt habe, sind er und ich allerbeste Freunde. Immerhin sitze ich da in einem mindestens eine Tonne schweren Todesgeschoss, gegen das auch die rüstigste Oma der Welt keine Chance hat, wenn ich sie übersehe. Also schaue ich mich um. Schaue in den Spiegel, bevor ich die Spur wechsle, schaue nach hinten, wenn ich einparke – und schaue über meine Schulter, bevor ich rechts abbiege. Besonders dann, natürlich, wenn ich weiß, dass die Menschen dort grünes Licht haben, denn immerhin haben die dann Vorfahrt oder -gang, oder was auch immer.

Punkte in Flensburg für Rowdy-Radfahrer? Völlig legitim, aber nicht der Punkt!

Ich will hier jetzt null den Fahrrad-Messias mit dem erhobenen Zeigefinger geben. Müssen die anderen Verkehrsteilnehmer auch darauf achten, was sie tun? Natürlich! Schimpfe ich im Auto über jeden Radfahrer, der meint, dass die Regeln auf ihn nicht zutreffen? Da kannst du einen drauf lassen.

Ich finde es völlig legitim, auch Fahrradfahrern Geldstrafen aufzubrummen oder sogar Punkte in Flensburg zu verpassen, wenn sie sich auf der Straße benehmen wie der hinterletzte Rowdy. Verkehr ist Verkehr und auch, wenn du mit deinem Fahrrad eher weniger Gefahr läufst, jemanden so richtig übel umzunieten, kannst du erstens Schaden anrichten und zweitens dafür sorgen, dass ein Auto die Spur verlassen muss, um dir auszuweichen und dann selber jemanden umfährt. Aber schlussendlich ist es doch so: Das Auto ist im Straßenverkehr der Stärkste. Und ein bisschen wie beim Klügeren bedeutet das, dass man als Autofahrer nachgeben sollte – auch, wenn man im Recht ist.

Autos und Lkw fahren auf einer Autobahn in Deutschland. Durch die Bewegung sind die Fahrzeuge unscharf

Denn genau so wenig, wie ich auf dem Fahrrad jedes Mal damit rechnen will, dass der Transporter da vorne einfach abbiegt, ohne zu gucken, möchte ich als Autofahrer irgendwann jemandes Kind auf der Motorhaube haben. Da müssten wir uns doch eigentlich alle einig sein.

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