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Kommentar

Pöbeln, rasen, Regeln brechen: Liebe Fahrradfahrer, eure Scheinheiligkeit geht mir ganz schön auf die Nerven!

Unser Autor hat ein Herz für Fahrradfahrer. Kein Wunder, er ist selbst einer. Trotzdem sieht er den guten Ruf seiner Spezies bedroht. Schuld daran ist die wachsende Zahl rücksichtsloser Radler, die den Großstadtverkehr zum rechtsfreien Raum umgestalten.

Fahrradfahrer in der Großstadt

Fahrradfahrer in der Großstadt: Viele von ihnen scheinen morgens statt des Fahrradhelms längst die Hasskappe aufzusetzen

Mit mir möchte niemand eine Fahrradtour unternehmen. Ich habe kein Problem damit, das zuzugeben. Weil ich wahnsinnig langsam fahre. Es klingt nach einem Widerspruch, aber auf dem Fahrrad entschleunige ich: schön Musik auf den Ohren, den lauen Fahrtwind im Gesicht, bisschen links und rechts gucken, meine Stadt immer wieder neu entdecken. Auf dem Fahrrad sehe ich aus, als müsste ich überhaupt nicht irgendwo ankommen. 

Mit mir möchte niemand eine Fahrradtour unternehmen, aus den oben genannten Gründen. Und das ist auch gut so: Am liebsten cruise ich alleine, aus den gleichen oben genannten Gründen. Mein gemächliches Tempo gibt mir die Möglichkeit, die anderen Verkehrsteilnehmer ganz in Ruhe zu studieren. Und in letzter Zeit muss ich dabei eine bedenkliche Entwicklung feststellen: Meine Artgenossen zeigen sich zunehmend von ihrer dunklen Seite.

Fahrradfahrer sind schwer zu fassen

Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass ich niemanden behindere, weil ich mich immer am äußersten Rand des Radweges aufhalte. Das hält viele andere Radler aber nicht davon ab, so nah an mir vorbeizujagen, dass sie meinen Weg schneiden oder mich kurz anrempeln.

Dabei geht es noch freundlich zu, wenn sie mir mit Schaum vorm Mund raten, mal einen Zahn zuzulegen. Normalerweise zischen sie aber bloß ein giftiges "Arschloch", "Wichser", "Hurensohn". Und weil sie mit 370 Stundenkilometern unterwegs sind, sind sie bereits über alle Berge, sobald ich die Beleidigung überhaupt realisiert habe. Das wissen sie natürlich auch.

Und das ist das große Problem: Fahrradfahrer sind schwer zu fassen. Und es gibt eine immer größer werdende Gruppe unter ihnen, die den Großstadtverkehr deshalb zum rechtsfreien Raum umgestalten: Sie beschimpfen Autofahrer, Fußgänger und andere Radfahrer auf übelste Weise - und verschwinden anschließend schnell in irgendeiner Gasse. Sie rasen und brechen Verkehrsregeln, wie es gerade passt. Viele von ihnen scheinen morgens statt des Fahrradhelms längst die Hasskappe aufzusetzen: auf dem Weg ins Büro noch schnell alle angestauten Aggressionen abbauen - und anschließend den neuen Tag mit einem Käffchen begrüßen.

Das Schlimmste daran ist aber, dass sich ausgerechnet die rücksichtslosesten Radler gerne als die größten Moralapostel aufspielen: Im Vergleich zu Autofahrern halten sie sich für die besseren Menschen, schließlich schonen sie die Umwelt. Dumm nur, dass sie außer diesem Totschlagargument nicht viel zur Diskussion beizutragen haben.

Radfahrer nicht mehr übersehen


Lieber machen sie gegenüber Fußgängern vom Recht des Stärkeren Gebrauch - ironischerweise ein weiterer Aspekt, den sie den motorisierten Verkehrsteilnehmern gerne vorwerfen. Oder sie beschweren sich über den Mangel an Fahrradwegen, der ihnen die Fortbewegung ach-so-schwer macht und der sie deshalb offenbar dafür qualifiziert, kreuz und quer zwischen Radweg, Straße und Bürgersteig zu kurven.

Einige von euch bedrohen unseren guten Ruf

Liebe Fahrradfahrer, ich bin einer von euch, wenn auch einer der lahmarschigen. Aber einige von euch bedrohen mit ihrem Verhalten ernsthaft unseren guten Ruf. Vielleicht solltet ihr euch mal klarmachen, wie gut es uns hierzulande geht (auch wenn es natürlich immer noch mehr Wege geben müsste, gerade in der Großstadt - geschenkt). Manchen Gästen aus anderen Ländern kommt es gar vor, als würden Fahrradfahrer in Deutschland wie "heilige Kühe" behandelt.

Das mag ein bisschen übertrieben klingen. Aber wer schon mal versucht hat, sich in anderen europäischen Großstädten wie Barcelona oder Paris mit dem Drahtesel (sorry, zum Ende dieses Textes MUSSTE ich das abgedroschene Synonym wenigstens einmal verwenden) fortzubewegen, sieht unsere Zustände mit anderen Augen. Das würde ich euch gerne jedes Mal hinterherrufen, wenn ihr mich mal wieder pöbelnd überholt. Aber ihr seid ja leider immer so schnell weg.

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