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NEON-Erlebnisbericht: Meine unglaubliche Reise in einem kaputten Flugzeug

Unser Autor leidet nicht an Flugangst - aber was er an Bord einer kubanischen Maschine erleben musste, ließ ihn dann doch zumindest zeitweise um sein Leben bangen - und der Spuk ging am Zielflughafen noch weiter.

Flugzeug Blitzeinschlag Gewitter Blitz

So ein Flugzeug habe ich noch nie gesehen. Ich bin auf allen Kontinenten gewesen und habe in meinem Leben zehntausende Flugmeilen zurückgelegt. Aber ich muss erst in in eine kubanische Maschine steigen, um beim Anblick einer Flugzeugkabine in blanke Panik zu geraten.

Vorher überbrücke ich drei Stunden Wartezeit am Aeropuerto Internacional José Martí, indem ich zwei Cuba Libre trinke, zehn Zigaretten rauche und fast das komplette Hörbuch "Heinz Strunk in Afrika" höre – erst ganz am Ende, als die Unruhen in Kenia unseren Heinzer in die Bredouille bringen, gibt der Akku meines iPod den Geist auf. Zwischendurch starre ich auf den Schleier des schwülen Regens, der José Martí umhüllt, und auf das Getümmel in der Abflughalle von Terminal 3. Alle hier tragen luftiges Leinen, weiße Kleider und Jacketts, passend zum Tropenklima. Wer hier Tourist und wer Einheimischer ist, lässt sich nur am Teint vermuten. Ich schwitze nicht nur wegen der Hitze, nein, ich habe auch noch vor Antritt meiner Reise den Fehler gemacht, in Internetforen die Erfahrungsberichte zu lesen, die Passagiere mit der Cubana-Airline gemacht haben. Leider hatte ich den von Havanna nach Bogotá schon gebucht, als ich von ungenießbarem Essen, unfreundlichem Personal und unerträglichen Geräuschen und Gerüchen las – und davon, dass die Flotte vor allem aus russischen Flugzeugmodellen, alten Antonows und Tupolews, besteht.

Al Pacino flüchtet im "Paten" mit einem Cubana-Flugzeug

Mehr muss ich nicht wissen, um diesen Flug zu fürchten. Zwar steht für die Strecke nach Kolumbien ein Airbus bereit, aber das ist nur ein schwacher Trost. In Der Pate II flüchtet als Michael Corleone mit einem Cubana-Flugzeug aus Havanna. Ich befürchte, das war damals dieselbe Maschine, in der ich gerade sitze.

Eine mittelalterliche Kabinenverkleidung, bei der die Drähte von jener Stelle der Decke hängen, aus der normalerweise bei Turbulenzen die Sauerstoffmasken fallen sollen; bei der im Fenster haarkleine Risse sichtbar sind; bei der sich der Boden unter jedem Schritt anhört wie die knarzende Diele einer Altbauwohnung – diese äußeren Voraussetzungen kann ich gerade noch ignorieren. Aber wer im Flugzeug die falschen Sitznachbarn hat, der hat verloren. Und auf dem Weg nach verliere ich gleich doppelt.

Ich sitze in der Mitte, zwischen Vito aus Varadero, der den Gangplatz hat, und Paul aus Deutschland, der am Fenster Platz nimmt. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, noch vor dem Start bei einem kleinen Smalltalk die wichtigsten Infos – Name, Nationalität, solche Sachen – über meine unmittelbaren Mitreisenden herauszufinden, um einschätzen zu können, ob es sich um Personen handelt, die bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen könnten. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass das nicht jedem passieren kann.

Doch meine Umfrage hilft mir diesmal nicht weiter: Weil Vito und Paul nicht unterschiedlicher sein könnten. Vito kommt mir vor wie ein Typ, der abstürzt, mit dem oder auf andere Weise. Paul wirkt eher wie jemand, dem alles gelingt, und wenn nicht, dann redet er es sich einfach schön – eine sehr gesunde Einstellung.

Im Urlaub deutsch zu reden, ist natürlich eigentlich Quatsch, aber die Plauderei mit Paul entspannt mich in dieser Stresssituation, denn nichts anderes ist das hier: Die Klamotten kleben am Körper, überall juckt es, die Schläfen pochen, und die Drinks machen sich auch langsam bemerkbar – ich fühle mich, als würde ich innerlich austrocknen. Und Vito zu meiner Linken ist ein anstrengender Sitznachbar. Er redet zwar nur, wenn er gefragt wird, aber mit seiner Ausstrahlung stiftet er Unruhe. Er hat eine Bauchtasche, in der er ständig herumwühlt. Immer wieder fasst er aufs Neue hinein, schnell und bestimmt, als würde er mit der bloßen Hand einen dicken Fisch aus dem Teich ziehen wollen. Ich würde ihn gerne fragen, was er in der Tasche hat, wonach er sucht, was das alles soll, aber ich traue mich nicht.

Kann man hier eine Bombe an Bord schmuggeln?

Ich frage mich, ob man wohl eine Bombe in der Bauchtasche – am Sicherheitspersonal des Jose Martí vorbei – in ein solches Flugzeug schmuggeln kann. Schnell komme ich zu der Erkenntnis, dass das überhaupt gar kein Problem sein dürfte.

Inzwischen ist auch Paul von Vito genervt und lugt zu ihm herüber. "Ich glaube, er hat seine Bombe vergessen", flüstert er. Ich lache, weil er so ähnlich denkt wie ich. Vito rutscht immer wilder auf seinem Sitz herum. Er wirkte auf den ersten Blick schon wie ein komischer Vogel, aber jetzt macht er mir langsam ernste Sorgen. Der Flugkapitän nuschelt irgendwas durch den Bordlautsprecher, ganz kurz nur, aber ich verstehe kein Wort. Vito schon, er gibt so etwas wie ein Schnauben von sich, einen Luftstoß durch die Nasenlöcher, der abschätzig klingt. Dann fummelt er an seinem rechten Ohr herum, als würde er dort einen Sender suchen. Der Regen schlägt gegen die Kabinenfenster.

Eine halbe Stunde später rollt das Flugzeug kurz an, bleibt dann aber für mindestens 20 weitere Minuten stehen. Über Jahrzehnte durften die Menschen dieses Land nicht verlassen, inzwischen fühlt es sich für mich so ähnlich an. Gelegentlich meldet sich der Kapitän wieder zu Wort, aber er ist nicht zu verstehen. Es rauscht und knarzt und knirscht – es klingt, als funke er aus einer anderen Epoche, als wäre er ganz weit weg. Aber dieses Gefühl habe ich in Kuba ständig, in diesem Land der alten Autos und der matten Beleuchtung. Was mir auffällt, ist der beschwichtigende Tonfall des Kapitäns. Gegen Ende seiner Ausführungen geht ein unruhiges Raunen durch die Reihen. Vito schnaubt schon wieder. Kurz darauf erhalten wir endlich die Starterlaubnis und rollen Richtung Startbahn. Jetzt gibt es kein Zurück mehr: Ich werde mit diesem lädierten Vogel in die Luft gehen.

Als die Maschine noch einmal kurz stoppt, nur um gleich darauf mit einem lauten Jaulen zu beschleunigen, frage ich mich, ob Vito das stärkere Karma hat oder Paul. Immerhin hängt mein Leben davon ab. Ich bräuchte dringend noch einen Drink, aber während des Starts gibt es keinen Service, und ich befürchte, dass auch auf Reiseflughöhe nicht besonders viel angeboten wird. Mit einem Ruck heben wir ab.

"Fliegen ist das Größte", hebt Paul plötzlich an, "und trotzdem nur ein Vorspiel."

"Was?"

"Fliegen ist der Vorspann zur Lieblingsserie, das akustische Gitarrenintro, die Einlaufmusik im Fußballstadion, der wilde Kuss", führt er aus. "Wenn die Maschine auf der Startbahn beschleunigt, immer schneller und schneller wird, dann ist es endlich mehr als nur eine Ahnung, dann weiß ich: Jetzt wird’s heftig, aber in den nächsten Tagen oder Wochen wird es noch viel besser." Vielleicht hat er Recht, auch wenn er es für meinen Geschmack ein bisschen zu arg mit der Zauberflöte formuliert.

"Das ist der Sinn des Fliegens", fügt Paul an.

"Wahrscheinlich hast du Recht", sage ich, ziehe mich in ein unbehagliches Lächeln zurück und schlage die Augen nieder. Im Steigflug wirkt die Maschine gar nicht mehr so schnell, eher Landstraßentempo – wie die Flugzeuge, die man vom Boden aus hoch oben am Himmel sieht. Als wir in die wilden Wolken eintauchen, wird es dunkel. Der Motor meckert wie ein störrischer Rentner. Die Schrauben knirschen mit jedem Meter, den wir an Höhe gewinnen, ein bisschen lauter.

Das ist diese lateinamerikanische Leichtigkeit

Wir hätten nicht abheben dürfen, denke ich, das ist diese lateinamerikanische Leichtigkeit, die bringt in diesem Fall bloß mal eben hundert Menschen in Lebensgefahr.

"Ist es nicht verrückt?", fragt Paul von rechts auf diese rhetorische Art, die ich nicht leiden kann.

Ich warte kurz ab und frage dann widerwillig nach. "Was denn?" "Dass jeder Flug lebensgefährlich ist", sagt er, "obwohl das Fliegen, das Reisen doch das ultimative Ja zum Leben bedeutet."

"Ja", sage ich. "Verrückt."

"Wenn was schief geht, sind wir alle geliefert."

"Ja."

"Das ist der Deal."

"Ja."

"Aber vielleicht ist es auch nur logisch", fügt er an. "Sein Schicksal in die Hände eines völlig Fremden zu geben, das kann nur, wer das Leben liebt und loslassen kann."

Ein lauter Knall unterbricht Paul in seinen großspurigen Gedanken. Das Flugzeug beginnt auf einmal zu taumeln wie ein angetrunkener Teenager. Für den Bruchteil einer Sekunde leuchtet es draußen auf. Ich klammere mich an meinem Sitz fest, und nein, das ist nicht so daher gesagt – ich klammere mich wirklich fest, so fest ich kann, als ob es mich retten könnte, wenn wir vom Himmel fallen. Der Flieger legt sich auf die Seite, als müsste er sich trotz Wind und Wetter erst einmal erholen, und ich lande mit meinem Kopf in Pauls Schoß, der sich darüber köstlich amüsiert. Ich kann nicht mitlachen, denn ich stehe unter Schock, weil ich solche Turbulenzen noch nie erlebt habe, erst recht nicht in einem vorsintflutlichen Flugzeug wie diesem. Zum Glück lächelt Paul, als hätte er wirklich keine Angst. Das kann ich zwar kaum glauben, aber ich nehme es gerne hin. Denn es macht Hoffnung, und Hoffnung ist eine gute Sache, vielleicht sogar die beste aller Sachen.

Die Stewardessen stürzen zu ihren Sitzen

Aus den hinteren Reihen höre ich kieksende Laute, die vereinzelt in Schreie übergehen, während die Maschine schaukelt wie ein Schiff im Sturm. Vito beginnt laut zu beten, was auf mich eher bedrohlich als beruhigend wirkt. Ich werfe ihm deshalb einen bösen Blick vor den Latz, aber er beachtet mich nicht. Die Stewardessen stürzen durch den schmalen Kabinengang zu ihren Sitzen, sie scheinen es eilig zu haben. Sie stolpern, weil die Notfallbeleuchtung nur noch in einem unregelmäßigen Takt flackert.

Die gefährlichsten Minuten eines Fluges sind jene kurz nach dem Start und kurz vor der Landung, und wir sind vielleicht seit drei Minuten in der Luft. Wir liegen also voll im roten Bereich, als der Lärm der Motoren leiser wird, weil er im heulenden Wind untergeht. Es müssen tausende Kilometer sein, die wir in diesen Sekunden an Höhe verlieren. Mir wird bewusst, dass ich sterben könnte, hier, jetzt gleich. Normalerweise weiß jeder eine Antwort auf die Frage, wie er seine letzten Stunden, Minuten, Sekunden gerne verbringen, was er in der ablaufenden Zeit unbedingt gerne noch erleben würde: eine Kneipentour mit Liam Gallagher, mit dem Lieblingsmenschen vom höchsten Hügel über die abendliche Stadt schauen, Heroin spritzen oder die eigene Mutter in den Arm nehmen und ihr für alles danken. Jeder hat da so seine ganz eigenen Vorstellungen.

Aber in einer Extremsituation wie dieser an Bord einer klapprigen Cubana, da bleibt keine Zeit für solche Sachen. Das hier ist nicht die Stimmung für einen romantischen Abgang oder den letzten Kick für den Augenblick. Das hier ist bloß Panik, Angst und apokalyptische Raserei. Während das Flugzeug weiter stürzt, fällt mein Blick auf Vito, wie er sich sein Shirt vor den Mund hält wie eine Sauerstoffmaske, die hier offenbar nicht zur Ausrüstung gehört. Jetzt sitzt Vito da, mit dem Shirt vor dem Gesicht und geschlossenen Augen wie ein betäubter Michael Jackson, und harrt der Dinge, die da kommen. Ist er noch ängstlich oder ist es ihm schon egal? In diesem Moment fühle ich, dass er kein Terrorist sein kann, sondern einer von den Guten sein muss. Ich kann es nicht begründen, ich weiß es einfach.

Kurz darauf verstummt der Lärm und es fühlt sich an, als habe die Maschine ihr Gleichgewicht wiedererlangt. Für einen Moment ist es ganz still, anschließend brummen die Motoren endlich wieder so gemütlich wie gewohnt - als wäre nichts gewesen. Auch alle Flugzeuglichter leuchten wieder. In der ganzen Kabine wird plötzlich gefeiert wie im kubanischen Karneval.

Kurz darauf erzählt der Kapitän mit derselben beschwichtigenden Stimme wie vor dem Start, dass er nun per Handsteuerung nach Bogotá fliegen werde, weil in den Computern einiges durcheinander geraten sei: "Das Unwetter, Sie können es sich denken." Wir müssten uns aber keine Sorgen machen, er habe alles im Griff.

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"Was für ein intensives Erlebnis! Wunderbar!"

Viele Freunde in Deutschland haben mich vor Bogotá gewarnt. Ich solle mich bloß nicht in den Dschungel verschleppen oder auf offener Straße erschießen lassen oder so was – solche Sprüche bekam ich ständig zu hören. Sollte ich diesen Flug überstehen, wird Bogotá ein Spaziergang, denke ich, während Paul lacht und sagt: "Was für ein intensives Erlebnis! Wunderbar!"

Ich lege den Kopf zurück und keuche wie ein Lungenpatient. Der Sturzflug hat mich völlig erschöpft. Mit steifem Nacken verharre ich in meinem Sitz und traue mich für den Rest des Fluges kaum noch, tief durchzuatmen. Ich habe das irrationale Gefühl, dass ich mich besser besonders unauffällig verhalten sollte, um bloß keine neuerlichen Turbulenzen zu verursachen. Plötzlich fühlt es sich an, als ob in diesem Leben nichts mehr sicher ist.

Nichts ist mehr sicher außer der Boden unter den Füßen, als ich drei Stunden später die Ankunftshalle am Flughafen in Bogotá betrete. Es riecht nach Chlor. Paul hat sich an mich geheftet und philosophiert irgendwas über die richtige Zeit am falschen Ort oder umgekehrt. Ich lasse es ihm durchgehen – schließlich sind wir auch deshalb nicht abgestürzt, weil sein Karma stärker war als das von Vito. Der schleicht ein paar Meter vor uns mit gesenktem Haupt Richtung Gepäckband, das sich noch nicht dreht, als wir es erreichen.

Als es sich nach ein paar Minuten endlich wie ein träges Tier in Bewegung setzt, geht plötzlich alles ganz schnell: Ich will Vito gerade auf die Schulter klopfen und ihm ein schönes Leben wünschen, weil ich so erleichtert darüber bin, dass ich nicht tot bin, als ich von zwei Flughafenpolizisten zur Seite geschubst werde. Sie stürzen sich auf Vito, werfen ihn zu Boden und drehen ihm die Arme auf den Rücken. Sie nehmen ihm die Bauchtasche so vorsichtig ab, als wären rohe Eier darin versteckt. Vito wehrt sich nicht. Sie legen ihm Handschellen an, während sie aggressiv und unverständlich auf ihn einreden. Vito macht ein Gesicht, als habe er nur darauf gewartet. Er wirkt fast ein bisschen erleichtert. Fassungslos blicken Paul und ich auf die Szene, auch die anderen, langsam am Gepäckband eintrudelnden Passagiere bleiben vor Schreck stehen.

Vielleicht sollte ich aufhören, mir ein Bild von Menschen zu machen, die ich überhaupt nicht kenne. Ich habe offensichtlich keine Ahnung. Und was Vito verbrochen hat, werden wir wohl nie erfahren.

"Wahrscheinlich hatte er doch eine Bombe dabei", sagt Paul, als Vito abgeführt wird.

"Ja", sage ich. "Wahrscheinlich."

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