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Politik: „Es gibt zu viele falsche Informationen“

Wie stimmen die Briten am 23. Juni ab? Swati Dhingra, Lehrbeauftragte für Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics, hat untersucht, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten Großbritannien nach einem Brexit hätte. Im Interview erklärt sie, warum junge Wähler beim Brexit den Ausschlag geben könnten.

Interview: Trang Dang

Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der Europäischen Union bleiben wollen oder nicht. Briten waren schon immer euroskeptisch. Nur etwa 15 Prozent der Briten gaben an, sich europäisch zu fühlen.
Es gibt einige Ecken Großbritanniens, etwa im Nordosten Englands, wo viele denken, dass Großbritannien alleine besser dran sei. Aber es gibt auch viele multikulturelle Ecken, wo viele Menschen es vorziehen, in der EU zu bleiben.

Die meisten Wirtschaftswissenschaftler warnen vor einem Ausstieg aus der EU.
Sollte es zu einem Brexit kommen, werden hohe Kosten auf uns, auf Großbritannien kommen. Ich kann die Fragen bezüglich der politischen Souveränität verstehen. Wer sagt, dass nicht andere Staaten wie Frankreich, Dänemark, oder die Niederlande auch aus der EU aussteigen wollen? Sollte das passieren, schwankt das Kartenhaus der EU stark. Die Frage würde aufkommen: Brauchen wir die Europäische Union überhaupt? Was mich beunruhigt, sind die wirtschaftlichen Kosten. Großbritannien hat sich gerade erst von der Finanzkrise erholt.

Momentan sollen etwa fünfzig Prozent der Briten für einen Ausstieg sein, und fünfzig Prozent dagegen. Glauben Sie, dass die Leute Ihre Meinungen noch ändern werden?
Ja, die Menschen sind noch in der Entscheidungsphase. Jeden Tag gibt es in den Nachrichten Artikel, die auch die unentschlossenen Wähler zur einen oder anderen Seite überzeugen wollen. Dazu kommt: Umfragen sind nicht immer ein genauer Hinweis, wie das Referendum tatsächlich ausgeht.

Gibt es einen Trend in den Umfragen? Ist die Mehrheit für oder gegen Brexit?
Bislang erkennen wir eine kleine Mehrheit, die dafür ist, in der EU zu bleiben. Auch auf dem Wettmarkt setzen mehr Leute ihr Geld auf einen Verbleib in der EU. Aber es kann auch sein, dass viele Leute gar nicht zum Referendum erscheinen. Eigentlich weiß niemand genau, was kommen wird.

Was war der Ausschlag, eine Studie über die Auswirkungen eines Brexit zu verfassen?
In der Öffentlichkeit gibt es eine Menge falscher Informationen. Wir wollten über unsere Arbeit eine unabhängige Quelle schaffen und ein ernsthaftes Gespräch ermöglichen: Dir liegt wirklich was an der wirtschaftlichen und politischen Souveränität? Dann solltest du ankreuzen, dass Großbritannien aus der EU aussteigen soll – und du solltest dich darauf einstellen, dafür zu zahlen. Und zwar viel. Und genau das wird nicht vermittelt. Eher: Wir steigen aus, wir verhandeln und wir bekommen einen grandiosen Deal danach. Das stimmt aber nicht. Das wird nicht passieren.

Was gibt es denn für verschiedene Deals?
Es wird davon geredet, dass Großbritannien Handelsbeziehungen zur EU haben kann wie die Schweiz oder Norwegen. Aber solche Verhandlungen dauern sehr lange. Es hat rund 15 Jahre gedauert, die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und der EU auszuhandeln. Beim Norwegischen Modell müssten die Norweger trotzdem 5 % von EU-Regulierungen selbst ohne Mitbestimmungsrecht im europäischen Prozess annehmen, das wiederum wollen Brexit-Befürworter nicht.

Denken konservative Brexit-Befürworter wie Londons ehemaliger Bürgermeister Boris Johnson oder der Politiker Iain Duncan Smith tatsächlich, dass Großbritannien ohne die EU wirtschaftlich besser da steht? Oder geht es darum, dass die EU zu viele „Vorschriften“ macht? In einer Umfrage von des Meinungsforschungsinstituts YouGov stellte sich heraus, dass die Themen Wirtschaft und Einwanderung die wichtigsten Themen in der Debatte vor dem Referendum sind. Doch die Sicherheitspolitik, die europäische Idee kommen langsam als Themen zurück in die Debatte, auch, weil der Premierminister David Cameron oder der ehemalige Premier Gordon Brown dazu Reden gehalten haben.

Wie würde sich ein Brexit wirtschaftlich auswirken?
Wir gehen davon aus, dass das britische Bruttosozialprodukt zwischen 6 bis 9,5 Prozent einbrechen wird. Bei der Finanzkrise waren es sieben Prozent. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden aber nicht sofort am 24. Juni bemerkt werden. Aber schnell danach.