Politik Auf ein Glas mit… Agnieszka Brugger (Grüne)

Politik: Auf ein Glas mit… Agnieszka Brugger (Grüne)
Im Wahlkampf 2013 trifft NEON junge Politiker dort, wo sie – hoffentlich – offen reden: In der Kneipe. Eigentlich der richtige Ort für eine Grüne, um endlich mal was wirklich Grünes zu sagen. Oder?

Der erste Eindruck ist schon mal gut: Das »Café Drama« in Berlin-Kreuzberg, das sich die grüne Bundestagsabgeord­nete Agnieszka Brugger ausgesucht hat, sieht aus wie ein Bordell. Leopardenmuster, Römerstatuen. Sie hat vorgeschlagen, sich schon um 19 Uhr zu treffen. Ist das ein gutes Zeichen? Will sie sich heute besonders lange betrinken? Agnieszka Brugger ist mit 28 Jahren die jüngste Frau im Bundestag. Meine Hoffnung ist, dass sie trinkenderweise ein paar Sätze von sich gibt, die ich so von den Grünen noch nicht gehört habe. Verbirgt sich in ihr und damit in der Grünen-Fraktion doch noch ein kühner, radikal neuer Gedanke?

Denn Künast, Roth, Trittin, Kuhn, Özdemir sind seit gefühlten Ewigkeiten dabei. Angetreten sind sie vor dreißig Jahren ja mal mit dem berühmten Anspruch, einen neuen Politikstil zu etablieren. Und jetzt, wo urgrüne Ziele wie der Atomausstieg, die Abschaffung der Wehrpflicht und die Stärkung der Rechte von Homosexuellen im Mainstream an­gekommen sind, ist das Grünen-Personal in eine Phase der Komplettverspießerung eingetreten. Ich meine nicht nur das, was in Tübingen passiert, der Grünen-Hochburg Deutschlands (im Französischen Viertel gewannen sie fast siebzig Prozent der Wählerstimmen), wo der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer gerade an einem Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen arbeitet, um die Anwohner zu schonen. Ich meine auch die Reflexartigkeit, mit der mittlerweile auch Grüne wie Renate Künast Rücktritte fordern. (»Ich gehe davon aus, dass Frau Schavan sich und der Wissenschaft die Verlängerung dieser Affäre erspart und ihren Rücktritt erklärt.«) Und die Vereinsmeierei auf der eigenen Website, auf der zwei Tage bevor ich mich mit Agnieszka Brugger treffe, als Aufmacher steht, dass die Grünen jetzt mehr Mitglieder hätten als die FDP. (Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke: »Das ist einfach mal geil!«) Das ist alles so gewöhnlich geworden. Für eine andere Partei wäre das nicht schlimm. Für die »Wir wollen es anders machen«-Partei schon.

Was ist das hier für ein Laden?

Aber Agnieszka ist ja das, was man in der Politik ein »frisches Gesicht« nennt. Sie gibt zur Begrüßung die Hand. An der Bar bestellt sie einen Whiskey ohne Eis und eine Flasche »Club Mate«. Ich trinke Gin Tonic. Sie stellt die für Jung-Grüne wahrscheinlich eher ungewöhnliche Frage: »Welche Whiskeysorten haben Sie da?« Und was natürlich sofort auffällt: das Piercing an ihrem Mund in Kombination mit ihren roten Haaren. Powerfrau? Hippieromantik? Ich entscheide mich, die nahe­liegende Frage nach diesem Outfit einfach nicht zu stellen. Wir setzen uns an einen Bartisch. Hinter Agnieszka klebt ein Poster, auf dem »Sex Cam« steht. Darauf sind Menschen in verschiedenen Sexstellungen zu sehen. Von der Decke hängen getrocknete Rosen, die Barbesitzerin hat sich gerade eine Pizza von einem Lieferservice kommen lassen. Verzeihung, Agnieszka, aber: Was ist das hier für ein Laden? »Ich kann hier sehr gut arbeiten, meine Bewerbungsrede für einen Listenplatz zur nächsten Bundestagswahl habe ich zum Beispiel hier geschrieben. Es ist so unheimlich kitschig eingerichtet, dass es schon wieder echt cool und gemütlich ist.«

Agnieszka sitzt seit 2009 im Bundestag – ihr Wiedereinzug ist nach aktuellen Umfragen so gut wie sicher. Darüber freut sie sich. Sie sagt den etwas irren, aber auch lustigen Satz: »Ich geh halt voll ab auf Politik.« Sie trinkt leider sehr langsam. Aber was soll’s: Es geht ja um Politik. Agnieszka bezeichnet ihre Partei als »kompetente Rebellin«. Was wäre denn eine rebellische Idee in diesem Wahlkampf? »Die Hartz-IV-Sätze erhöhen, echte Transparenz bei Politikern herstellen, eine Vermögensabgabe einführen, eben nicht nur das Klein-Klein im Blick haben.« Sie merkt an meiner Reaktion, dass ich das jetzt nicht irrsinnig rebellisch finde. Sie sagt: »Politik braucht Visionen, aber auch Pragmatismus. Ich will zum Beispiel die hundert Prozent erneuerbare Energien bis 2030.«

Nach der ersten Stunde ist mir klar: Hier sitzt eine Art Grün-O-Mat. Wer sowieso grün wählt, wird sie lieben. Sie kann quasi auf Knopfdruck grüne Sätze ausspucken: »Ich bin für eine friedliche Welt«, »wir brauchen eine neue, intelligente und klimafreundliche Mobilität«, »ich bin für eine offene Gesellschaft, in der alle die gleichen Chancen haben« (das sagt sie alles wirklich). Manchmal scheint sie sich kurz daran zu erinnern, dass sie nicht bei Günther Jauch, sondern in einer seltsamen Bar sitzt. Einmal lacht sie und sagt: »Ab und zu verfalle ich dann doch in so klassischen Politikersprech, oder?« Doch schnell sind wir wieder bei Jauch und den »parteipolitischen Scheuklappen«, die »abgelegt« werden müssen, und den »hitzigen Debatten«, die geführt werden sollen. Stellt sie sich gern an Infostände, mit Aufklebern und Buttons? »Der Wahlkampf soll knackig werden. Auf einem Parteitag hat die grüne Jugend zum Beispiel mal kaputte Regenschirme verteilt – als Anspielung auf den Bankenrettungsschirm. Und dann habe ich in einer Rede gefragt: Ist denn die Jugend nicht systemrelevant?« Ich nehme einen großen Schluck Gin Tonic.

Die zweite Runde

Agnieszka bestellt ihren zweiten Whiskey. Frage an die selbst erklärte Rebellin: Ist nicht der einzige radikale und rebellische Schritt, den die Grünen jetzt noch gehen könnten, eine Koalition mit der CDU auf ­Bundesebene? »Nein, auf keinen Fall! Ehrlich gesagt nervt mich diese Debatte, auch wenn sie zum Teil aus den eigenen Reihen kommt. Wir kämpfen für eine starke grüne Partei und eine Koalition mit der SPD.« Das kategorische Ausschließen einer Koalition, einfach so, weil es ­immer schon so war, verstehe ich nicht. Ich frage: Liegt die SPD in der Energiepolitik beispielsweise nicht viel weiter entfernt von den Grünen als die CDU? Siebzehn neue Kohlekraftwerke sollen deutschlandweit gebaut werden, fünfzehn davon in SPD-regierten Ländern. Ist das für die Grünen nicht unerträglich? »Das ist eine Differenz, die es gibt, aber mit der SPD verbindet uns auch viel. Mit der CDU sehe ich einfach ­keine Gemeinsamkeiten.«

Sie klingt genau wie die Künasts und Trittins ihrer Partei. Und was ich besonders erstaunlich finde: Sie hat auch das Belehrende übernommen. Sie sagt: »Es ist einfach unökologisch, wenn jeder kürzeste Strecken mit einem eigenen Auto zurücklegt.« Oder: »Ich setze mich für eine liberale Drogenpolitik ein, die aber mit Prävention und Aufklärung verbunden sein sollte, das gilt für Cannabis wie auch für Alkohol.« Das ist der Erzieherstil, der mich an dieser Partei so stört. Mit genau dieser Haltung erklärt zum Beispiel der Umweltminister aus NRW, Johannes Remmel, seinen Bürgern, dass viel Fleisch für sie schädlich sei. In einem Parteitagsbeschluss aus dem Jahr 2011 verlangen die Grünen, dass Plastiktüten »in Deutschland und europaweit aus dem Verkehr gezogen werden«. Das ist schon alles vernünftig, aber: Ich will nicht noch mehr bevormundet werden. Ich dachte immer, dieser Lehrerton sei auf das hohe Alter des Parteipersonals zurückzuführen. Dieser Abend mit Agnieszka offenbart: Wenn sogar die Jüngste so spricht, ist die Belehrung in die DNS der Partei übergegangen. Und die Rebellion aus ihr verschwunden.

Es ist zehn nach zehn, von mir aus könnten wir uns jetzt aufs Trinken konzentrieren. Doch Agnieszka muss dringend weg, sich »in die TK einschalten«: eine Telefonkonferenz, in der sie mit der »Grünen Jugend Baden-Württemberg« über weitere »coole Aktionen im Wahlkampf« sprechen will.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Mai 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.


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