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Politik: Auffällig unauffällig – mit Make-Up gegen Gesichtserkennung

Dauerüberwachung ist nicht mehr paranoides Hirngespinst, Spionagesoftware ist mehr als nur Science Fiction. Spezielle Algorithmen, die auch Facebook beim Bilderhochladen verwendet, wissen genau, was ein menschliches Gesicht ist. Schmink- und Stylingtechniken sollen diese automatische Gesichtserkennung überlisten. Wir haben es ausprobiert. Wie unsichtbar macht dieses sichtbare Make-Up wirklich?

Beim Blick in den Spiegel denke ich an die Serie »The Tribe« und an Jugendliche, die Manga-Conventions besuchen. Mein seltsam bemaltes Gesicht, das so aussieht, als wäre ein überdimensionaler Wellensittich auf meinem Nasenrücken geschmolzen, soll offiziell kein Gesicht sein. Mit dieser Aufmachung mache ich mich unsichtbar. Zumindest für Gesichtserkennungsalgorithmen, wie sie unter anderem in Überwachungskameras oder beim Foto-Uploader auf Facebook verwendet werden.

Massenüberwachung ist Realität. Um dagegenzuhalten, hat der Künstler Adam Harvey CV Dazzle entwickelt – eine Schmink- und Stylingtechnik, die Gesichter für Erkennungsalgorithmen unsichtbar macht. »Unnatürliche« Striche und Farben verfälschen dabei die Physiognomie. Merkmale, an denen sich die Software orientiert – Nasenrücken, die Vertiefungen der Augenhöhlen, die T-Form aus Augenbrauen, Nase, Mund und Kinn – erscheinen nicht mehr dort, wo sie sein sollten. Funktioniert das wirklich?

Anruf im Beautyressort der Brigitte-Redaktion. »Ich brauche jemanden, der mir dicke schwarze Dreiecke und Striche ins Gesicht malt«, sage ich, und die Redakteurin schweigt erst einmal ganz lange. »Komm rüber, wir versuchen es mal«, antwortet sie schließlich, nachdem ich ihr erklärt habe, worum es geht. Im großen Make-Up-Fundus des Beautyressorts gibt es keine Theaterschminke – und damit auch kein deckendes Weiß. Wir brauchen aber eine starke Kontrastfarbe zu Schwarz und versuchen ein knalliges Neongrün. Dazu einen breiten schwarzen Fleck über der Nasenwurzel. Meine Haare sind nicht lang genug, um sie ins Gesicht zu kämmen, wie auf einer der Style-Anleitungen empfohlen. Haarteile? Gibt es nur in bunt. Egal, rein in den Schopf.

Und jetzt? Raus! Auf die Straße, in die Hamburger Innenstadt. Schon auf dem Weg dorthin möchte ich am liebsten im Boden versinken. Die Leute starren. Nicht offen, aber sie schielen immer mal wieder verstohlen. Sie heben ihre Augenbrauen, legen ihre Stirn in Falten, einige zeigen mit dem Finger auf mich unter tuscheln. Auf der Suche nach der Unsichtbarkeit bin ich sichtbarer denn je. Der Freak.

Ich muss an die Leute denken, die keine Angst davor haben, gegen den Strom zu schwimmen, nur um ihre Daten zu schützen. Leute, die soziale Netzwerke meiden, kein Gmail nutzen, Messengerdienste verteufeln. »Ich habe kein Facebook«, sagen sie dann, und stoßen auf solch blankes Entsetzen und Unverständnis, als hätten sie gesagt, dass ihre Eltern Geschwister sind. So fühlt sich das also an – anders zu sein als die anderen, nur weil man sich schützen will.

Auf der Staße habe ich den Drang, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Ich will nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregen. Wir machen ein paar Fotos, dann bin ich glücklich wieder in der Redaktion zu sein. Nicht nur, weil ich mich endlich abschminken kann. Jetzt kommt das eigentliche Experiment: Konnte ich die Gesichtserkennung des Facebook-Fotouploads austricksen? Ich lade 12 Fotos hoch. Das Ergebnis: Bei der Hälfte der Bilder bittet Facebook mich, die Personen auf den Fotos zu markieren. Ich wurde erkannt. Immerhin: Auf den anderen Fotos bin ich tatsächlich unsichtbar! Besonders schön ist das bei einem Foto, wo tatsächlich fünf Gesichter im Hintergrund erkannt werden, aber meines nicht.

Lohnt es sich also, in Zukunft mit einer dystopisch anmutenden Kriegsbemalung aus dem Haus zu gehen? Ja, wenn man es okay findet, begafft zu werden. Unsichtbar für die Massenüberwachung zu sein bedeutet in diesem Fall sichtbar für die Massen zu werden. Für Paradiesvögel wäre es genau das Richtige. Für mich war es einfach nur unangenehm.

Fotos: Christine Stöckel