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Politik: Du kannst nicht alles haben!

Autos, Kleidung, Werkzeuge: Kann man heute alles leihen. Ist das ein Unglück oder eine Befreiung? Wir sind uns nicht einig.

Alles muss raus!
Sascha Chaimowicz, 30, findet Besitz nicht nur sinnlos, ­sondern auch deprimierend. Ein ­Asket ist er trotzdem nicht.

Wir sollten uns klar machen, wie wenig Besitz mit Glück zu tun hat.

Ich lade gerne Menschen zum Abendessen in meine Wohnung ein. Sind sie zum ersten Mal da, verlangen sie meistens eine Führung. Was bedeutet: Sie inspizieren meine Wohnung, als ­wären sie »Tatort«-Kommissare mit Rotweingläsern in den Händen. Zurück in der Küche fällen sie dann ihr Urteil, das sich erfahrungs­gemäß nur in Nuancen unterscheidet: »Voll die schöne Wohnung, aber ein wenig unpersönlich. Du richtest dich noch ein, oder?«

Nein, tue ich nicht. Dass ich in meiner Drei-Zimmer-Altbauwohnung nur ein Bett, ein Sofa, einen Tisch und ein paar gerahmte Kunstdrucke habe, die an der

Wand lehnen, ist Absicht. Hätte ich rechtzeitig davon gehört, dass man sich in sogenannten Artotheken Kunst ausleihen kann, würde ich wahrscheinlich nicht mal diese Drucke besitzen.

Eines vorweg: Ich bin kein Asket, kein Konsumkritiker oder Zurück-zur-Natur-Hippie. Im Gegenteil. Wenn ich in Berlin bin, besuche ich mittags gerne das Deli Mogg & Melzer, nicht nur wegen der Pastrami-Sandwiches, sondern auch, weil die Holzbänke von llmari Tapiovaara so gut aussehen. Und ja, ich mag Eiermann-Tischgestelle und Stühle von Charles Eames. Ich will das ganze Zeug nur nicht in meiner Wohnung stehen haben.

Es geht nicht ums Geld, ich lege fast nichts zur Seite. Es ist nur so, dass ich Besitz emotional belastend finde. Ein Therapeut würde wahrscheinlich von Verlustängsten sprechen: Wenn ich eine teure Uhr trage, denke ich daran, dass ich sie nicht verlieren oder kaputt machen möchte. Einzige Lösung: Drauf aufpassen. Und das finde ich kleinlich, spießig und mühsam.

Doch es geht tiefer. Besitz deprimiert mich. Wenn ich sehe, wie Freunde ihre Regale vollpacken oder, noch verrückter, das überflüssige Zeug in teuren Selfstorage-Hallen lagern, muss ich an die Generation meiner Großeltern denken, deren Wohnungen oft aus allen Nähten platzen. Nach dem Krieg entschieden sich viele Menschen dafür, Besitz anzuhäufen. Spätestens wenn dann wieder eine Wohnungsauflösung stattfindet und der Krempel kistenweise zum Sperrmüll geschleppt wird, muss man an Sinn und Zweck dieser Besitzmaximierungsstrategie zweifeln. Ich will diese Generation, die durch die Mangelerfahrung des Krieges geprägt wurde, nicht kritisieren. Ich denke nur: Wir sollten es anders machen. Und uns klar machen, wie wenig Besitz mit Glück zu tun hat.

Ich mag Eiermann-Tische und Stühle von Charles Eames – ich will das Zeug nur nicht in meiner Wohnung stehen haben

Insofern kommt mir das, was unter dem Namen Sharing-Economy verkauft wird, ziemlich sinnvoll vor. Unter leihdirwas.de kann man sich für zwei Euro pro Tag einen Rundgrill leihen, für einen Zweimannschlitten bezahlt man gar nichts. Hinter dem unmöglichen Onlineplattformnamen »Pumpipumpe« steckt die gute Idee, dass Nachbarn einander mit kleinen Aufklebern am Briefkasten mitteilen, was man sich alles von ihnen leihen kann. Klar weiß ich, dass Airbnb und Uber keine wohltätigen Wir-teilen-alles-Plattformen sind, sondern superkapitalistische Organisationen, die in einem unregulierten Wirtschaftssektor Profit machen wollen. In New York nahmen allein die vierzig erfolgreichsten Airbnb-Vermieter zwischen 2010 und 2013 jeweils 400 000 Dollar ein. Sharing passt jedoch gut zu meiner Antibesitzhaltung.

Vordergründig teilen viele meine Haltung. Diejenigen nämlich, die von sich sagen, dass sie keine Lust auf Massenware haben. Die Pop-up-Store-Käufer, die Flohmarktprofis, die Menschen, die sich eher einen alten Röhrenfernseher für vierzig Euro bei Dawanda bestellen als das neueste Flatscreenmodell bei Media Markt. Diese sogenannte bewusste Art der Besitzanhäufung finde ich noch verrückter, weil neben Geld auch noch viel Zeit investiert wird. Die Leute kaufen ja trotzdem, nur klicken sie sich vorher durch Dutzende Blogs, um sicherzustellen, dass sie mit der Kaufentscheidung Geschmack beweisen. Meine Güte.

Wenn ich mit Freunden bei Rotwein in meiner leeren Wohnung über diese Gedanken spreche, dann höre ich ­Sachen wie: »Dieses Vintagekleid aus Barcelona hat eine Geschichte, jedes Mal, wenn ich es überstreife, erinnere ich mich an etwas.« Ich denke mir: Hört auf, in euren Schuhen und Kleidern zu lesen! Schreibt Tagebuch, wenn ihr euch erinnern wollt. Macht ein Foto.

Ich will mein Geld nur für Erlebnisse ausgeben, die ich mit Menschen teilen kann, die ich mag. Restaurantbesuche zum Beispiel, Kneipenrunden, Reisen. Lieber investiere ich in einzigartige Momente als in Gegenstände, die mich an diese erinnern sollen.


Her Damit!
Lena Steeg, 30, vertraut 
auf Nietzsche: Ein Buch, das 
man liebt, muss man besitzen. Und alles andere auch.

Es ist wichtig, sich ab und an ganz und gar für Dinge zu entscheiden. Erst durch den Besitz werden sie wertvoll.

Wochenlang war ich an ihm vorbeigeschlichen. ­Hatte heimlich Handyfotos gemacht und sie an meine Freundinnen verschickt. Die verstanden sofort: Mach es! Passt gut zu dir! Seide unter karamellbrauner Spitze, ­schmale Taille, kleine Schleppe. Das Preisschild sagte: 139 Euro. Ich, eines Samstagmittags: »Guten Tag, ich würde ­gerne das Kleid aus dem Schaufenster kaufen.«

Es folgte ein »Pretty Woman«-Moment. Ich meine nicht die Szene, in der Julia Roberts erstmals in ihrem neuen superheißen Fummel an der Bar sitzt und von ­Richard Gere zunächst gar nicht erkannt wird. (Dann: »Du siehst umwerfend aus!«) Sondern die, in der siein der Nobelboutique nicht bedient wird, weil sie eine ­Nutte ist. »Das geht leider nicht«, sagte mir die Verkäuferin des Seidenspitzenschleppentraums. Ich: »Wieso?«, mehr ­W­in­­seln als Wut. »Das ist ein Leihkleid. 139 Euro pro Abend, inklusive Reinigung. Wollen Sie mal reinschlüpfen?« Ich: »Nein!«, ein Wort, so erwachsen wie ein Fußstampfer.

Seit diesem Shoppingalbtraum habe ich endgültig genug von der Sharing-Economy, von Uber, Airbnb und den ganzen Leih-Start-ups. Diese Dienste mögen manchmal ganz sinnvoll sein, reduzieren die Dinge jedoch auf ihren Zweck. Das hat Folgen: Die Verbindung zwischen Ding und Mensch verschwindet. Und damit auch die Wertschätzung für das Ding über seine bloße Funktion hinaus. Und dadurch am Ende die Verantwortung.

Die Sharing-Economy ist so erfolgreich, weil sie uns scheinbar von jeder Verantwortung entbindet – wie kindisch!

Grundsätzlich verstehe ich natürlich die Vorteile des Sharing. Wenn ich mit meinem Auto beim TÜV stehe und der TÜV-Mensch »Huiuiui« sagt und den Kopf schüttelt (was immer bedeutet, dass es ab diesem Zeitpunkt sehr ­traurig und sehr teuer wird), verteufle ich natürlich auch den Moment, in dem ich mich für das eigene Auto und gegen die App entschieden habe. Ganz normaler Vorgang: Ich erfreue mich so lange an meinem Eigentum, bis ich mit negativen Konsequenzen konfrontiert werde. Die Sharing-Economy ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil sie den Nutzer scheinbar von seiner Verantwortung entbindet. Ich finde das unverschämt, irgendwie kindisch.

Ich glaube, dass diese institutionalisierte Unverbindlich­keit, das zwanghafte Offenhalten aller Optionen, schädlich für den Charakter ist. Natürlich darf ein Mensch, der kein eigenes Auto besitzt, einen Carsharingdienst in Anspruch nehmen. Absolut richtig, umweltfreundlich und vielleicht gar nicht anders möglich. Und natürlich kann sich jemand, der keine Leiter in seiner Einzimmerwohnung unterstellen kann, im Glühbirnenwechselnotfall eine über ­whyownit.com oder wir.de borgen. Wenn der Sharing-Gedanke aber überhandnimmt und in jedem Lebensbereich die Möglichkeit besteht, sich nur zu fünfzig Prozent und zeitlich begrenzt zu beteiligen, wird es bald keinen netten Nachbarn mehr geben, bei dem man sich einen Akkuschrauber leihen kann, um den geliehenen Kunstdruck in seiner schick minimalistischen Wohnung aufzuhängen.

Dies ist beileibe kein Plädoyer für das Dasein als Messie. Ich bezweifle nur, dass der Erfolg der Sharing-Plattformen darin begründet liegt, dass wir digitale Hippies sind, die die Welt zu einem antikapitalistischen, umweltfreundlichen Ort machen wollen. Ich glaube, viele Menschen lieben Sharing, weil sie sich bereits vom Besitz eines Abendkleids eingeengt fühlen. Weil man es bei einem Umzug mitschleppen muss, weil es einen daran erinnert, dass man seit Monaten nicht mehr schick aus war. Weil Besitz immer auch Symbol ist, etwas zementiert: eine Erinnerung, eine Erwartung, eine Lebenssituation. Spitze und Seide können dann schwer sein wie Blei.

Ich glaube, es ist trotzdem wichtig, sich ab und an ganz und gar für Dinge zu entscheiden. Das ist Wertschätzung. Für den, der sich das Ding ausgedacht hat. Für den, der es gemacht hat. Für den, der es verkauft. Ich finde es gut, sagen zu können: Dieses Kleid da, das ist meins. Verbindlichkeit über den Moment des direkten Gebrauchs hinaus. Ich finde das fair. Stattdessen aber bestehen wir auf unserem Recht auf Rückgabe – mein Gott, es gibt sogar eine Geld-zurück-Garantie für probiotische Joghurts, wenn sich die Darmflora nicht innerhalb von dreißig Tagen auf links dreht.

Molière, ein französischer Dramatiker, soll mal gesagt haben: »Die Dinge haben nur den Wert, den man ihnen verleiht.« Ich glaube, er hatte recht. In einem Kleid, das man anschaut, wie ich dieses Seidenspitzenkleid angeschaut habe, geht man anders, tanzt man anders, feiert man anders, wenn man weiß, dass es zu einem gehört. Erst durch den Besitz wird es wertvoll. Völlig egal, was die Reinigung kosten wird.

Heute kann man alles alles leihen. Ist das ein Unglück oder eine Befreiung? Wir sind uns nicht einig.

Dieser Text ist in der Ausgabe 03/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.