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Politik Empört euch!

Politik: Empört euch!
In den USA kämpft eine neue Bewegung gegen ­Rassismus und Polizeigewalt gegenüber Schwarzen. Hat sie eine Chance?

Text: Markus Feldenkirchen | Protokolle: Lara Wiedeking | Fotos: Katharina Poblotzki (Porträts)

Jurmael, ein junger Schwarzer aus der Stadt mit dem plötzlich weltberühmten Namen, geht eine Straße in seiner Heimat hinab. Wenige Tage zuvor war ein Mann namens Michael Brown ebenfalls den Canfield Drive entlanggelaufen. Damals war Ferguson, vor den Toren von St. Louis, Missouri, gelegen, nur eine von Tausenden Kleinstädten in den USA gewesen. ­Jurmael bleibt plötzlich stehen, deutet auf eine Stelle auf dem Asphalt und sagt: »Da hätte auch ich liegen können.« Am 9. August 2014 ­wurde Michael Brown von einem weißen Polizisten mit mindestens sechs Schüssen getötet. Er hatte mittags ein paar Zigarillos in einem Kiosk mitgehen lassen und wurde deshalb von der Polizei angehalten.

»Walking while black« heißt das Vergehen, das in keinem Gesetzbuch der USA auftaucht und doch jeden Tag geahndet wird. Jurmael und seine Freunde werden in Ferguson regelmäßig von der Polizei angesprochen, angehalten, zurechtgewiesen, schikaniert. Das Risiko, als junger Schwarzer von der Polizei getötet zu werden, ist in den USA etwa 21-mal höher als das Risiko junger Weißer. Das ist ein Skandal. Das war lange ganz normal.

Mia Loving, 28

»Als Schülerin beobachtete ich einmal eine Gruppe zehnjähriger Mädchen beim Spielen. Sie rannten durch die Gegend, wie Kinder halt so sind. Nur wurden sie dann plötzlich von der Polizei verfolgt. Es heißt oft, schwarze Jugendliche sähen alter aus, als sie sind. Ob das stimmt? Sicher ist, dass sie schneller erwachsen werden müssen. In Baltimore zum Beispiel gehört Polizei­schikane zum Alltag. Bei einem Nachbarschaftstreffen erzählte neulich ein junger Mann, er sei bereits zwölfmal festgenommen worden. Seitdem ich sechzehn bin, engagiere ich mich politisch. Mein Thema ist die mangelnde Bildungsgerechtigkeit. Erst kürzlich wurde in Baltimore das Budget der Schulen ­gekürzt. Für einen Jugendknast aber gibt es dreißig Millionen Dollar. Bei den April­demos bin ich allerdings meistens zu Hause geblieben. Die Militärjeeps bretterten durch unsere Straße, das Geräusch der ­Helikopter lag in der Luft. Kein guter Ort für meine kleine Tochter. Ich wollte sie nicht in Gefahr bringen und sie vor dem Tränengas schützen.«

Politik: Empört euch!

Doch seit einem Jahr bleiben die Opfer von Polizeigewalt nicht länger anonym. Der sinnlose Tod von Michael Brown (Ferguson), ­Trayvon Martin (Florida), Eric Garner (New York) und Freddie Gray (Baltimore) durch Cops und Sicherheitskräfte führte zu öffentlicher Empörung. Nach Grays Beerdigung ­Ende April kam es in Baltimore zu großen Demonstrationen, die in Krawalle übergingen, Häuser und Autos brannten. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen. Bilder kriegsähnlicher Szenen gingen um die Welt. Genau fünfzig Jahre nach der Ermordung von Malcolm X gingen in Amerika wieder Hunderttausende auf die Straße, riefen »Hands up, don’t shoot« oder »Black lives matter«. Ist das nur ein Strohfeuer oder der Beginn einer neuen Bewegung?

Die Proteste richten sich gegen die Diskriminierung durch die Polizei, aber auch gegen den versteckten Rassismus, der dazu führt, dass Schwarzen noch immer gleichwertige Lebensbedingungen verwehrt werden. Die USA sind ein Land, das viel Erfahrung mit Einwanderern hat und Menschen aus aller Welt integriert. Die eigene schwarze Bevölkerung jedoch, die Nachfahren jener Menschen, die als Sklaven dorthin zwangsverschifft wurden, werden immer noch benachteiligt: Es wirkt paradox, dass dieser Konflikt ausgerechnet während der ­Obama-Präsidentschaft wieder aufflammt, des ersten schwarzen Präsidenten, der kurz vor seiner Wahl versprochen hatte, »eine perfektere Gemeinschaft zu bilden« und eine »Brücke zwischen den Rassen« zu errichten. Nach der Abschaffung der Sklaverei und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den 50er und 60er Jahren wollte Barack Obama den letzten Schritt in einem 300 Jahre währenden Emanzipationsprozess gehen – und die Spaltung in Schwarze und Weiße endgültig überwinden. Doch vermutlich hat selbst der US-Präsident, der mächtigste Mann der Welt, wie es immer heißt, nicht genug Macht dafür. Obama kann keinen direkten Einfluss darauf nehmen, wie in Ferguson oder anderswo Polizisten rekrutiert und geschult werden. Und im föderalen US-System agieren Staaten und Kommunen weitgehend autonom. Obama kann nur öffentlich mahnen, was er zaghaft auch tut – obwohl seine Berater darauf hinweisen, dass dies sogar kontraproduktiv sein könne, weil ihm viele Amerikaner Befangenheit vorwerfen.

Aaron Maybin, 27,

»Kurz vor den letzten Krawallen wurde ich in meinem Viertel von der Polizei im Auto angehalten. Sie schrien mich an, behandelten mich schlecht. Grundlos. Auch deshalb habe ich einige der Protestmärsche mit befreundeten Künstlern in Baltimore mitorganisiert. Lange bevor Freddie Gray in der Klinik verstarb, diskutierten bereits viele über seinen Fall. Es gab ja zum ersten Mal ein Video des Vorfalls: Man konnte sehen, wie die ­Festnahme abgelaufen ist, dass er nach einem Arzt gefragt hat. Brutale Bilder. Für mich geht es vor allem um das Versagen der Polizei. Sie haben das Leben eines Menschen nicht res­pektiert, ob der nun schwarz, weiß, asiatisch oder lateinamerikanisch ist, ist doch unerheblich. Es waren ja auch schwarze Polizisten beteiligt und sind jetzt mitangeklagt. Wir zahlen Steuern – damit die Polizei uns schützt und wir uns sicher fühlen können. Aber wir können uns nicht sicher fühlen! Die Polizei hat versucht, systematisch einen Mord zu vertuschen!«

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Was machst du mit dem Schwarzen, fragte der Cop seine Freundin

Junge Schwarze wie Jurmael aus Ferguson sind mit dem Gefühl aufgewachsen, dass das Gesetz sie nicht schützt und sie der Polizeiwillkür ausgeliefert sind. Deshalb organisieren sie ihr Leben oft so, dass sie gar nicht erst in die Nähe eines Polizisten geraten. Und wenn es doch zur Begegnung kommt, rennen sie häufig davon, so wie Freddie Gray in Baltimore, so wie Walter Scott in North Charleston, ehe ein weißer Polizist ihn mit acht Schüssen in den Rücken niederstreckte. Dabei hat zumindest Jurmael keinen Grund, sich zu verstecken, er ist ein Musterbürger, hat einen Job und eine intakte Familie. In Ferguson sind zwei Drittel der Bevölkerung schwarz, 50 der 53 örtlichen Polizisten jedoch weiß. Jurmael erzählt, dass er auf Straßen ohne Bürgersteig immer streng ermahnt werde, weil er auf der Straße gehe (wo sonst?). Und dass seine weiße Freundin bei einer Polizeikontrolle oft gefragt werde, was sie mit diesem Schwarzen im Auto mache.

Politik: Foto: Matt Roth / The New York Times / laif
Foto: Matt Roth / The New York Times / laif

Als Beobachter kann man gut verstehen, dass man diese Demütigungen, diesen Generalverdacht, unter dem man sein Leben lebt, nicht endlos erträgt. »Du hast mir gar nichts zu sagen«, soll Michael Brown am Tag seines Todes den Polizisten angeschnauzt haben, als dieser ihn von der Straße auf den Bürgersteig beorderte. Wenig später war er tot. Ermittlungen ergaben, dass der als besonnen ­geltende Brown an diesem Tag tatsächlich aggressiv auf den Polizisten reagiert hatte. Für viele Amerikaner rechtfertigt dies schon die Schüsse. Dass Brown – wie Martin, Garner und Gray – unbewaffnet war, spielt in Amerika kaum eine Rolle. Fühlt sich ein Polizist bedroht, darf er –rechtlich abgesichert – ein Leben beenden. Eine alte Polizeiregel lautet: Ist der vermeintliche Aggressor näher als sieben Meter, kann geschossen werden – und zwar nicht in die Beine, sondern gezielt in den Rumpf. Oft hat man den Eindruck, als ginge es einigen Polizisten nicht um den Dienst am Bürger, sondern in Wahrheit darum, ihr »Ancien Régime« zu behaupten: mit breitbeinigem Auftreten, rüder Sprache, martialischer Rüstung – und mit der brutalsten Form von Machtausübung: Willkür.

»Walking while black« heißt das Vergehen, das in keinem Gesetzbuch der USA auftaucht und doch jeden Tag geahndet wird. Jurmael und seine Freunde werden in Ferguson regelmäßig von der Polizei angesprochen, angehalten, zurechtgewiesen, schikaniert. Das Risiko, als junger Schwarzer von der Polizei getötet zu werden, ist in den USA etwa 21-mal höher als das Risiko junger Weißer. Das ist ein Skandal. Das war lange ganz normal.

Clint Smith, 26,

»Als Kind fiel mir auf, dass sich mein Vater gegenüber Polizisten vorsichtiger verhielt als die Väter meiner weißen Freunde. Meine Eltern brachten mir bei, dass ich mein Verhalten in der Öffentlichkeit kontrollieren muss: Spiel nicht mit Wasserpistolen! Renn nicht durch die Nachbargärten! Ich begriff nur schwer, dass ich für Polizisten ein potenzielles Problem darstelle. Meine Erfahrung habe ich im TED-Talk ›How to raise a black son‹ geschildert. Ich strebe keine post­ethnische Gesellschaft an. Mir geht es darum, mit meiner Hautfarbe als vollwertiger Mensch wahrgenommen zu werden. Es ist übrigens ein Mythos, dass Bildung vor Rassismus schützt: Ich promoviere an einer Elite­uni und werde auffallend oft für meine ›Eloquenz‹ gelobt, und Ladenangestellte verfolgen mich, sogar wenn ich einen Harvard-Pulli trage. Wir müssen über die systematische Ungerechtigkeit der vergangenen Jahrhunderte diskutieren. Aber die USA leiden unter historischem Gedächtnisverlust.«

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Es gebe keinen Hinweis darauf, hieß es im »New York Times Magazine« Ende Mai, dass sich die Anzahl der Todesfälle durch Polizeigewalt in jüngster Zeit signifikant erhöht habe. Es gebe nun aber eine Bewegung, »die es geschafft hat, die Alarmstufe Rot für ein chronisches Problem auszulösen, das bis dato nur in den betroffenen Gemeinden wahrgenommen wurde.« Was hat sich verändert? Neu ist, dass die Fälle immer häufiger öffentlich werden. Und es dem Polizei- und Justizapparat, in dem man sich lange gegenseitig deckte, nicht mehr gelingt, die Skandale zu vertuschen. Das liegt weniger an einer Verbesserung der politischen Kultur als an der Videofunktion der Smartphones. Viele Schwarze schalten inzwischen umgehend ihr Handy ein, sobald ein Polizist in ihrer Nähe ist. Es ist eine technologiegestützte Selbstverteidigung – mit Videos können sie nun Dinge beweisen, die ihnen früher kein Gericht geglaubt hätte. Es war ein Video, das ­entlarvte, dass Eric Garner von einem Cop gewaltsam erstickt wurde. Es war ein Video, das bewies, dass Walter Scott keinerlei Gefahr darstellte, als ein weißer Polizist ihm in North Charleston in den Rücken schoss. Und das dann belegte, dass der Schütze den Tatort bewusst manipulierte, um die Spurensicherung zu täuschen. Ohne diese Videos und die sozialen Netzwerke, in denen sie sich verbreiten, säße dieser Polizist heute wahrscheinlich nicht in Untersuchungshaft, sondern wieder im Streifenwagen.

Ein Polizist verglich Präsident Obama mit einem Schimpansen

Ein Untersuchungsbericht des US-Justiz­ministeriums über die Polizei von Ferguson dokumentierte rassistisches Verhalten der Beamten; förderte etwa E-Mails zutage, in denen ein Polizist Barack Obama mit einem Schimpansen vergleicht oder ein anderer darüber witzelt, dass Abtreibungen bei afroamerikanischen Frauen eine Art Verbrechensbekämpfung darstellten. Überall in den USA werden nun ­solche Berichte in Auftrag gegeben, in Philadelphia, in Chicago, in Baltimore, selbst in San Francisco, das sich selbst gern als liberal und aufgeklärt feiert. Aber auch dort stellen Schwarze nur fünf Prozent der Stadtbevölkerung, doch jeder zweite Verhaftete ist dunkelhäutig. In den Jugendgefängnissen der Stadt sind sogar sechzig Prozent der Insassen schwarz. In Philadelphia offenbarte ein Untersuchungsbericht, dass 394 Bürger im Zeitraum zwischen 2007 und 2014 in Schusswechsel mit der Polizei verwickelt waren. Die Opfer waren meist um die zwanzig Jahre alt und in gut achtzig Prozent der Fälle schwarz. In Philadelphia sind gerade einmal rund 42 Prozent der Einwohner schwarz.

Kala Nuru Maasi, 18,

»Nach den Protesten in Baltimore haben die Medien fast nur über die Schäden und die Bilder der Gewalt berichtet: Welches Gebäude stand in Flammen, was kostet das alles? Niemand hat sich darum gekümmert, weshalb die Leute überhaupt auf die Straße gehen. Dabei müssen wir gerade darüber diskutieren! Als Trayvon Martin 2012 in Florida erschossen wurde, demonstrierte ich in Newark gegen Polizeigewalt. Es war ein friedlicher, aber sehr kraftvoller Protest. Darüber berichtete kaum jemand. Ich bin in Newark groß geworden, wo es viel Kultur, aber eben auch viel Kriminalität gibt. Wie in Baltimore. Ich weiß, was Armut aus Menschen machen kann. Rassismus zeigt sich meist in vermeintlich kleinen Störfällen, die man viel zu oft ignoriert. Auch ich. Vor einigen Monaten sah ich, wie eine Gruppe weißer Studenten blöd herum­alberte und sie sich gegenseitig mit dem ­N-Wort titulierten. Eigentlich wollte ich auf die Jungs zugehen und etwas sagen, ließ es dann aber doch. Das ärgert mich im Nachhinein.«

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Es wäre falsch, die Gründe allein bei rassistischen Individuen im Polizeiapparat zu suchen. Natürlich gibt es dieses Denken – die Sklaverei und die sogenannten Jim-Crow-­Gesetze, die die Rassentrennung für ein gutes Jahrhundert zementierten, wurden hier nie richtig aufgearbeitet. Der Civil Rights Act stellte in den 60er Jahren nur formal Gleichberechtigung her. Es ist aber auch der »The Winner takes it all«-Kapitalismus amerikanischer Prägung, der Schwarze noch heute systematisch benachteiligt und zu fast logischen Opfern der Polizeigewalt werden lässt. In einem Land, in dem Steuern zahlen als quasikommunistisch gilt, ist die Verwaltung von Ferguson zum Beispiel auf die Strafzettel angewiesen, die Polizisten ausstellen, um die Gemeinde­kasse zu füllen. Schwarze Bürger werden dabei überproportional häufig zum Ziel: Schwarze machen etwa zwei Drittel der Bevölkerung Fergusons aus, allerdings waren sie in 85 Prozent der Verkehrskontrollen verwickelt und in 93 Prozent aller Festnahmen. Bestimmte »Vergehen« wurden von der Polizei Fergusons fast ausschließlich Schwarzen angehängt, darunter zu 95 Prozent die Art des Gehens auf der Straße (»manner of walking«), das tatsächlich eine Ordnungswidrigkeit darstellt. »Diese ungleiche Behandlung erfolgte zumindest in Teilen aufgrund von ungesetzlicher Voreingenommenheit gegenüber Afroamerikanern«, befand der Bericht des Justizministeriums. »Es gibt die tief sitzende Annahme in unserer Gesellschaft, dass man Angst haben muss vor schwarzen Männern, dass sie gewalttätig sind und weniger menschlich als Weiße«, sagt ­Alice Goffman, die Tochter des Soziologen Erving Goffman, die für ihr Buch »On the Run« sechs Jahre in einer Siedlung von Philadelphia verbrachte, in der ausschließlich Schwarze leben. Wenn Polizisten Schwarze respektlos und feindselig behandelten, dann liege das daran, dass der Polizeiapparat ein Spiegel der amerikanischen ­Gesellschaft sei, so Goffman.

Ferguson ist kein Einzelfall, sondern nur der bekannteste und inzwischen am besten untersuchte Skandal. Konservative Kommentatoren, die sich an den Demos stören, behaupten auf »Fox News«, dass Polizeigewalt ja gar kein so gravierendes Problem sei: Die meisten Schwarzen würden von schwarzen Mitbürgern umgebracht und nicht von weißen Polizisten. Das ist richtig. Kanye West rappte mal, dass mehr Menschen in Chicago durch »black on black murder« sterben als US-Soldaten im Irak. Das Argument verkennt jedoch die Verantwortung des weißen Establishments.

Kwarn, ein junger Schwarzer aus Baltimore, steht an jener Stelle, an der Freddie Gray festgenommen wurde. Kwarn ist neunzehn und berichtet wie Jurmael aus Ferguson von Polizeischikanen. Vor Kurzem habe ihn die Polizei festgenommen, weil er ein Medikament bei sich trug. »Wenn du schwarz bist und etwas dabei hast, das nicht komplett wertlos ist, gehen die einfach davon aus, dass es gestohlen wurde«, sagt er.

Anakwa Dwamena, 25,

»Es ist nicht so, dass mich Leute permanent beschimpfen würden. Der Rassismus ist heute subtiler. Wenn ich durch meinen Stadtteil Adams Morgan in Washington, D.C., ­laufe, höre ich immer: klick, klick, klick, Auto­türen, die von innen verschlossen werden. Viele Autofahrer haben offenbar Angst, weil ich, ein schwarzer Mann, die Straße entlanglaufe. Beim ersten Mal war ich schockiert. Ich bin in der Stadt Kumasi in Ghana aufgewachsen. Dort wird man nicht aufgrund seiner Hautfarbe diskriminiert, es sind ja fast alle schwarz. Die Polizei ist zwar auch korrupt, aber dieses Problem haben wenigstens alle Menschen. Ich kannte amerikanische TV-Serien, in denen die Bösen immer schwarz waren. Seitdem ich in den USA lebe, bin ich einer von diesen angeblich so gefährlichen Männern. Dass die Leute in Baltimore auf die Straße gehen, verstehe ich sehr gut. Aber ich glaube nicht, dass es reicht, neue Verhaltensregeln bei der Polizei einzuführen und ein paar Beamte zu bestrafen. Die Reform muss in den Köpfen aller Amerikaner stattfinden.«

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Und doch ist die Lage in Baltimore eine andere als in Ferguson. In der Innenstadt von Baltimore, wie in vielen vernachlässigten Innenstädten der USA, geht die Diskriminierung der Schwarzen weit über das Verhalten der Polizei hinaus. In West-Baltimore läuft man an ausgebrannten und verlassenen Häusern vorbei, sieht kaputte Schulen und Drogenabhängige. Mehr als die Hälfte der Bewohner zwischen 16 und 64 Jahren in diesem Viertel haben keine feste Arbeit. Nur knapp sechs Prozent der Erwachsenen besitzen einen Hochschulabschluss. Die Lebenserwartung liegt bei 68 Jahren, ziemlich genau auf dem Niveau von Pakistan. Die Kriminalität ist hoch. Auch Kwarn klaut hin und wieder im Supermarkt, sagt er, damit seine von Drogen und Armut angegriffene Familie genug zu essen hat.

Umstände, die Elite und Mittelschicht in den USA, die noch immer mehrheitlich weiß sind, zumindest fahrlässig hingenommen haben. Das Unglück von Gegenden wie West-Baltimore ist ja auch eine direkte Folge von politischen Entscheidungen, den rassistischen Stadtentwicklungsplänen in den 60er Jahren etwa, die die Schwarzen in bestimmten Siedlungen konzentrierten, oder der Tatsache, dass sie im Gegensatz zu weißen Amerikanern von Banken und Versicherungen nur äußerst schwer Kredite für Immobilien bekamen.

In West-Baltimore kann man das beobachten, was man in Amerika einen »vicious ­circle« nennt, einen Teufelskreis. Viele Schwarze werden erst deshalb zu Kriminellen, weil sie ihre Geldbußen nicht oder nicht rechtzeitig bezahlen können, und gelten deshalb als vorbestraft. Den Stempel des Häftlings tragen sie dann durch ihr weiteres Berufsleben. Hinzu kommt die Politik des harten Durchgreifens gegen Kleinstkriminelle und der »Krieg den Drogen«, der schon den Besitz von Marihuana zu einem Delikt erklärte, das mit Gefängnis bestraft werden konnte. So wurden ganze Stadtviertel unter Generalverdacht gestellt. Und das sind meist die Gegenden, in denen Schwarze leben.

Das sind die Tatsachen.

Im Mai berichtete das »New York Times Magazine« über die »Entstehung einer ­neuen Bürgerrechtsbewegung«. »Unsere Forderung ist simpel«, wird eine Aktivistin da zitiert. »Stop killing us.« Aber ist die Hoffnung berechtigt? Sind die erhobenen Hände bei den Demonstrationen von Baltimore und Ferguson die »Black Power«-Faust des neuen Millenniums? Zwar berichten nun viele US-Medien unablässig über Polizeigewalt. Es gibt wieder eine Debatte über die Benachteiligung der Schwarzen, die allseits kontrovers geführt wird. Der »Happy«-Sänger Pharrell ­Williams etwa bezeichnete sich kürzlich als »New Black«, als Teil einer neuen schwarzen Generation, die »für ihre Probleme nicht mehr anderen Rassen die Schuld zuschreibt« –, und erntete harsche Kritik. Sicher ist, dass Polizisten nun unter genauerer Beobachtung stehen. Die Themen Polizeigewalt und Rassismus könnten auch die US-Präsidentschaftswahlen 2016 mitentscheiden. Hillary Clinton hat sich schon von der Politik der Masseninhaftierungen distanziert (die ihr Mann Bill noch forciert hatte).

Es gibt natürlich eine Chance, die gegenwärtige Situation zu verändern. Es bräuchte dafür jedoch mehr als eine Justizreform, mehr als ein paar Trainingseinheiten und neue Verhaltensregeln für Polizisten. Die systematische Diskriminierung lässt sich nicht wegreformieren, solange Millionen Schwarze unter Bedingungen aufwachsen, die kaum Lebenschancen bieten. Der junge Autor Ta-Nehisi Coates dachte kürzlich im Magazin »The Atlantic« über Reparationszahlungen nach, die das weiße ­Establishment für die Jahrhunderte der Sklaverei, Diskriminierung und Ausbeutung leisten sollte. Coates geht es nicht nur um ein »Schweigegeld für Unrecht«, sondern um einen spirituellen Ruck, der durch das Land gehen würde, wenn man sich den historischen Tatsachen stellen würde. Aber natürlich bräuchte man vor allem Milliarden Dollar aus privater wie öffentlicher Hand, die in jene Viertel und deren
Bewohner investiert werden müssten, die übersehen und ignoriert wurden. Man bräuchte eine gigantische Umverteilung von den Superreichen an die Abgehängten, die Erniedrigten und Beleidigten mit schwarzer Hautfarbe. Aber das ist leider völlig unamerikanisch gedacht.

Dieser Text ist in der Ausgabe 07/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.


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