Politik Leiche im Keller

Politik: Leiche im Keller
In der Eifel wird ein Mann getötet. Der Fall wäre wohl schnell aufgeklärt worden, wenn sich nicht alle Dorfbewohner gegen die Justiz verschworen hätten. Wie ist es dazu gekommen?

Der Strafverteidiger sagt: »Ich versuche jedes Mal, mich in die Menschen hineinzuversetzen. Doch in diesem Fall gibt es so vieles, das man schlecht nachvollziehen kann.« Von den Menschen, die mit den Details dieses Falls vertraut sind, ist der Strafverteidiger des Täters der Einzige, der bereit ist, sie zu schildern: Albert Stumm, seit siebzehn Jahren niedergelassener Rechtsanwalt in Euskirchen, mit dem Auto eine Dreiviertelstunde von Köln entfernt und eine halbe Stunde von Sötenich, dem Dorf, in dem die Tat geschah.

Sötenich: Klinkerbauten, Deutschlandfahnen, Hausnummern aus schwerem Metall, letzter Bus um 19 Uhr, rund 1000 Einwohner.

Ralf S., Nachkomme einer alteingesessenen Familie, wohnt am Ortseingang neben dem Autohaus, das seinem Vater gehört. Der Vater war, wenn es stimmt, was Ralf S. vor Gericht sagen wird, trunksüchtig und gewalttätig. Ralf S. wollte Schreiner werden, doch der Vater drängte ihn in eine Lehre zum Kfz-Mechaniker. Ob er den väterlichen Betrieb dereinst übernehmen sollte oder nicht, darüber kursieren verschiedene Versionen. Wenn ein Bekannter Probleme mit dem Auto hat, sieht Ralf S. es sich an, ohne gleich eine Rechnung zu stellen.

Umgekehrt helfen die Bekannten bei Handwerksarbeiten am Haus von Ralf S. Die Mutter stirbt 2010.
Im selben Jahr lernt Ralf S., nun 43 Jahre alt, einen Schrottsammler kennen, Johann P., dreizehn Jahre jünger. Sie beginnen, gemeinsam Schrott zu sammeln, und freunden sich an.

Möglicherweise sammeln sie nicht nur, sondern stehlen auch, vielleicht machen sie miteinander auch ernsthaft kriminelle Geschäfte – das bleibt unklar. Jedenfalls hat Johann P. immer wieder zu wenig Geld, Ralf S. leiht ihm immer wieder etwas.

Mal zahlt Johann P. geliehenes Geld zurück, mal nicht. Die einzelnen Beträge steigen. Am Ende geht es um etwa 30 000 bis 50 000 Euro.

Auch die Partnerinnen freunden sich an, die Paare besuchen einander fast täglich, oft bis in die Nacht hinein. In der Regel finden die Treffen im Haus von Ralf S. statt. Im Oktober 2011 heiratet Ralf S. seine Freundin, Johann P. ist Trauzeuge. Wenige Tage später setzt Ralf S. ein Testament auf: Sollte ihm etwas zustoßen, sind Johann P. alle Schulden bei ihm zu erlassen, und Johann P. soll seine Werkzeuge erhalten. Zudem erstellt Ralf S. ein Schreiben an die Staatsanwaltschaft, das er nie abschickt.

Darin listet er alle tatsächlichen oder vermeintlichen Straftaten von Johann P. auf. Das Schreiben hätte ihm als Lebensversicherung dienen sollen, sagt Ralf S. später. Das Testament und die schwarze Liste sind natürlich ein Widerspruch – und nicht der einzige.

Johann P. ist ein jähzorniger Mensch, und er ist groß und stark.
Immer wieder schlägt er zu, um seinen Willen durchzusetzen.

Er wird gegenüber seiner eigenen Ehefrau handgreiflich, gegenüber der Schwester von Ralf S., der Frau von Ralf S., auch Ralf S. selbst bekommt Ohrfeigen, als Johann P. die Wut packt.
Warum bleibt man mit jemandem befreundet, der wiederholt zuschlägt? Das gehört zu den großen Rätseln dieses Falls. Zu fünfzehn Prozent, wird Ralf S. vor Gericht sagen, sei Johann P. unerträglich gewesen. Und zu 85 Prozent gut. Außerdem, man hilft einander eben. Als Ralf S. Rückenschmerzen bekommt, springt seine Frau ein und fährt die Schrotttouren mit.

Um die Jahreswende von 2011 auf 2012 sagt Ralf S. zu seiner Frau, sie sollten sich eine Solaranlage aufs Dach bauen, da gebe es Fördergeld. Die Bank dürfte den Kredit gewähren, denkt er, denn das Haus ist Eigentum und bisher nicht allzu hoch beliehen.

Johann P. meint allerdings, Ralf S. solle den Kredit um etwa 30 000 Euro erhöhen, um einen großen Lastwagen zu finanzieren, mit dem sich mehr Schrott sammeln ließe. Seinen Verwandten erzählt Johann P. bald, er bekomme demnächst nicht nur vielleicht, sondern auf jeden Fall Geld für einen neuen Lastwagen. Seiner Expartnerin, mit der Johann P. zwei Kinder hat, erzählt er etwas anderes: Das Geld sei dafür da, mit ihr woanders ein neues Leben zu beginnen. Die Ehefrau von Johann P. ist schwanger. Ralf S. soll der Patenonkel des Kindes werden.

Vielleicht ist es ein Verhältnis zweier Männer, in dem der eine auf Geld hofft und der andere auf Nähe. Vielleicht ist es keine Freundschaft, sondern ein Geschäft, das Ralf S. für Freundschaft hält.
Ralf S. fühlt sich mit der Geldforderung von Johann P. immer unwohler. Er ruft bei der Bank an und kündigt dem Mitarbeiter an, am nächsten Tag mit jemandem vorbeizukommen und vor dessen Augen so zu tun, als rege er sich furchtbar darüber auf, dass die Bank das Geld nicht herausrückt. Ralf S. sagt dem Mitarbeiter, er dürfe ihn dann ruhig rauswerfen oder die Polizei rufen.
Der Mitarbeiter lehnt ab, er will keinen Krawall in der Bank. Und er ruft die Polizei sofort. Die sucht Ralf S. auf und fragt ihn, ob er erpresst werde. Ralf S. verneint. Nachdem die Polizisten sich verabschiedet haben, fährt Ralf S. zu Johann P. und sagt, dass es nicht klappt mit dem Geld: Nun sei sogar schon die Polizei bei ihm gewesen.
Ralf S. hofft vermutlich, die Sache sei erledigt. Für Johann P. ist sie das nicht. Am 15. Januar 2012 gehen die Männer spazieren.

In einer kleinen Stadt – so wird es Ralf S. im Prozess schildern – kommen sie an einem Juweliergeschäft vorbei. Johann P. sagt, der Laden sei so abgelegen, den könne man doch überfallen.
Am 16. Januar feiern die beiden Paare in einer Pizzeria den Geburtstag der Frau von Johann P.
Am späten Vormittag des 17. Januar treffen sich die Paare im Haus von Ralf S., um Mittag zu essen und den Tag miteinander zu verbringen. Ralf S. erzählt Johann P., dass im Keller des Autohauses seines Vaters alte Heizöltanks lagern, mit denen sich vielleicht etwas verdienen ließe. Der Staatsanwalt und der Richter werden glauben, dass die Tanks nur ein Vorwand sind und Ralf S. bereits vorhat, Johann P. zu töten. Ralf S. wird das vor Gericht abstreiten und die folgende Version schildern:
Er geht mit Johann P. die wenigen Meter vom Wohnhaus zum Autohaus. Johann P. sieht sich die Tanks an und meint, sie brächten mehr Arbeit als Geld. Was ist mit dem Juwelier, fragt Johann P., du hast doch eine Waffe?
Einige Jahre zuvor versuchte Ralf S., sich mit dem Jagdgewehr seines Großvaters zu erschießen. Der Abzug funktionierte nicht.

Danach setzte Ralf S. das Gewehr instand und lud es, und so liegt es jetzt im Keller des Autohauses in einem Regal. Johann P. nimmt die Waffe in die Hand, erklärt sie aber für untauglich, jemanden zu überfallen: zu groß. Es ist eine doppelläufige Schrotflinte. Ralf S. sagt, dass er sich am Überfall nicht beteiligen will, aber er erklärt sich bereit, die Flinte kürzer zu sägen.

Johann P. wird wütend. Er greift sich eine Antriebswelle und schlägt damit auf die Heizöltanks und auf Regale ein. Das bringt doch alles nichts!, schreit er, und du gibst dir auch keine Mühe!
Johann P. hält die Antriebswelle in der Hand, Ralf S. das Gewehr.
Geh doch zu deinem Alten, sagt Johann P. dann, von dem holen wir jetzt das Geld! Geht nicht, sagt Ralf S., da hab ich mir schon Geld geliehen. Wenn du es nicht holst, hol ich es!, ruft Johann P. und geht die Treppe hoch, nur ein paar Schritte zum übermächtigen Vater. Und Ralf S. wagt endlich, sich dem übermächtigen Freund zu widersetzen.
Der Schuss durchschlägt den Körper von Johann P. auf Brusthöhe horizontal von der linken Seite über die rechte Seite.
Johann P. geht weiter die letzten Stufen hinauf und verschwindet nach links um die Ecke. Ralf S. hört, wie Johann P. seinen Namen sagt, daraufhin ein Poltern. Oben findet Ralf S. den leblosen Körper von Johann P., dann kommt sein Vater hinzu. Ich hab ihn erschossen, stammelt Ralf S., doch der Vater sagt: So ’n Quatsch, der lebt doch noch! Der lebt nicht mehr, sagt Ralf S. und stößt Johann P. in den Nacken, schau! Dabei löst sich – unabsichtlich, wie Ralf S. aussagen wird – ein zweiter Schuss.

Der erste Schuss war ein massives Bleigeschoss, der zweite ist ein Schrotschuss aus demselben Gewehr. Um die Leiche liegt jetzt sehr viel Blut. In fünfzehn Minuten endet die Mittagspause, das Personal des Autohauses kehrt gleich zurück.
Ein Geselle klopft an die Außentür, die sich zwei, drei Meter neben der Leiche befindet. Geht jetzt nicht!, ruft Ralf S. und trägt dem Gesellen auf, Schleifpapier zu besorgen. Der Geselle sieht, dass unter der Tür eine rötliche Flüssigkeit ausläuft. Es ist mit Wasser vermischtes Blut, Ralf S. hat begonnen zu putzen.
Der Geselle hält die Flüssigkeit für Kühlerfrostschutzmittel.

Sauerei gemacht?, fragt der Geselle. Jaja, sagt Ralf S., und als der Geselle eine gute halbe Stunde später mit dem Schleifpapier zurückkehrt, ist die Sauerei so weit entfernt, dass der Geselle weiter keinen Verdacht schöpft. Die Leiche schleppt Ralf S. in den Keller und legt sie auf den Boden. Auf die Idee, sie zu verstecken, kommt er erst später; er hat Glück, dass in den folgenden Tagen kein Mitarbeiter den Keller betritt.

Ralf S. geht nach Hause und erzählt der Frau von Johann P., dass er sich mit Johann P. gestritten hat. Er habe ihm noch zwanzig Euro gegeben, dann sei Johann P. zu Fuß in Richtung Kall verschwunden, den nächsten Ort. Die Frau von Johann P. wartet noch eine Weile, dann lässt sie sich nach Hause bringen.
Am Abend der Tat zeigt Ralf S. seinem Bekannten Werner Johann M. die Leiche und das Gewehr. Werner Johann M. reagiert so, wie man hier reagiert, wenn jemand ein Problem mit der Heizung, der Karre oder dem Kumpel hat: Er bietet seine Hilfe an. Er nimmt die Waffe an sich, zerkleinert sie und wirft sie in den Rursee. Dieser Stausee ist bis zu 66 Meter tief.

Die Waffe wurde bis heute nicht gefunden. Für Ralf S. ist das in dem Moment ein Problem weniger, später ist es eines mehr.

Denn ließen sich auf der Waffe DNS-Spuren von Johann P. finden, wäre das ein Beweis dafür, dass Johann P. die Waffe in der Hand hatte, und es wäre zumindest ein Hinweis darauf, dass er wusste, sie war geladen.
Die Frau von Johann P. erzählt dessen Familie, die verstreut in der näheren Umgebung wohnt, vom Verschwinden. Ja, rufst du denn nicht die Polizei?, wird die Frau von Johann P. gefragt.
Stimmt, sagt sie, muss ich mal machen.

Zwei Tage nach den Schüssen gibt die Frau von Johann P. gegenüber der Polizei zu Protokoll, ihr Mann sei am Vortag während des Frühstücks aufgestanden, habe gesagt, er sei gleich wieder da, und aus dem Haus gegangen. Seine Kaffeetasse habe er stehen gelassen und sei nicht mehr zurückgekommen. Auch der Familie von Johann P. erzählt sie diese Version.

Die Frau des Opfers lügt, indem sie einen falschen Zeitpunkt und einen falschen Ort angibt. Warum? Im Prozess wird sie die Aussage verweigern. In Sötenich wird gemutmaßt, das Kind im Bauch sei womöglich nicht von Johann P., sondern von Ralf S.

So oder so: Die Männer, die praktisch ihre gesamte Zeit miteinander verbrachten, haben es geschafft, viel voreinander zu verbergen.

Die Familie von Johann P. merkt, dass etwas faul ist. Johann P. wird als telefoniersüchtig beschrieben – und nun meldet er sich plötzlich nicht mehr. Es ist Donnerstag, der 19. Januar. Ralf S. realisiert, dass es gefährlich wird. Er sucht seinen Vater auf, doch der ist betrunken und nicht ansprechbar. Am Wochenende trifft die Familie ein, Ralf S. fährt die Verwandten von Johann P. zu verschiedenen Orten in der Eifel, an denen sich Johann P. hin und wieder aufgehalten hat. Die Familie besteht aber darauf, das Wohnhaus von Ralf S. zu durchsuchen. Und das Autohaus.
Ralf S. ruft seine Frau an. Schatz, sagt er, der ist nicht weg, der liegt in der Werkstatt im Keller, geh mit Papa dahin und räum ihn weg, sonst erleben wir den Abend nicht. Die Frau von Ralf S. ist aber zu schwach, den schweren Leichnam zu bewegen, auch der Vater schafft es nicht. Sie decken Johann P. mit Planen, Dämmmatten und Motorhauben ab. Wenige Minuten später steht die Familie von Johann P. im Keller, doch sie findet ihn nicht. Zu riechen ist nichts, es ist ein kalter Januar.

Die Leiche muss da weg, beschließt Ralf S. und bittet einen Cousin, ihm dessen Hänger zu leihen. Darauf deponiert er die Leiche, eingewickelt in Malervlies. Erst jetzt denkt er daran, den Tatort gründlich zu reinigen. Das erledigen seine Ehefrau, die als Putzfrau arbeitet, sowie eine Bekannte, die früher die Geliebte von Ralf S. war.
In den nächsten Tagen wird der Hänger an verschiedenen Orten abgestellt, mal vor einem Hallenbad, mal auf Parkplätzen.

Das ist keine Lösung, also ruft Ralf S. einen weiteren Bekannten an, Peter S., Fachmann für Landmaschinen: Kann ich vorbeikommen, ich hab ein Problem! Peter S. fürchtet nun, Ralf S. wolle ihn um Geld bitten. Er hat keins, das er ihm leihen könnte, daher ist er erleichtert, als er hört, dass es nicht um Geld geht. Dann erfährt er, dass eine Leiche das Problem ist, und was man in so einem Fall tut, weiß Peter S. nicht, also tut er, was man sonst immer tut, und bietet seine Hilfe an. Man könnte die Leiche zerhäckseln, überlegt er, ist nur die Frage, wie man einen Torso in einen Häcksler bekommt, und wohin dann mit dem Gehäckselten? Die Idee wird verworfen. Stattdessen erlaubt Peter S., dass Ralf S. den Hänger in seinen Schuppen stellt.

Zu diesem Zeitpunkt wissen die Frau von Ralf S., sein Vater, seine frühere Geliebte, Peter S., Werner Johann M. sowie möglicherweise die Frau von Johann P., dass Ralf S. einen Mann erschossen hat. Ein Mörder, der seine Tat so plant, dass er binnen einer Viertelstunde die Spuren beseitigen muss, ist fahrlässig.
Ein Mörder, der seine Tat herumerzählt, ist vogelwild. Es ist zudem wahrscheinlich, dass nicht alle Mitwisser geschwiegen haben, dass es also noch mehr Eingeweihte gibt. Niemand ruft die Polizei, niemand fordert Ralf S. auf, sich zu stellen.

Zwei Wochen nach der Tat spricht Ralf S. noch einen Bekannten an. Christian F. arbeitet auf einer Mülldeponie 45 Kilometer weiter in Kierdorf. Ralf S. weiß, dass Christian F. gelegentlich Bauschutt verschwinden lässt, gratis, als Nachbarschaftshilfe.
Ist gut, sagt Christian F., ich nehm dir deinen Bauschutt ab, aber dann musst du morgen schon ganz früh mit mir zur Deponie fahren.

Auf dem Weg zur Deponie am 30. Januar 2012 wundert sich Christian F., dass Ralf S. sich solche Umstände macht, weil auf dem Hänger bloß ein kleines bisschen Bauschutt liegt, dazu etwas Undefinierbares unter Eternitplatten. Ralf S. und Christian F. entladen den Hänger, Ralf S. fährt zurück Richtung Sötenich.
Vielleicht hat Ralf S. in diesem Moment das Gefühl, frei zu sein.
Wahrscheinlich hat er das Gefühl, die Sache erstmal vergessen zu können. Sicher ist, dass er keinen Handyempfang hat.

Als Christian F. den Schutt von Ralf S. in den großen Schutthaufen schiebt, fällt ihm auf, dass ein Bein herausragt. Er ruft Ralf S. an, doch der ist nicht erreichbar. Dann ruft er seine Frau an und sagt ihr, dass sie zur Frau von Ralf S. hinübergehen soll, damit die ihm dann ausrichtet, dass er bitte schön seinen Scheiß wieder abholt. Die Frau von Ralf S. erreicht ihn schließlich auf dem Handy, Ralf S. macht kehrt.

Doch in der Zwischenzeit hatte Christian F. auf der Mülldeponie genug Zeit, sich zu entschließen, dass er auch die Polizei anrufen sollte. Als Ralf S. auf der Deponie eintrifft, lässt er sich widerstandslos festnehmen.
Man hätte Ralf S. wohl geglaubt, wenn er ausgesagt hätte, sein Testament zugunsten von Johann P. sei unter Druck entstanden, und Johann P. sei nicht sein Freund gewesen, sondern sein Peiniger. Stattdessen sagt Ralf S. in den Vernehmungen, es tue ihm leid, dass er seinen Freund getötet habe.

Peter S. wird wegen Strafvereitelung zu achtzig Tagessätzen verurteilt.
Die frühere Geliebte von Ralf S. bekommt sechs Monate Haft auf Bewährung.
Werner Johann M., der das Gewehr im Rursee versenkte, wird zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.
Die Ehefrau von Ralf S. bleibt straffrei, da Angehörige nicht wegen Strafvereitelung verurteilt werden. Sie verkauft das Haus und zieht aus Sötenich weg.
Der Vater von Ralf S. bleibt ebenfalls straffrei.

Der Strafverteidiger Albert Stumm stellt sich immer noch die gleichen Fragen: »Was verbindet eigentlich den Täter und das Opfer? Wieso beenden die nicht einfach ihren Kontakt? Wieso sagt nach der Tat niemand: Stell dich der Polizei? Wieso begeht jemand, der überhaupt nicht zu den üblichen Verdächtigen gehört, so eine Tat?« All das ist auch nach den Vernehmungen und Zeugenaussagen rätselhaft. Im Prozess plädierte Stumm auf sechs Jahre Haft wegen Totschlags gegen Ralf S.: Die dilettantischen Umstände der Tat seien ein Beleg, dass sie nicht geplant gewesen sein könne, zudem sei der Schuss in einer so aggressiven Auseinandersetzung gefallen, dass Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers – juristisch ein Merkmal eines Mordes – nicht gegeben seien. Die Staatsanwaltschaft plädierte auf Mord, da die Tötung geplant gewesen sei und das Opfer mit dem Schuss nicht habe rechnen können, sah allerdings mildernde Umstände wegen des Drucks, den Johann P. über längere Zeit auf Ralf S. ausgeübt habe; bei Ehefrauen, die ihren gewalttätigen Mann töten, spricht man analog dazu vom »Tyrannenmord «. Die Staatsanwaltschaft empfahl daher nur zwölf Jahre Haft. Das Gericht entschied, über das Motiv der Tat und über das Verhältnis zwischen Täter und Opfer sei zu wenig bekannt, und verurteilte Ralf S. zu lebenslanger Haft wegen Mordes.
Albert Stumm hat Revision eingelegt.

Er fragt sich immer wieder, was er getan hätte, wäre einer zu ihm gekommen und hätte gesagt: Ich habe eine Leiche im Keller.

Als Jurist weiß Stumm natürlich, was er dann tun müsste.
Als Freund hätte er es nicht gewusst.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom April 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.