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Politik Weltverklärer

Politik: Weltverklärer
Die Alten beschimpfen die Jugend als un­politisch, 
langweilig und spießig. Das liegt in der Natur der 
Alten. Wir verstehen das. Es ist trotzdem Unsinn.

Illustration: Frank Höhne

Auch junge Menschen werden älter und irgendwann die Welt regieren. Wie soll das nur gehen, fragen sich beunruhigt die alten Menschen, obwohl sie längst tot sein werden oder dement, wenn es so weit ist.

Alte Menschen reden deshalb so gern über die Jugend, weil sie nie wieder jung sein werden. Sie haben schmerzlich gelernt, wie es sich anfühlt, alt zu werden, wenn der Körper verfällt und die Popkultur verkommt. Alte Menschen wissen aus Erfahrung am besten, wie schön es ist, jung zu sein, und meinen deswegen auch, dass sie der Jugend erklären müssen, wie man in korrekter Manier jung ist. Alte Menschen finden Jungsein in der Theorie top, in der Praxis enttäuschend. Die jungen Menschen, meinen sie, setzen ihre Jugend nicht sonderlich gut um.

Alte Menschen reden deshalb so gern über die Jugend, weil sie nie wieder jung sein werden.

Alte Menschen haben sich immer schon über junge Menschen geärgert. Derzeit tun sie es mal wieder mit großer Lust und beschimpfen uns als »Generation Biedermeier«. Das ist eigentlich keine Diskussion wert. Wir sollten trotzdem versuchen, die Alten zu verstehen. Denn es ist hart, alt zu sein.

Zum Trost gehört den Alten fast alles. Das Geld, die Häuser, die Autos, die Firmen und die Armee. Facebook und Twitter gehören den Alten nicht, weshalb sie das alles eher blöd finden. Der italienische Autor Michele Serra, 60, bezeichnet die Jugend von heute irritiert als »Generation der Liegenden«, weil die immer so mit diesem Internet rumspielen muss auf dem Smartphone, im Liegen.

Den Alten gehört immer noch so viel, dass sie der Welt ungestört die Jugend erklären dürfen, sie bestimmen, wie öffentlich über junge Menschen geredet wird. Den Alten gehört zum Beispiel die Shell-Studie, sodass deren leitender »Jugendforscher«, Professor Hurrelmann, 71, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen verkünden kann, Junge seien irre fiese »Egotaktiker« und »Leistungsstreber«, weil sie unverschämterweise Lebenspläne entwickeln, statt entspannt in die nächste Krise zu segeln.

Den Alten gehört auch der »Spiegel«, sodass dort der Autor Dirk Kurbjuweit, 52, die Jugend als »Kinder der Stille« bezeichnen darf, als Menschen, die lächerlich mürbe Sätze über Angela Merkel sagen. Sie hätten »ein positives Gefühl mit ihr«, lässt er die jungen Menschen in seinen Texten über Merkel sagen. Die sind ja ganz betäubt, findet Kurbjuweit. Anders als er selbst oder sein »Welt«-Kollege Matthias Matussek, 60, der stolz darüber schreibt, wie er jung war und damals mit Hasch in den Stiefeln nach Indien einmarschiert ist, krasser Typ.

Die Alten von den Alten waren Nazis oder Hitlerjugendliche. Von denen mussten sich un­sere Alten die ganze Zeit anhören, dass früher noch »Zucht und Ordnung« geherrscht hätten. Unsere Alten wurden dann so was wie Hippies oder genossen die Vollbeschäftigung. Und erzählen uns jetzt: »Wir haben noch auf die Kacke gehauen. Wir waren nicht so brav. Wir hatten mehr Haare, Wut und Sex.« Warum sorgen sich die Alten eigentlich um unser Sexleben, warum fantasieren sie über die allzu sauberen Höschen, die wir unter Rock und Hose tragen?

Alte Menschen, und ich rede, wenn ich genauer hinsehe, eigentlich von alten Männern, sind irgendwie rührend. Sie merken nicht, dass sie alt sind und Alte-Knacker-Sachen sagen, so wie Kinder nicht wissen, dass sie klein sind und Kindersachen sagen. Kinder sind aber süß, weil sie keine Macht haben. Alte Männer sind weniger süß, weil sie Macht haben und es besser wissen müssten. In der Generationskritik, auf die dieser Text antwortet, weil diese Kritik gerade wieder Konjunktur hat und immer dümmer wird, stecken zwei Missverständnisse.

Das erste Missverständnis betrifft die Generation der Alten, die vergessen, wie es damals wirklich war. Sie glauben, dass sie alle nur ­»Ho, Ho, Ho Chi Minh« gerufen haben. Stimmt nicht. Deswegen sieht Deutschland so aus, wie es aussieht. Funktionaler Kapitalismus. Keine Anarchie. Die alten Männer glauben aber, sie seien als Alterskohorte und auch höchstpersönlich die ganze Zeit politisch, druff und im Bett gewesen. In ihrer Erinnerung lebten sie wie Jim Morrison, mit Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll gewannen sie die Revolution und wurden Professoren und Großautoren.

Das zweite Missverständnis betrifft die heutige Jugend. Die kommt in Studien recht bieder und mit Bausparvertrag daher – ist aber sehr heterogen und auf ihre ganz eigene Weise­ krass. Das ist auch okay. Wir haben Sex und sogar eine Meinung und gehen nachts nackt schwimmen. Einige von uns bestellen Drogen im Internet oder liken das subversive Kunstprojekt »Zentrum für politische Schönheit«. Ein paar von uns werfen Farbbeutel gegen die Europäische Zentralbank. Und auch heute gibt es Hardcore-Rebellen, man nennt sie Jihadis.

Dieser Text ist in der aktuellen Ausgabe 03/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App.