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Jurist aus Düsseldorf: AfD-Kandidat gibt sich als Professor an Londoner Uni aus - monatelang fiel es niemandem auf

Gunnar Beck ist sogenannter "Reader" an einer angesehen Universität in London, bezeichnet sich im Wahlkampf für die AfD aber als Professor. An seiner Hochschule wird deshalb nun heftig über ihn diskutiert.

Von Tobias Schreiner

Falscher AfD-"Professor"

Ein AfD-Kandidat für die Europawahl hat sich an einer Universität in London fälschlicherweise als Professor ausgegeben (Symbolbild)

Die Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS) ist ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz für einen AfD-Politiker. In der Uni-Kneipe, die mit Regenbogenflaggen und Graffitis von Angela Davis und Kendrick Lamar geschmückt ist, diskutieren Studenten über Karl Marx, Anti-Imperialismus und De-Kolonialisierung.

Die Student Union (SU) der Uni (das britische Äquivalent zum deutschen ASTA) macht regelmäßig durch Protestaktionen in der britischen Yellow-Press Schlagzeilen, veranstaltet Drag-Shows  und erklärt ihren Erstsemester-Studierenden in einem "Consent Workshop", dass sie sich an der Uni mit "er", "sie" oder im Plural ansprechen lassen können. Und mittendrin an Londons wohl linkester Uni ist er: Gunnar Beck.

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Enissa Amani greift AfD-Politiker an – mit ziemlich drastischen Worten

AfD-Kandidat für die Europwahl

Der gebürtige Düsseldorfer Jurist und AfD-Kandidat für die Europawahl passt hier in etwa so gut hin, wie die Hundekrawatte von Alexander Gauland in eine Offenbacher Shisha-Bar. Seit 2004 lehrt er hier - Becks steifer Kleidungsstil, seine Vorliebe für Wagner und Opernbesuche und sein überkorrektes Juristendeutsch lassen nicht darauf schließen.

Und trotz seiner offenen Abneigung gegenüber der Europäischen Union und zahlreichen Publikationen für pro-Brexit Organisationen wussten jahrelang nur eine Handvoll seiner Kollegen, dass Beck seit 2014 Mitglied der AfD ist. Von seiner Kandidatur wusste niemand bis verschiedene Medien vergangene Woche einen Artikel vom "Verfassungsblog" aufgriffen, in dem berichtet wurde, dass die AfD im Wahlkampf und auf den Stimmzetteln für die Europawahl einen falschen akademischen Titel für Beck angegeben hatte. Die Partei, sowie Beck selbst, hatten seinen Beruf wiederholt als "Professor" angegeben, obwohl er nach britischem Lehrsystem nur als "Reader" tätig ist.

Während in Deutschland meistens nur zwischen Universitäts-Professoren mit eigenem Lehrstuhl und Dozenten unterschieden wird, gibt es in Großbritannien vier Stufen akademischer Lehrtätigkeit – und ein "Reader" ist kein vollwertiger "Professor". Die AfD korrigierte Becks Titel hastig auf ihrer Website, doch noch ist unklar, welche juristischen Folgen die strafbare Falschangabe für Beck oder seine Partei haben könnte. Der Schaden war schon da: Studierende und Angestellte der SOAS University gingen – aufgeschreckt durch die Berichterstattung - auf die Barrikaden.

In mehreren telefonischen und persönlichen Gesprächen mit NEON zeigt sich Beck völlig überrumpelt von dem Sturm der Entrüstung, der sich von ihm unbemerkt an der Uni zusammengebraut hat. Beck wirkt übermüdet und gesundheitlich angeschlagen. Obwohl er sichtlich froh scheint, mit jemandem über den Fall reden zu können, weigert er sich jedoch, zitiert zu werden. Seine Aussagen dürfen deshalb hier nicht direkt wiedergegeben werden. 

Becks überraschte und fast schon naive Reaktion auf die Proteste zeigen, wie isoliert er schon seit Jahren an der Universität ist. Obwohl er schon lange grundsätzlich konservative Ansichten hat, hat er spätestens nach der Eurorettung eine starke Abneigung gegen die EU und die Bundesregierung entwickelt. Spätestens mit seinem Eintritt in die AfD 2014 nahm die Entfremdung Becks von seiner Universität ihren Lauf.

"Er hat kaum Freunde im Department"

"Er hat kaum Freunde im Department", sagen Kollegen und Wegbegleiter, die namentlich nicht genannt werden dürfen. Der Eigenbrötler habe schon seit Jahren kaum Zeit mit den Kollegen verbracht und pflege mittlerweile höchstens einen richtigen sozialen Kontakt am Tag, heißt es.

Der Grund, warum Becks AfD-Mitgliedschaft nicht schon vorher Wellen geschlagen hat, könnte also in seiner Isolation liegen. Selbst innerhalb der AfD kannte Beck kaum jemand. Seine Nominierung auf Listenplatz 10 für die Europawahl war für viele Kollegen eine Überraschung. Zudem hat Beck in der Öffentlichkeit zwar klar die EU kritisiert, sich für den Brexit ausgesprochen und Populisten wie Nigel Farage beraten, allerdings hat er sich selbst nie offen rassistisch oder islamfeindlich geäußert.

Nachdem auch der "Guardian" über Becks falschen Professorentitel berichtete, hingen Unbekannte am Dienstagmorgen Plakate in der Uni mit dem Titel "Gunnar Beck: Teilzeit-Professor, Vollzeit Nazi" auf. Die Student Union veröffentlichte einen offenen Brief, in dem sie die Kandidatur Becks für die AfD entschieden ablehnten. Die Erklärung unterschrieben auch 30 von Becks Kollegen.

Die Professoren, Dozenten und Doktoranden aus dem Law Department erklärten: "Wir distanzieren uns von jedem, der diese Partei unterstützt." In einer internen Email, die NEON vorliegt, forderten sie Beck auf, seinen Posten als Lehrkraft an der SOAS aufzugeben. Ein Kollege schrieb direkt an Beck: "Entweder unterstützen Sie zutiefst rassistische Weltansichten oder Sie sind zynisch genug zu glauben, dass es akzeptabel ist, mit rassistischen Argumenten politische Macht zu erlangen."

In den sozialen Medien und auf den Fluren der Universität fordern die Studenten die Kündigung Becks. Die Universität reagierte auf den Fall nur mit einer knappen Pressemitteilung, in der sie ihre Ablehnung der Politik der AfD erklärte, jedoch auf die Meinungsfreiheit ihrer Angestellten beruft.

Zorn der Studenten gegen Beck

In einer internen E-Mail reagierte Beck auf die Anschuldigungen seiner Kollegen: "Die AfD ist die einzige konservative Partei in Deutschland. Sie ist keine Nazi- oder Faschistenpartei." Beck selbst gehört dem alten Euro-kritischen Kader der AfD um den 2015 aus der Partei ausgestiegenen Parteigründer Bernd Lucke an.

"Ich bin der AfD wegen meiner Meinung vom Euro und des Europäischen Gerichtshofes beigetreten.", schreibt er an seine Kollegen. In seinen Wahlkampfauftritten kritisiert er den EuGH, der "regelmäßig Unrecht zu EU-Recht erklärt" und bezeichnet die Europäische Zentralbank als "allzeit größten Rechtsbrecher", deren "Herrschaft des Unrechts" nur Volksentscheide beenden könnten. Beck fordert die Abschaffung des Europäischen Parlaments und den Ausstieg Deutschlands aus dem EU-Asylabkommen, das er einen "Suizid-Pakt" nennt.

Der Zorn der Studenten gegen Äußerungen wie diese entlud sich schließlich am vergangenen Freitagmittag in einer Demonstration von rund 200 Menschen vor der SOAS University. Plakate bezeichneten Beck als Rassisten und zeigten das AfD-Logo verfremdet in den Farben der deutschen Reichsflagge.

Auch wenn kaum jemand von Becks AfD-Mitgliedschaft wusste, mit seinen Äußerungen hat er bereits vorher für Aufsehen unter den Studenten gesorgt. Hau-Yu Tam, Co-Präsidentin der Student Union teilte gegenüber NEON mit: "Uns erreichen Beschwerden von Studenten, die sich durch Gunnar Becks Verhalten unsicher und unwohl gefühlt haben. Wir fordern von der Universität, dass sie diesen Beschwerden über Belästigung und Hassrede nachgeht und diese berücksichtigt, um die Sicherheit und das Wohlergehen unserer Studenten zu sichern."

Eine Jura-Studentin berichtete auf der Demonstration, dass sich Beck in seinen Vorlesungen wiederholt rassistisch und sexistisch geäußert habe. Auf ihre Beschwerden habe die Universität jedoch nicht reagiert. Eine Universitäts-Sprecherin erklärte, dass es keine formalen Beschwerden gegen Gunnar Beck gegeben habe. Ein Sprecher der Londoner Antifa drohte gar: "Wenn die Universität nicht handeln sollte, werden wir das tun. Wir kommen in Gunnars Vorlesungen, in sein Büro und schleifen ihn persönlich da raus."

"Er ist kein Rassist und erst recht kein Nazi"

Doch nicht alle Studenten teilten diese Forderung. Ein Student, der angab, über mehrere Monate eng mit Beck zusammengearbeitet zu haben, sagte: "Ich kenne ihn. Er ist konservativ, hasst die EU und ist skeptisch gegenüber Immigration, aber er ist kein Rassist und erst recht kein Nazi." Ein deutscher Student, der darauf bestand, anonym zu bleiben, erklärte: "Das ist eine Hexenjagd. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine eigene Meinung. Gunnar Beck muss seinen Job hier ungehindert ausüben können, egal welcher politischen Meinung er ist."

Die Gewerkschaft UCU (University and College Union), der Beck selbst angehört, erklärte, dass ihre Werte von Internationalität, Multikulturalismus und Diversität unvereinbar mit Becks Partei-Mitgliedschaft seien. UCU-Generalsekretär Paul Cottrell sagte: "Die AfD ist eine rechtsradikale und rassistische Partei, für die es keinen Platz an britischen Universitäten gibt."

Ob Beck aufgrund seiner Kandidatur für die AfD aus der Gewerkschaft ausgeschlossen werden könnte, ist derzeit noch unklar. Einen Präzedenzfall gibt es bereits: 2008 beschloss die UCU den Ausschluss von Mitgliedern der rechtsradikalen British National Party (BNP) sowie der National Front und erklärte: "UCU wird jeder Person, die Mitglied oder Aktivist für eine rechtsradikale Organisation ist, deren Ziele und Prinzipien im Gegensatz zu denen der UCU stehen, die Aufnahme verbieten oder sie aus der Gewerkschaft ausschließen."

Für Beck könnte es mit oder ohne Ausschluss ungemütlich bleiben: Nach der Demonstration kündigten die Studenten weitere Aktionen an und warnten: "Die AfD versucht sich durch konservative Akademiker wie Beck eine Legitimation zu geben und Wähler aus der Mittelschicht anzulocken." Ob Gunnar Beck auch in Zukunft weiterhin an der SOAS University lehren wird, ist offen. Darauf angewiesen wird er in den kommenden fünf Jahren zumindest nicht sein. Auf Listenplatz 10 der AfD ist ihm ein Posten im EU-Parlament so gut wie sicher.

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