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Interview

"Fridays for Future": Luisa Neubauer: "Wir sind gerade dabei, unsere Zukunft an die Wand zu fahren"

Luisa Neubauer ist das deutsche Gesicht der Klimaproteste. Am Montag saß sie bei "Hart aber fair" in der Sendung – und diskutierte über die Klimakrise. NEON sprach mit ihr über ihren Auftritt und was die Politik dringend ändern muss.

Klimaaktivistin Luisa Neubauer

NEON sprach mit Klimaaktivistin Luisa Neubauer

Picture Alliance

Als Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt", am vergangenen Montag in der TV-Sendung "Hart aber fair" beklagte, dass die E-Autos, die er gefahren habe, keine Seele hätten, reicht es Luisa Neubauer: "Entschuldigung, Sie haben überhaupt kein Verständnis dafür, was eine Klimakrise ist! Die Menschheit hat ein CO2-Budget, das klare Grenzen setzt und wenn Sie jetzt erzählen wollen, das ginge nicht gut, weil man das Auto nicht emotionalisiert hätte oder weil die Seele fehlt, da muss ich sagen: Sorry, dafür haben wir wirklich keine Zeit mehr!"

Der emotionale Konter ist es ein Zeichen dafür, dass sich niemand mehr dem entziehen kann, was "Fridays for Future" losgetreten hat: eine neue Debatte über Klimawandel. Luisa Neubauer ist das deutsche Gesicht der Klimaproteste. NEON sprach mit der 22-jährigen Studentin über ihren mutigen TV-Auftritt, "Fridays for Future" und eine mögliche Zukunft, die uns allen Angst machen sollte.

NEON: Luisa, ist die ganze Debatte um den Klimawandel, wie es Ulf Poschardt während der Sendung sagte, nur "Panikmache und apokalyptische Rhetorik"?
Ich würde Herrn Poschardt empfehlen, noch einmal genau zuzuhören. Tatsächlich stehen gerade nichts weniger als unsere Zukunft und der intakte Planet auf dem Spiel. Wenn jetzt nicht Zeit für Panik ist, wann dann? Gleichzeitig denke ich aber auch, dass wir einen konstruktiveren Umgang in der Debatte über den Klimawandel finden müssen. Deshalb brauchen wir vielleicht konstruktive Panik.

Was meinst du damit?
Na ja, die Debatte um den Klimaschutz ist sehr negativ behaftet. Wenn es um den Klimaschutz geht, reden wir viel über Verbote. Dafür ist es nun einmal schwer, Menschen zu begeistern. Stattdessen entsteht dadurch eine Spaltung zwischen Befürwortern und Gegnern. Davon müssen wir die Debatte wegführen. Deshalb sollte es vielmehr darum gehen, wie wir in Zukunft leben wollen – und welche Veränderungen das bedeutet. Es muss eine mutmachende, zukunftsfreudige Debatte sein, ohne dabei Menschen auf der Strecke zu lassen.

Passiert nicht genau das, indem man dich in TV-Sendungen wie "Hart aber fair" einlädt?
Es ist auf jeden Fall ein Anfang. Die Medien scheinen verstanden zu haben, dass das, was "Fridays for Future" anspricht, wichtig für uns alle ist. Allerdings wäre es viel schöner, wenn die Politik das ebenfalls verstehen würde.

Tut sie das nicht?
Wenn wir mit Politik die aktuelle Regierung, die Große Koalition, meinen, tut sie das nicht. Die Regierung hat dem Übereinkommen von Paris zugestimmt. Das gibt uns ein ganz klares Emission-Budget vor, was wir einhalten müssen. Deshalb ist es auch die Aufgabe der Regierung, das Paris-Ziel zu erreichen. Stattdessen tut sie so, als könne sie sich dem mit guten Worten entgegenstellen.

Was muss die Regierung denn besser machen?
Sehr viel. Ein konkreter Punkt wäre zum Beispiel, dass sie damit anfängt, die 14 Kohlekraftwerke abzuschalten. So würde sie dem Ziel zumindest näherkommen.

Und was passiert dann mit den tausenden Arbeitsplätzen, die da dranhängen?
Selbstverständlich muss sich auch darum gekümmert werden. Es müssen Perspektiven geboten werden. Das ist Teil der Herausforderung, aber kein Gegenargument für einen Kohleausstieg.

Dennoch steckt die Regierung in einem Dilemma, oder nicht?
Die fossile Energie-Industrie bekommt vom Bund Milliarden an Subventionen. Da gibt es garantiert Mittel und Wege, um aus diesem Dilemma rauszukommen: durch Maßnahmen vor Ort – wie Fort- und Weiterbildungen anbieten – oder durch Frührentenprogramme. Eines darf und sollte man allerdings auch nicht vergessen: Es sind in den letzten Jahren weitaus mehr Jobs durch eine verschleppte Energiewende verloren gegangen.

Greift die Regierung nicht schon längst härter durch? Stichwort: Kohleausstieg 2038 oder Dieselfahrverbote.
Der Kohleausstieg 2038 ist kein Erfolg, auch kein echter Kompromiss – und die Dieselfahrverbote mussten erst eingeklagt werden, das war keine Regierungsinitiative. Die Regierung tut so, als hätte sie klimapolitisch die Dinge im Griff. Tatsächlich läuft aber unglaublich viel schief: Seit wir streiken, hat die Bundesregierung noch einmal bekräftigt, dass die Klimaziele 2020 verfehlt werden. Sie hat ein Klimaschutzgesetz vertagt und feiert einen Kohleausstieg, der für das Klima zehn Jahre zu spät kommt. Das ist eine tragische Bilanz. Von einer Klimapolitik, die der Krisenrealität entspricht, kann nicht die Rede sein.

Nun ist die Opposition kaum besser. FDP-Chef Christian Lindner sagte erst neulich, dass Klimaschutz etwas für Profis sei.
Ja, aber damit hat er doch vollkommen Recht. Natürlich ist Klimaschutz etwas für Profis. Allerdings frage mich, wo die sind. Wenn Herr Lindner auf Klimaexperten hinweist, dann ist das absolut richtig. Das sagen wir auch. Wenn er damit aber implizieren möchte, dass junge Menschen nicht in der Lage seien, die Klimakrise oder die Notwendigkeit zu handeln zu verstehen, muss ich ihn enttäuschen. Schon Grundschüler haben verstanden, dass wir gerade dabei sind, unsere Zukunft an die Wand zu fahren. Und: dass Menschen daran Schuld sind. Wir können es aber noch schaffen, das zu ändern, indem wir jetzt richtig loslegen.

"Unsere Zukunft an die Wand zu fahren": Ist das nicht jene Panikmache, von der Herr Poschardt spricht?
Nein, es ist leider Realität. Denn wenn es so weitergeht wie bisher, dann wird sich die Erde zu einem Grat erwärmen, der weit jenseits von dem liegt, was wir uns vorstellen können. Wenn jetzt nicht bald echter Klimaschutz angestoßen wird, dann sollten wir definitiv Angst vor der Zukunft haben. Dann müssen wir uns tatsächlich Fragen stellen wie: Soll ich in einem ununterbrochenen Krisenmodus erwachsen werden? Kann ich mit gutem Gewissen noch Kinder in diese Welt setzen? Oder mute ich ihnen damit Dinge zu, die man Kindern nicht zumuten sollte? Ja, ich weiß. Das ist absolut furchteinflößend. Nur leider die Wahrheit.

Haben die älteren Generationen also zu lange weggeschaut?
So pauschal trifft das in meiner Auffassung nicht ganz zu. Denn auch Generationen vor uns haben großartige Bewegung und soziale Fortschritte an- und Veränderungen herbeigeführt. Aber trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass vieles verschlafen wurde. "Fridays for Future" erzählt ja nichts Neues. Wir berufen uns auf Fakten, die seit 40 Jahren existieren. Und das ist das Tragische. Wir sind inzwischen im Jahr 2019 – und müssen für uralte Ziele auf die Straße gehen.

Wo siehst du denn die Zukunft von "Fridays for Future"?
Kurzfristig ist es die Europawahl im Mai. Wir wollen junge Menschen dazu bewegen, Parteien zu wählen, die einen tatsächlichen Klimaplan haben – und es nicht nur vorspielen. Da spielt es keine Rolle, ob das liberal, grün oder links bedeutet. Es geht darum, die Klimaziele zu erreichen, und das so gerecht und demokratisch wie möglich. Langfristig kann ich natürlich nicht genau sagen, wo die Reise hingeht, da müssen wir uns vielleicht in ein paar Monaten noch mal sprechen.

Greta Thunberg in Hamburg