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"La Casta" - Italiens Bibel der Wutbürger: Haushaltsbuch des italienischen Klüngels

In Italien ist es derzeit Pflichtlektüre: Das Buch "La Casta" der beiden Journalisten Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella. Es enthüllt, welche unglaublichen Privilegien sich italienische Regierende gegenseitig zuschieben. Der Verkaufsschlager hat eine Lawine der Empörung losgetreten.

Die Autoren Sergio Rizzo und Gian Antonio Stella haben im Jahr 2007 ein Buch veröffentlicht, das die haarsträubenden Privilegien der regierenden Klasse in Italien untersucht. Sie hofften, von ihrem mit Zahlen und Details gespickten Buch "La Casta", die Kaste, im besten Fall 30.000 Exemplare zu verkaufen. Sie ahnten nicht, was das Buch in Italien auslösen würde – es ist heute so etwas wie die Bibel der italienischen Wutbürger geworden. Das Buch traf den Nerv der Zeit: Die Bürger werden mit immer neuen Sparmaßnahmen gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen, die Klasse aber, die ihnen den wirtschaftlichen Niedergang und den miserabel funktionierenden Staat eingebrockt hat, schiebt sich immer neue Privilegien zu, erhöht sich die Renten, fährt immer teurere Autos und geht nach wenigen Jahren „Arbeit“ mit Renten nach Hause, für die ein italienischer Arbeiter 400 Jahre arbeiten müsste. In der neuen Ausgabe des stern zählt Sergio Rizzo die schlimmsten Beispiele auf.

Wieviele Exemplare haben Sie von Ihrem Buch verkauft?
1,3 Millionen.

Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Es war eine Art ziviler Protest. Die Italiener hatten genug davon, die Kosten ihrer hoch bezahlten und verschwenderischen politischen Klasse noch länger zu tragen. Einer Klasse übrigens, die den Problemen, vor denen sie steht, nicht gewachsen ist.

Wo ist die Verschwendung am absurdesten?
In den Regionen, die mit den deutschen Bundesländern zu vergleichen sind. Allein dort könnte man 606 Millionen Euro im Jahr einsparen. Was die Leute aber am meisten verbittert, sind die lebenslänglichen Pensionen, die ein Politiker schon kassiert, wenn er nur fünf Jahre im Amt war. Ein normaler Italiener geht nach 41 Jahren Arbeit mit durchschnittlich 1000 Euro in Rente. Bei uns gibt es Parlamentarier, die nach einer Legislaturperiode in Rente gehen, Mindestrente: 3108 Euro. Das kostet uns im Jahr 200 Millionen Euro.

Wir hören von Berlusconi seit Jahren, die öffentlichen Ausgaben würden eingeschränkt. Warum ist das nicht passiert?
Wegen Unfähigkeit, wegen des Widerstandes der Bürokratie und wegen mangelnden Mutes. Allem liegt zugrunde, dass ein gewaltiger Apparat von Klientelinteressen überleben muss. Warum braucht die Region Sizilien 20.000 Angestellte? Das Doppelte der Lombardei, die aber doppelt so viele Einwohner hat?

Warum kostet das italienische Präsidentenamt achtmal so viel wie das deutsche Präsidialamt?
Sie sagen, weil allein der Palast einer der größten der Republik sei und hohe Unterhaltskosten habe. Die Wahrheit ist, dass es in der italienischen Regierung sehr viele Bedienstete mit sehr hohen Einkommen und zahllosen Vergünstigungen gibt. Dazu kommt, dass niemand das Recht hat, seinen Haushalt zu kontrollieren, auch der Rechnungshof nicht.

Berlusconi hat versprochen, das Land zu modernisieren, zu liberalisieren. Warum der jahrelange Stillstand?
Er wollte keinen Krach mit den dreieinhalb Millionen öffentlichen Angestellten. Er hat sich voll auf den alten Apparat gestützt. Und er hat sich Mitarbeiter ausgesucht, die wenig Qualität besaßen. Das Resultat ist: Die Bürokratie ist gewachsen, die Schulden auch, und die ausländischen Investoren sind geflüchtet. Versagen auf ganzer Linie.

Wie konnte ein Finanzminister Tremonti, dem ein Unternehmer die Miete von 8000 Euro im Monat bezahlt, sich auch nur einen Tag länger im Amt halten?
Weil es immer so war, dass Politiker sich alles erlauben konnten. Undenkbar, dass bei uns jemand zurückträte, wie Guttenberg, nur weil er abgeschrieben hat.

Nun machen der Internationale Währungsfond und die Europäische Union Druck auf Italien. Wie sieht man das, als gerechtfertigt, oder als Attacke auf die Souveränität?
Mit einer gewissen Erleichterung, weil man sieht, dass unsere Leute nicht in der Lage sind, Reformen einzuleiten. Dann muss es eben jemand anderer tun.

Was muss die neue Regierung sofort angehen?
Die ersten Schnitte müssen bei den Kosten der Politik gemacht werden. Das wäre auch ein Signal an die Bürger, dass sie Opfer bringen müssen.

Kann eine "technische Regierung", also ohne Mandat der Wähler, die notwendigen Reformen einleiten?
Vielleicht besser als die anderen, in Italien waren es immer "technische Regierungen", die die größten Reformen zustande gebracht haben.

Im großen Roman des sizilianischen Fürsten di Lampedusa heißt es, "alles müsse sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist." Das war immer eine Maxime der italienischen Politik. Diesmal wieder?
Diesmal ist es anders. Die Italiener sind anders heute, vielleicht haben sie wirklich begriffen, dass nun ernst gemacht werden muss.

Von Claus Lutterbeck / print