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Freikörperkultur: München laufen die Nackten weg

In den 70ern gab es einen Aufschrei wegen der Nackten, nun fürchtet München um den Ruf seiner weltweit einzigartigen FKK-Oase: Im Englischen Garten tummeln sich kaum noch freizügige Sonnenanbeter.

Von Rupp Doinet

Ein einsamer Sonnenanbeter im Englischen Garten: München vermisst die Nackten

Ein einsamer Sonnenanbeter im Englischen Garten: München vermisst die Nackten

Von wegen typisch München. Weißwürste gibt es längst in Timbuktu sowie in Dosen, die kurze oder lange "Wichs" ist nicht mehr hirschledern, sondern meist vom Stamme afrikanischer Springbock, wenn nicht sogar aus China, was früher die Zensi war und "das Mensch" genannt wurde, sächselt unverfroren und lässt sich nicht mehr betatschen, den scheinbar ewigen Oberbürgermeister Ude zieht es nach Mykonos, und nun beklagt auch die Staatliche Verwaltung der bayerschen Schlösser, Gärten und Seen, ("BSV") die immerhin Neuschwanstein im Portefeuille hat, einen herben Verlust: Die Nackten im Englischen Garten sterben aus.

Was tun mit den beschützten Spähtrupps englischer, amerikanischer, spanischer und arabischer Touristen, die mit schussbereiten Kameras und Smartphones hinter ihren Guides die Schönfeldwiese direkt hinter dem Haus der Kunst scannen. Nackte bekommen sie hier, am Eisbach, kaum noch zu sehen, allenfalls ein paar sichtlich aus der Zeit gefallene Althippies, wie Thomas Plüger. Der ist "knapp um 70", aber, und davon ist er überzeugt, "sehr viel jünger aussehend".

Thomas lag schon Mitte der 70er Jahre hier rum, als das noch eine Art revolutionärer Akt war. Langhaarig war er damals auch, wovon heute nicht mehr die Rede sein kann. Dafür hat er mittig mächtig zugelegt. Aber es geht noch: "Grad gestern hat mi aoner fotografiert".

Kulturscharmützel in den 70ern

Das allerdings sind nicht unbedingt die Bilder, mit denen der Freistaat Bayern den Rest der Welt beglücken will. "Es fehlen, so barmte bereits vor vier Jahren Thomas Köster von der Schlösser- und Seenverwaltung, "junge Männer und Frauen. Das wird ein echtes Problem". Von Frauen ist inzwischen nicht mehr die Rede. "Fast nur noch ältere Männer" registriert Köster heute, die nackt am Eisbach liegen, wenn überhaupt. Ein großes Problem sei das allerdings nicht. Denn insgesamt lege der Tourismus zu.

Dennoch, was die innerstädtischen Nackten betrifft, muss München um seinen Ruf in der jederzeit beschworenen "Champions League" fürchten. Denn der 373 Hektar messende Englische Garten ist nicht darum so berühmt, weil er noch größer ist als der Central Park in New York oder der Hyde Park in London, sondern als weltweit einzige grüne Oase inmitten einer Millionenstadt, in der ohne Zäune und störende Sichtblenden Nackte zu besichtigen sind.

Damals, in den 70ern, waren sie eine Sensation, auch wegen des Kulturscharmützels, das ihretwegen in München tobte. Plötzlich waren da überall Nackte in und um den Englischen Garten. Sie ließen sich im Eisbach bis zum Biederstein treiben, bestiegen dort die Tram für die Rückfahrt und spotteten über die Kontrolleure der Verkehrsbetriebe, weil man doch einem Nackten nicht in die Tasche greifen könnte. Sie flanierten durch den Englischen Garten hinüber zum chinesischen Turm und stellten sich in die Reihe nach einem Steckerlfisch an. Vor allem aber standen sie zuweilen, so formulierten entrüstete Leserbriefschreiber, "sehr nahe aneinander".

Nackte sind jetzt eher auf der Bühne zu sehen

"Heute steht leider schon vielfach der verschämte Bekleidete dem unverschämten Nackten gegenüber", zürnte damals ein leibhaftiger Zweiter Bürgermeister des Millionendorfs. Der Katholikenrat drohte damit, die "schweigende Bürgermehrheit" zu mobilisieren, begnügte sich aber mit einer Protestversammlung, "bei der ihr Vorsitzender Reservate für die Anständigen forderte" und das Übel beim Namen nannte. Denn nicht der friedlich auf dem Bauch liegende Nackte sei das eigentliche Problem, das ergebe sich erst nach dem Aufstehen wegen der "schleudernden Penisse". Noch nicht mal die damals noch junge Frauenbewegung mochte sich mit den Nackten solidarisieren. Weil, so ermittelte der "Spiegel", ihr Kampf um "Oben ohne" durch das "Unten Ohne" des Patriarchats bagatellisiert werde. In München ging ein Gespenst um: "Demnächst Nackte in der Oper?".

Die sind im Augenblick eher auf der Bühne zu sehen, statt im Parkett oder auf den Rängen. Was nichts daran ändert, dass die Nackten von München Kunst und Wissenschaft beeinflusst haben. 1988 erschien das Buch "Die Nackte vom Englische Garten" (Heyne), der Kultursoziologe Michael Höhne machte die Nackten vom Eisbach zum Thema seiner Diplomarbeit, wobei er zu der Erkenntnis kam, dass unter ihnen eine "Interaktionsvermeidung" manifest sei, dass also ein nackter Mann lieber einen anderen nackten Mann nach Feuer fragt als eine ihm fremde nackte Frau. In einer anderen Arbeit ist von "pinguinartigem Siedlungsverhalten" die Rede, davon dass einander bekannte Nackte eher klumpen und sich von anderen Blößen abseits halten.

"Krampfadern wie Feuerwehrschläuche"

Und dann kamen die Neider, nach München entsandte Sonderberichterstatter der deutschen Weltpresse. Die sahen allerdings weniger die schöne Münchnerin in ihrer Fülleform, sondern "Bäuche, so prall gewölbt und fett durchwachsen wie ein Trumm bayerischen Bauerng´selchts", sowie "Krampfadern wie Feuerwehrschläuche".

Den Thomas Plüger und ein paar Kumpels aus alten Tagen ficht das nicht an. Sie werden noch gebraucht. Als eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden Bürgermeisters Ude hat der Münchner Stadtrat gerade beschlossen, die Nackten hinter dem Haus der Kunst weiterhin zu tolerieren, egal, ob es sie gibt oder nicht, und in fünf anderen, eher abseits gelegenen Gebieten auch.

Auch die SZ sorgte sich um die Zukunft der Nackten und orientierte sich dabei offenbar am alten Babylon und der Göttin Mylitta. Ihr zu Ehren musste sich jede anständige babylonische Jungfrau einen Tag lang dem ersten Fremden hingeben, der sie im Tempel erblickte. Auf München übertragen findet die SZ, dass sich jeder junge Münchner und jede junge Münchnerin einmal in ihrem Leben nackt an den Eisbach legen und von Touristen fotografieren lassen soll.

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