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Liebe, Sex und Missverständnisse: #MeToo-Debatte: Hat der Feminismus seine Ziele erreicht? Noch lange nicht!

Der Feminismus habe seine wichtigsten Ziele längst erreicht, dachte stern-Autorin Judith Liere lange Zeit. Bis sie feststellen musste, dass das ein Irrtum war.

Hat der Feminismus seine Ziele erreicht? Noch lange nicht!

Erst im Berufsleben habe ich gemerkt, wie nötig Feminismus weiterhin ist

Als 1979 Geborene habe ich lange geglaubt, Feminismus sei überflüssig geworden, ist ja alles erreicht, danke an die Vorgängergenerationen. Ich fühlte mich weder in der Schule noch in meinem geisteswissenschaftlichen Studium benachteiligt. Aber natürlich gab und gibt es Unterschiede, die mir erst gar nicht auffielen – weil sie für mich zum Frausein dazugehörten, weil sie jedem Mädchen von klein auf beigebracht werden.

Im Gegensatz zu meinen männlichen Freunden ging ich nicht allein durch dunkle Gassen nach Hause, ich hätte ja vergewaltigt werden können. Ich habe in Bars immer den Daumen über die Flaschenöffnung gehalten, damit mir keiner K.-o.-Tropfen ins Bier schüttet. Ich habe mehr als einmal eine Tanzfläche verlassen, weil ein Mann sich mit seinem Gemächt an mir schubberte und auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht damit aufhören wollte. Ich habe die Straßenseite gewechselt, weil ich keine Lust auf die anzüglichen Kommentare der angeheiterten Männergruppe hatte, die mir entgegenkam. Und ich wusste, dass Frauen, die Sex mit wechselnden Partnern hatten, im Gegensatz zu Männern nicht cool waren, sondern billig.

Männer bewegen sich immer noch freier

Dass Männer sich also in unserer Gesellschaft viel freier bewegen als Frauen, darüber habe ich lange nicht einmal nachgedacht. Ist halt so. Und dass man Mädchen und Frauen in Selbstverteidigungskurse schickt, Jungs und Männern aber nur selten abfordert, sich Frauen gegenüber respektvoll zu verhalten – ist halt so. Naturgesetz.

Es ist wichtig, das noch einmal deutlich zu machen. Es erklärt nämlich vieles, was diejenigen nicht verstehen, die jetzt glauben, dass die Frauen in der MeToo-Debatte übertreiben. Natürlich müssen wir nicht gleich ausrasten, wenn uns einmal ein Mann die Hand aufs Knie legt oder einmal einen blöden Witz macht. Das Problem ist nur: Es geht nicht um einmal. Vor dem ersten Ausraster stehen meist fünf bis fünfzehn andere weggeschobene Hände und zehn bis hundert weggelächelte Witze. Steht ein Leben, in dem man ständig bewertet, sexualisiert, kommentiert wird. Irgendwann will man das nicht mehr weglächeln, auch wenn das dann bedeutet, die Zicke, Kampfemanze, Spaßbremse, Mimose, hysterische Kuh zu sein.

Wie viele andere Frauen meiner Generation habe ich erst im Berufsleben gemerkt, wie nötig Feminismus weiterhin ist. Im Job trifft man zum ersten Mal auf Hierarchien und Regeln, die zum großen Teil von älteren Männern bestimmt werden. Und manche dieser Männer lassen einen deutlich merken, dass man weiblich ist. Ich als Journalistin erlebe in der Hinsicht ähnliche Dinge wie meine Bekannten in anderen Berufen. Da freuen sich männliche Gesprächspartner, dass ja "so eine hübsche junge Kollegin" geschickt wurde, und zeigen damit, dass sie auch mit einer Frau Ende 30 nicht auf Augenhöhe sprechen wollen – und außerdem glauben, sie hätten das Recht, ihr Äußeres zu kommentieren. Man stelle sich das doch einmal mit umgekehrter Rollenverteilung vor: "Guten Tag, ich freue mich, dass ich heute so einen stattlichen, reifen Mann wie Sie interviewen darf." Undenkbar. Ebenfalls undenkbar wäre, dass ich zur Begrüßung des neuen Praktikanten sage: "Wir haben ein hübsches neues Gesicht in der Redaktion." Ich hingegen habe genau das an ersten Arbeitstagen schon gehört.

Wie viele Männer erleben es, dass im beruflichen Kontext ihre Kleidung, ihr Gesicht, ihre Frisur, ihr Hintern zum Thema werden? Wie vielen Männern wird unterstellt, sie würden befördert, weil die Chefin sie heiß findet? Sicher gibt es auch diese Fälle, aber sie sind erfahrungsgemäß so selten, dass klar ist, welches Geschlecht die Macht hat und das auch deutlich zeigen kann. Mich nerven die ständigen Hinweise darauf, dass ich eine Frau bin. Es gibt wenige Anlässe in meinem Job, bei denen mein Geschlecht eine Rolle spielen sollte (dieser Text ist einer). Bei allen anderen erwarte ich, dass mein Gegenüber eine Journalistin in mir sieht und nicht in erster Linie eine Frau.

Bei Missverständnissen müssen Frauen deutlich sagen, was sie wollen und was nicht

Im Privatleben ist die Sache komplizierter, besonders wenn es ums Flirten geht. Beim Flirten muss man etwas wagen, sich vortasten, vielleicht mal einen Fuß über eine mögliche Grenze setzen, um zu sehen, ob man auf der anderen Seite noch willkommen ist. Das ist Teil des Annäherungsprozesses. Das heißt aber nicht, dass man ohne Anklopfen die Tür eintreten sollte, um so herauszufinden, ob man reinkommen darf.

Wie ungleich die Macht auch beim Flirten verteilt ist, zeigt sich schon in der Sprache: Männer erobern Frauen – als würden sie sich mit kriegerischen Mitteln fremdes Territorium untertan machen. Männer kriegen Frauen rum – als müssten sie deren Willen brechen oder ignorieren. Ich war kürzlich mit einer Freundin in einer Bar. Ich ging zur Toilette, als ich zurückkam, saß neben ihr auf meinem Platz auf dem Sofa ein Mann, der den Arm hinter ihrem Rücken auf die Lehne gelegt hatte und auf sie einredete. Sie hat ihm mehrmals gesagt, dass sie nicht an einem Gespräch interessiert sei, ich habe gesagt, dass ich mich gern wieder hinsetzen würde. Es dauerte trotzdem fünf Minuten, bis er ging – leicht wütend übrigens. Ich würde nie auf die Idee kommen, auf diese Art einen Mann anzusprechen. Mich wundert, woher manche Männer ihr Selbstbewusstsein nehmen.

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Allerdings: Frauen glauben oft, sie müssten sich erst mal zieren, wenn sie jemanden attraktiv finden, um sich so interessant zu machen und den "Jagdinstinkt" des Manns zu wecken. Außerdem wollen sie ja nicht als "Schlampe" gelten. Kein Wunder, dass es manchmal für Männer verwirrend sein kann, zwischen gespielter Abweisung und echtem Desinteresse zu unterscheiden. Wenn es Missverständnisse gibt, müssen Frauen deutlich sagen, was sie wollen und was nicht, und Männer müssen das akzeptieren.

Letztlich geht es um Respekt und Empathie. Ein Kompliment soll bewirken, dass sich jemand gut fühlt – und nicht, dass er oder sie sich schämt und peinlich berührt zur Seite schaut. Das merkt man doch. Wenn nicht die Freude überwiegt, sollte man überlegen, ob das der richtige Ton, die richtige Formulierung und der richtige Kontext für ein Kompliment war. Eine Hilfestellung für verunsicherte Männer: Wie wäre es, wenn sich ein anderer Mann so gegenüber Ihrer guten Freundin, Schwester, Tochter verhalten würde?

MeToo hat den Grundstein für ein neues Klima gelegt

Ich wünsche mir, dass wir endlich auf Augenhöhe sind zwischen den Geschlechtern. Und nein: Ich will keine "amerikanischen Verhältnisse", in denen Männer nicht mehr allein mit Frauen Aufzug fahren; ich will keine Verträge vor dem Sex unterschreiben; ich will keine Gedichte zensieren oder Gemälde abhängen – um mal die ewigen Polemiken der Debatten-Kritiker aufzunehmen. Und ich kenne auch persönlich keine Frau, die das will. Solche Extrempositionen als Argumente anzuführen ist ähnlich tumb wie das Gerede von der drohenden Islamisierung des Abendlands, mit dem in einer anderen Debatte Stimmung gemacht werden soll.

MeToo hat den Grundstein für ein neues Klima gelegt. Männer in Machtpositionen können in Zukunft nicht mehr darauf vertrauen, mit übergriffigem Verhalten durchzukommen. Frauen, die belästigt werden, können darauf hoffen, ernst genommen zu werden. Ich wünsche mir, dass die Generation nach mir auch glaubt, dass Feminismus überflüssig sei – allerdings ohne dann lernen zu müssen, dass doch noch sehr viel zu tun ist.

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