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Missbrauchsskandal: Schwerer Vorwurf: Katholische Kirche wollte Kriminologen Pfeiffer zum Schweigen bringen

Wollte die katholische Kirche den Kriminologen Christian Pfeiffer mit Geld zum Schweigen bringen? Unter anderem diesen Vorwurf macht der Wissenschaftler im Zusammenhang mit der Untersuchung des Missbrauchsskandals in einem Interview.

Kriminologe Christian Pfeiffer

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sollte den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche untersuchen

DPA

Er ist der bekannteste Kriminologe des Landes und sollte den Missbrauch in der katholischen Kirche aufklären. Das Forschungsprojekt scheiterte. Jetzt erhebt Christian Pfeiffer schwere Vorwürfe gegen Würdenträger der Kirche, unter anderem gegen deren Missbrauchsbeauftragten Stephan Ackermann. Es geht um Schweigegeld, Drohungen und Vertuschung.

Rückblick: 2011 beauftragte die Deutsche Bischofskonferenz Pfeiffer und sein renommiertes Kriminologisches Forschungszentrum Niedersachsen (KFN) mit der Aufklärung des massenhaften und jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Fast von Beginn an gab es Querelen zwischen den Geistlichen und den Forschern, unter anderem wegen des Umgangs mit vertraulichen Akten und den persönlichen Daten möglicher Täter. Im Januar 2013 kündigte die Bischofskonferenz den Vertrag über die Studie mit dem KFN vorzeitig, offiziell wegen eines "zerrütteten Vertrauensverhältnisses", wie der Missbrauchsbeauftrage der Kirche, Stephan Ackermann, seinerzeit sagte. Pfeiffer dagegen erklärte, die Studie sei "an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert".

Studie zum Missbrauchsskandal scheiterte

Jetzt, rund sechs Jahre nach dem Bruch zwischen Kirche und Institut, gab Pfeiffer der Wochenzeitung "Die Zeit" ein ausführliches Interview mit Sprengkraft. Spätestens ab 2012 haben Vertreter der katholischen Kirche demnach massiven Druck auf Pfeiffer und seine Mitarbeiter ausgeübt.

Den Schilderungen des Kriminologen zufolge hat die Kirche immer mehr Einfluss auf die Studie nehmen wollen, zum Beispiel durch Mitsprache bei Personalentscheidungen oder durch die Vorabprüfung von Veröffentlichungen, was Pfeiffer jedoch abgelehnt habe. "Den Akteuren der Kirche (wurde) bewusst, dass unsere Forschung wehtun könnte." 

Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche

Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche

DPA

Zum Showdown sei es am 20. Dezember 2012 in Hannover gekommen, kurz bevor der Vertrag über die Studie gekündigt wurde. Im Wissenschaftsministerium seien Pfeiffer, einer seiner Mitarbeiter, der Missbrauchsbeauftragte Ackermann und ein Vertreter des Ministeriums, der sich als "Freund der Kirche" bezeichnet habe, zusammengekommen. Pikant: Das Wissenschaftsministerium ist der wichtigste Geldgeber des KFN. Dies sei auch der Grund, warum sich Pfeiffer erst jetzt, aus dem Ruhestand, mit seinen Vorwürfen zu Wort melde.

Kirche soll Christian Pfeiffer Geld geboten haben

In dem Gespräch seien Pfeiffer von Seiten der Kirche 120.000 Euro Schweigegeld, mutmaßlich aus Kirchensteuermitteln, geboten worden, damit er öffentlich kein Wort über die Gründe für das spätere Scheitern der Studie verliere. Pfeiffer habe das Geld abgelehnt: "Wir lassen uns nicht kaufen." Er habe das Angebot als "moralische Erpressung" gesehen und sei hart geblieben.

"Auf einmal verkrampfte Bischof Ackermann", schildert Pfeiffer in dem "Zeit"-Interview, "körperlich und von der Sprache her." Für den Fall der Weigerung, auf das Angebot der Kirche einzugehen, habe Ackermann dem Kriminologen offen gedroht: "Dann sei ich ein Feind der katholischen Kirche – und das wünsche er niemanden." Ackermann habe gesagt, "dass sie meinen guten Ruf öffentlich massiv attackieren würden und offenlegen müssten, welche Schwierigkeiten es mit dem Institut gegeben habe. Er sagte, dass mir das schaden würde, dass ich es bereuen und einen schweren Fehler begehen würde, wenn ich nicht unterschreibe." Pfeiffer habe sich bedroht gefühlt. "Das war der Versuch einer Nötigung."

Zu den schweren Vorwürfen habe sich Ackermann nicht äußern wollen, berichtet der Südwestrundfunk. Eine Sprecherin habe auf ein früheres Papier der Deutschen Bischofskonferenz verwiesen: "Gegen den Vorwurf von Professor Pfeiffer, die katholische Kirche sei durch ihre Zensur- und Kontrollwünsche für das Scheitern der Zusammenarbeit verantwortlich, verwahren wir uns entschieden."

Quellen: "Die Zeit" (kostenpflichtiger Inhalt), "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Süddeutsche Zeitung", Südwestrundfunk

wue