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Neonazi-Opfer Martin: "Ich bin nur noch Kopf"

Seit elf Jahren sitzt das Neonazi-Opfer Noël Martin im Rollstuhl. Sein Leben ist eine Qual. Es sei nicht mehr lebenswert, sagt er im stern-Gespräch. Kurz vor seinem geplanten Suizid in der Schweiz spricht er auch über seinen letzten Wunsch und wie er sich seinen Tod vorstellt.

Seit ihn vor elf Jahren Neonazis im brandenburgischen Mahlow bei einem Angriff zum Krüppel machten, ist für den schwarzen Briten Noël Martin das Leben eine Qual. In einem Gespräch mit dem stern sagte Martin, der vom Hals abwärts gelähmt ist, das Leben sei seitdem für ihn nicht mehr lebenswert. "Ich bin nur noch Kopf. Ich habe Augen, die sehen, einen Mund, der mit Mühen schlucken kann. Ich weiß aber nicht, wann ich Hunger habe, ich weiß nur, dass ich gelegentlich etwas essen muss."

Seit elf Jahren, so Martin, lebe er nur noch aus Erinnerungen: "Ich habe ein Gehirn, das denken kann. Aber das Gehirn empfindet nichts." Er wisse kaum mehr, wie sich Haut anfühlt, "wie schön eine körperliche Berührung sein kann". Sein Lebensgefühl ließe sich kaum vermitteln. Er fühle sich "wie eine brennende Lampe, der man plötzlich das Stromkabel durchschneidet. Da ist noch Strom in der Leitung, Strom ist in meinem Kopf, aber der kann nicht abfließen." Er sitze tagaus, tagein in seinem Rollstuhl - und sehe zu, "wie die Welt an mir vorüberzieht. Ich hoffe, dass ich bald wegfliege von dieser Welt."

Da er nicht mehr in Würde leben könne, wolle er in Würde sterben. Mit Dignitas, der Schweizer Sterbehilfe, sei alles geregelt. Es ärgere ihn, dass er als Brite zum Sterben in die Schweiz müsse: "Jedes Tier, das in England leidet, wird eingeschläfert. Zu den Tieren ist man sehr human, aber ich soll qualvoll dahinleben." Ohne Bedauern, würde er seine Wohnung, sein Haus im Birminghamer Stadtteil Edgbaston, alles, was er erreicht habe in seinem Leben zurücklassen. "Ich bin der erste Schwarze, der in diesem Viertel wohnt. Ich habe den Weißen gezeigt, dass wir Schwarze so gut sind wie sie."

Nur noch eines möchte Noel Martin erleben - dass sein Pferd Baddam am 21. Juni in Ascot siegt. Martin ist der erste schwarze Pferdebesitzer, der jemals - 2006 - eines der bedeutendsten Rennen der Welt gewonnen hat: "Für mich war das ein unfassbarer Triumph. Alle Leute, auch die Queen in ihrer Ehrenloge, Millionen an den Fernsehschirmen schauten auf mich - den Schwarzen, den Krüppel im Rollstuhl."

Dass Noël Martin, das Opfer rechtsradikaler Gewalt, sich für seinen Tod entschieden hat, wird in den Internetforen der Neonazis höhnisch kommentiert: "Selbstmord gegen rechts - eine tolle Idee!" Martin berühren diese Attacken nicht mehr. "Sie haben mich platt gemacht, das stimmt." Sie hätten sein Leben zerstört, "aber sie haben mich nicht besiegt."

Wie Martin sterben werde, das wisse er schon - mit dem Strohhalm werde er den Giftbecher leer trinken, dazu Songs von Bob Marley hören und zuletzt Frank Sinatras "I Did It My Way". Martin im stern-Interview: "Ich werde als zufriedener Mann sterben."

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