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Fotoprojekt "Unbreakable": Worte - wie Gitterstäbe

Die Worte der Täter quälen und lähmen Opfer sexualisierter Gewalt oft noch viele Jahre nach der Tat. Mit dem Projekt "Unbreakable" will eine US-Fotografin Betroffenen helfen, aus der Zwangslage auszubrechen.

Von Lena Kampf und Franz Bischof

Fotoprojekt "Unbreakable": Die Worte der Täter
Beatrix P., Thüringen, Sozialarbeiterin, ...    ... hat selbst sexualisierte Gewalt in der Familie erlebt und leitet seit 20 Jahren eine Selbsthilfegruppe. Sie sagt, es mache sie wütend und hilflos zu sehen, dass die Opfer „lebenslang“ bekommen, die Täter meist gar nicht bestraft werden, weil die Taten irgendwann verjährt sind.

Beatrix P., Thüringen, Sozialarbeiterin, ...

... hat selbst sexualisierte Gewalt in der Familie erlebt und leitet seit 20 Jahren eine Selbsthilfegruppe. Sie sagt, es mache sie wütend und hilflos zu sehen, dass die Opfer „lebenslang“ bekommen, die Täter meist gar nicht bestraft werden, weil die Taten irgendwann verjährt sind.

Sätze, die Macht ausüben. Die klein halten. Einsam machen. Die die Gewalt fortsetzen. Worte, die die Täter sagten und die lange nachklingen in den Ohren der Opfer, selbst wenn die körperlichen Wunden verheilt sein mögen.

Die amerikanische Fotografin Grace Brown hat erkannt, wie sehr diese Worte gefangen halten. Sie will Betroffenen dabei helfen, auszubrechen. Mehr als 4000 Menschen hat sie in den USA mittlerweile fotografiert; die Überlebenden, wie die meisten sich nennen, halten Schilder mit den Sätzen der Täter in der Hand. Sie schleudern sie zurück. "Unbreakable“ hat Grace Brown ihr Projekt genannt: „Unzerbrechlich“.

Ralf Zitzmann Unbreakable


Nicht länger verstecken

Es gehört viel Mut dazu, als Opfer sexueller Gewalt in die Öffentlichkeit zu treten - auch in Deutschland ist es immer noch ein Tabuthema. Der stern hat "Unbreakable" nach Deutschland geholt. Etwa 20 Männer und Frauen haben sich gemeldet, um fotografiert zu werden. Manche wollen aus Angst ihren Namen und Wohnort nicht veröffentlichen, doch sie zeigen ihr Gesicht. Sie wollen sich nicht länger verstecken. Sie wollen anderen Betroffenen Mut machen, sich schneller Hilfe zu holen. Sie stehen da, weil sie andere hätten schützen können, wenn sie selbst früher geredet hätten. Sie wollen, dass sensibler auf Anzeichen von Missbrauch reagiert wird, wollen zeigen: "Ihr seid nicht allein."

12.134 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch sind 2014 bei der Polizei gemeldet worden, 7345 Vergewaltigungen von Erwachsenen und 46.982 sexuelle Übergriffe. Das sind die registrierten, offiziellen Zahlen. Dunkelfeldstudien zeigen, dass 13 Prozent aller Frauen über 16 Jahren in Deutschland sexualisierte Gewalt erfahren. Jede siebte Frau. Die Bundesregierung schätzt, dass jede und jeder Zehnte in der Kindheit missbraucht wurde. Sexualisierte Gewalt ist auch in Deutschland Alltag, nicht die Ausnahme. Sie ist die vielleicht krasseste Form von Machtausübung, sie findet in Familien statt, in Beziehungen, in Abhängigkeitsverhältnissen zu Betreuern, zu Arbeitgebern. Meistens kennen sich Opfer und Täter. 99 Prozent der Täter sind männlich.

Fotoprojekt Unbreakable: Ute Hoppe


Ein oft strafloses Verbrechen

Sexuelle Gewalt ist ein Verbrechen mit zerstörerischer Kraft. Es sind Angriffe auf die Fähigkeit zu lieben und zu vertrauen. Doch viel zu oft werden Opfer allein gelassen. Betroffene warten jahrelang auf Therapieplätze, die Anerkennung unter dem Opferschutzgesetz ist für viele quälend, erniedrigend. Zu oft auch bleibt sexualisierte Gewalt ein strafloses Verbrechen. Ein "Nein" reicht vor deutschen Gerichten nicht aus, das Opfer muss sich körperlich gewehrt haben, damit eine Vergewaltigung als nachgewiesen gilt. Missbrauch von Kindern bleibt vielfach ungesühnt. Bis Betroffene den Mut finden, die Täter anzuzeigen, sind die Taten häufig verjährt.

Das Erleben von sexualisierter Gewalt isoliert. Und so bleiben die meisten Betroffenen unsichtbar. Das Projekt “Unbreakable" will das ändern. Die Opfer blicken mutig und stolz in die Kamera. Sie sind Überlebende. Sie sind ausgebrochen.