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Wildnis in Thüringen: Fürs Nichtstun bekam ein Bauer EU-Subventionen. Und schuf so ein Paradies für bedrohte Arten

Mitten in Thüringen hat ein ehemaliger Gülle-Bauer ein Paradies geschaffen. Sein Geheimnis: Er lässt der freien Natur ihren Lauf.

Wildnis in Thüringen: EU-Subventionen fürs Nichtstun

Heinz Bley mit Hut und Geweih über der Tür im beschaulichen Thüringen. Seine Wasserbüffel wissen, wie man sich für den Fotografen aufstellt

Wenn der Nebel aus dem Tal steigt, wenn die ersten Sonnenstrahlen über die Wipfel der Bäume fallen und Schneisen legen ins Wolkenweiß, dann sieht es hier aus wie wohl am ersten Tag. Die Erde dampft, und bald wird frühlingsfrische Luft das Land erwärmen. Aus den Büschen flirren Vögel, und Hasen schlagen Haken in den Morgen. Das ist die Zeit, zu der Heinz Bley dem lieben Gott und der Europäischen Union aus tiefstem Herzen dankt, dass er sein Geld nicht mehr mit Schweinen und Scheiße verdient.

Kleinteiliges Thüringen

Jetzt, wie er da so reitet und sein Blick in eine weite Senke fällt, schaut Heinz aus wie ein Häuptling, der den Seinen das fruchtbare Land zu ihren Füßen zeigt. In der Ferne ziehen Rinderherden, und wilde Pferde toben an Wasserlöchern. "Schön hier, ne?", sagt Bley mit der Gewissheit eines Genießers, der lieber keine großen Worte verliert, um den besonderen Moment nicht mit überschwänglicher Begeisterung zu schmälern. Vielleicht ist er aber auch so wortkarg, weil er aus dem Südoldenburger Land stammt, einem eher euphoriefreien Landstrich. Dort hielt Bley auf hundert Hektar 1000 Schweine und 100 Kühe.

Heinz Bley ist Bauer. 58 Jahre alt, drei Kinder. Heute gehören ihm 600 Rinder und 700 Pferde. So genau weiß er es nicht, sein Land ist ziemlich fruchtbar, da wird sich vermehrt, da wird gekalbt und geworfen, dass es eine Wonne ist. Auf einer Fläche von mittlerweile 2500 Hektar, von denen ihm 700 gehören. Die anderen Flurstücke hat er von 1900 Grundbesitzern gepachtet, kleinteilig, wie dieses Thüringen immer schon war und immer noch ist. Vor mehr als 20 Jahren verschlug es ihn hierher, nicht weit von Oberhof, wo im Winter die Biathleten Spuren in den Schnee ziehen.

Ein Mann, ein Pferd: Heinz Bley reitet auf Ukko, einem Schweizer Freiberger, in den Morgen. Der Rest ergibt sich

Ein Mann, ein Pferd: Heinz Bley reitet auf Ukko, einem Schweizer Freiberger, in den Morgen. Der Rest ergibt sich

Weit weg, im Gülle-Gürtel Deutschlands, dem Zentrum industrieller Fleischproduktion, hatte er von seinem Vater einen jahrhundertalten Hof geerbt. Die Spur der Schweine verseucht dort in Cloppenburg das Grundwasser mit Nitrat, es stinkt zum Himmel. Heinz Bley verdiente Geld damit. Ohne groß darüber nachzudenken, auf wessen Kosten.

Karg war das Land, aber günstig

Dann kam die Wende, und der Bauer tanzte in Berlin auf der Mauer. Verliebte sich in eine Frau aus Thüringen und machte rüber. Kaufte in Crawinkel südwestlich von Erfurt eine ehemalige LPG und viel Fläche dazu. In einem weiten Tal am Nordrand des Thüringer Waldes, auf einer Höhe von 500 Metern. Karges, steiniges, feuchtes Land, aber preiswert. Seine Idee war, hier großflächig mithilfe von Hühnermist und Klärschlamm Ackerbau zu betreiben, so, wie er das halt aus Cloppenburg kannte.

Doch das Land wehrte sich: Es erforderte ziemlichen Einsatz, diesem Fleckchen Erde Weizen oder Raps oder Mais abzupressen, die normierten Einheitsgewächse, die hoch subventioniert unsere Landschaft gleichmachen. Und ruinieren.

Wie sehr Bley auch ackerte: Hohe Umsätze ließen sich nicht machen. Mal kam die Kälte zu früh, mal zu spät, mal war da Regen und mal auch nicht. Der Traum vom schnellen Geld im befreiten Osten scheiterte auch an den vielen Steinen, welche die Landschaft ihm in den Weg legte. Kalkstein, jahrmillionenalt, der sich von modernster Landwirtschaftstechnik wenig beeindrucken ließ.

Wilde Pferde gibt es auch in der Thüringeti. Für die Fohlen ist sie die schönste Kinderstube

Wilde Pferde gibt es auch in der Thüringeti. Für die Fohlen ist sie die schönste Kinderstube

Bley verzweifelte. Er war fast pleite, als er sich, ohne es wirklich durchdacht zu haben, auf etwas Neues einließ. Das war, als er von einem Projekt der Europäischen Union hörte, das den belohnt, der drangsalierte Landschaft in Ruhe lässt.

Nun ist es so, dass heute jeder Bauer fast zur Hälfte aus dem Haushalt der Europäischen Union bezahlt wird – ob nun die Umwelt durch sein Tun Schaden nimmt oder nicht. Es gibt Betriebsprämien und Milchsonderbeihilfen, Geld für förderfähiges Grünland und Programme für Ländereien in mehr als 400 Meter Höhe. Belohnung für ein paar Meter Blühstreifen mit Wildblumenmischung und ein Dankeschön für jedes sogenannte Landschaftselement, früher hieß das Busch, das so ein Turbotrecker mit seinen Terra-Reifen nicht plattmacht.

Schlechte Nachrichten gibt es genug

Wie Geld, meist Teil des Problems, auch ein Teil der Lösung werden kann, erlebte Heinz Bley. Als die Leute vom Umweltministerium ihm eine ganz neue Rechnung eröffneten, für eine Art Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich. Der Deal: Lass dem Boden seinen Willen, stell nicht zu viele Tiere drauf, und wir kümmern uns um Gelder aus Brüssel.

Bley überlegte eine Nacht und war am nächsten Morgen so was wie ein Öko. Mit denen hatte er vorher nichts am Hut gehabt, jetzt setzte er sich diesen auf. "Er war der erste Großbauer nach acht Jahren, der diese Förderung und unser Angebot annahm", sagt Biologe Edgar Reisinger, der damals Bleys Sinneswandel mit grünem Geld beschleunigte. Und ihn begeisterte für Halbtrockenrasen, Hecken, Kalkäcker, Bergmähwiesen, Nasswiesen, Zwischenmoore, Bachtäler, Auen.

Reisinger erklärte ihm, wie das eine das andere bedingt, wie tote Täler zu blühenden Landschaften werden könnten. Und die Eiche zur Schutzpatronin aller Kreucher und Fleucher heranwächst. Und auch Frösche in extra anzulegenden Kuhlen ihre Freude haben: "Mit dem Arsch im Wasser und von oben die Sonne."

Heinz Bley und seine Freunde: Sonntags reiten sie aus und machen sich auch nass dabei

Heinz Bley und seine Freunde: Sonntags reiten sie aus und machen sich auch nass dabei

Nun, nur ein paar Jahre später, hat sich die geschundene Natur erholt und nimmt nicht mehr übel. Über hundert Wildbienenarten surren übers reiche Land; auf engstem Raum finden sich wohl so viele Schmetterlinge wie sonst nirgends in Mitteleuropa.

"Heinz Bley ist ein Vorbild für Deutschland", sagt Michael Succow, einer der renommiertesten Naturschützer des Landes und für seine Verdienste mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. "Ein Held, der bewiesen hat, wie in einer historisch gewachsenen Landschaft Schönheit und Artenvielfalt zu bewahren sind, zum Nutzen aller." Ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen. Aber die guten Geschichten müssen erzählt werden, schlechte Nachrichten gibt es genug.

Vom Saulus zum Paulus

Irgendwie kann Heinz Bley die Geschichte seiner Wandlung vom, sagen wir mal so, Saulus zum Paulus bis heute nicht so richtig fassen. "Ich tu ja nix", sagt er. Genau dies begeistert landesweit Wald- und Wiesenfreunde; dass da ein Landwirt nicht düngt und spritzt und kein Knecht mehr ist einer Agrarindustrie, die Bauern längst abhängig gemacht hat von vergifteten Geschenken.

So hat Bauer Bley der Weidelandschaft ihre Würde zurückgegeben. Es war eine Art Geiselbefreiung: Geld dafür, das Land in die Freiheit zu entlassen. Heinz Bley verzichtet auf konventionellen Anbau und wird belohnt. Erhält einen Ausgleich dafür, dass sein Land Schräglage hat und im Schatten liegt und voller Steine ist. Ein von der Natur benachteiligtes Gebiet, wie es im Behörden-Sprech heißt, womit einmal mehr der Unsinn bewiesen wäre, den Sprache anrichten kann. Denn dort, wo Heinz Bley nichts tut, hat sich auf 2500 Hektar ein Himmel auf Erden etabliert. Hier wächst green, green gras of hope. Rinder und Pferde stehen kniehoch im Futter, robuste Rassen, winterfest. Galloway, Schottisches Hochlandrind, Deutsch Angus, Hereford, Heckrind, Koniks und Warmblutpferde, Schafe und Ziegen. Auf den Wiesenhügeln Ameisen, in den Hecken blühen Rosen. Reiher entern Teiche, das Braunkehlchen ist wieder da und der Neuntöter. Auf Muschelkalk, der behördlicherseits Mitleid erregte, hat Mutter Natur eine Großfamilie versammelt, über die Heinz Bley längst die Übersicht verloren hat. 2500 Pflanzen und Tierarten wurden hier beim Tag der Artenvielfalt der Zeitschrift "Geo" gezählt, Schmetterlinge und Zikaden, noch mehr, als Biologen bisher in den Tropen gefunden haben wollen.

Alles meins: das weite Land der Thüringeti

Alles meins: das weite Land der Thüringeti

Heinz Bley kann so richtig nichts dafür. Der Rote Milan flügelt durch laue Luft, die Wildkatze hat den Wolf als Sensation verdrängt. Fast alles, was sich sonst rarmacht oder verschwunden ist, findet hier seinen Platz. Wölfe haben schon ein paar Kälber gerissen, aber Bley macht kein Aufhebens davon: "Muss halt der Trennungsschmerz bezahlt werden", sagt er, mittlerweile erfahren im Ausgleich der Interessen. Obwohl er sich gerade mit seinen Geldgebern streitet, ob der eine oder andere Hektar Land wirklich benachteiligt und damit förderungswürdig ist. Geld macht immer auch Ärger.

Das Faulsein, sagt Heinz Bley, sei das Anstrengendste an seinem Job. Was so nicht stimmt, weil der Mann den ganzen Tag auf den Beinen ist, seit er als CDU-Kandidat der SPD den Bürgermeisterposten abgenommen hat. Und denen von der AfD gibt er kaum eine Gelegenheit, von Heimat zu faseln; die Leute im Dorf sind stolz auf die Vielfalt, die Bley hat wachsen lassen.

König der Wildnis

Einmal im Jahr bietet Bley seine Tiere auf einer Auktion an, die Pferde finden Käufer bis nach Spanien. Ist ja nicht so, dass er nur von Staatsknete lebt. Ein Metzger im Nachbarort will jetzt Bley'sches Biofleisch veredeln, bis jetzt geht es für fünf Euro das Kilo weg, nicht in Teile zerlegt, sondern am Stück. Für Städter ist das ein Problem, aber es muss ja nicht aus allem ein Geschäft werden.

Vorbei ist die Zeit, als Bley sich Gedanken machen musste um jeden Cent, um Abschläge, zum Beispiel für Schweinebäuche mit einem Muskelfleischanteil zwischen 56 und 57,9 Prozent. Dieses bis auf die Ziffern hinter dem Komma kalkulierte Abrechnen mit dem Leben. "Das System ist krank", sagt Heinz Bley. "Es ist die subventionierte Unvernunft. Ein paar Monopolisten beherrschen den Markt. Aber ändern wollen das nur wenige. Alle jaulen über Natur- und Tiervernichtung. Aber bei Aldi an der Kasse endet jede Verantwortung."

Nun hat er seine Parteifreundin Annegret Kramp-Karrenbauer, die Merkel-Flüsterin, eingeladen, ihr zu erklären, wie Landwirtschaft neu organisiert werden kann. In einer Zeit der Überproduktion und sinkender Lebensmittelpreise. Er will erklären, was Biokapital bedeutet: dass sein Land Kohlenmonoxid speichert und Erosion verhindert. 15 Prozent bislang ertragsschwacher Agrarfläche könnten in Deutschland auf diese Weise renaturiert werden, schätzt Naturschützer Michael Succow.

Heinz Bley mit seinen Kindern Felix und Wiebke

Heinz Bley mit seinen Kindern Felix und Wiebke

Heinz Bley gefällt sich indessen als König der Wildnis. Mit einem original in Amerika auf dem Rindermarkt gekauften Hut. Und in grüner Weste vom Oktoberfest. Am meisten, sagt er, beeindrucke ihn, wie sich Natur mit jedem Tag neu organisiert. Der Kreislauf von Werden und Vergehen. Dass nichts bleibt, wie es war. Und dass, wenn was geht, etwas anderes kommt. Als der Holunder verschwand, kam der Steinkauz zurück, mit seinen schwefelgelben Augen. 30 Jahre war er in dieser Gegend nicht mehr gesichtet worden. Er flog vom Schwarzwald hierher.

Die letzte Getreideernte war 2003; nach 15 Jahren großer Freiheit ist Heinz Bley immer noch so verzaubert von alldem, dass ihm so recht kein Name einfiel für sein nicht von Menschenhand geschaffenes Werk. Seine Frau hatte den Einfall, das Land "Thüringeti" zu nennen, weil es auch so eine Weite hat wie Afrika.

Bley will bald schon wie früher Rinder zum Weiden in die Hutewälder treiben und irgendwann dem Bison eine neue Heimat geben. Eigentlich aber ist Heinz Bley ein Befreier: nicht nur von engem Denken, sondern eben auch von dem Gedanken, dass dem Menschen alles gehört, was da lebt. Und er einfach so weitermachen kann wie bisher.

"Formidabel"

Vielleicht sollte er sein Land einfach "Formidabel" nennen, so wie seinen Lieblingshengst, der ihn jeden Morgen freudig begrüßt und den Hang hochtanzt, wie Heinz Bley meint, wenn er seine Runde dreht und schaut, wer wieder neu ist in all dem Gewimmel.

Formidabel übrigens, mit dezenter Blässe und schönen weißen Fesseln, ist Kind von Friedensfürst, einem ehemals berühmten deutschen Reitpferd. In der Dressur, in der Menschen Tiere dazu zwingen, sich so unnatürlich zu bewegen wie möglich.

Heinz Bley hat den 18 Jahre alten Hannoveraner vom Markt gekauft. Auch, um ihm in seinen letzten Jahren ein bisschen Wildnis zu gönnen. "Wenn ich ihn sehe, geht mir das Herz auf", sagt er. Heinz Bley kann auch Poesie.

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