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USA: "Als ich 13 war, schoss er mir in den Kopf"

Sara war 13 Jahre alt, als sie dem Tod ins Auge blickte. Sie rechnete fest damit, dass sie jetzt stirbt, als ihr ein Mann eine Pistole an den Kopf hielt. Sie überlebte - und doch hat der Fremde ihre Leben zerstört.

Protokolliert von Andreas Albes

Eine lange Narbe verläuft neben dem Nasenbein von der Augenbraue bis in die Stirn einer jungen Frau. Ihre Augen sind geschlossen

Ein fremder Mann wollte Sara töten - doch sie überlebte den Schuss in den Kopf

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Dieser Text ist in stern crime Nr. 01 erschienen. 

"Der Mann, der mir das angetan hat, schrieb mir Jahre später aus dem Gefängnis. Ich war schockiert, als ich den Brief in den Händen hielt. Keine Zeile der Entschuldigung, kein Wort, dass es ihm leidtut. Er schrieb nur, dass er hoffe, ich hätte meinen Weg zu Gott gefunden, so wie er ihn gefunden hat. In dem Moment kamen die Erinnerungen wieder hoch. Obwohl die Tat schon über 20 Jahre her ist, habe ich immer noch Albträume und Panikattacken, zum Beispiel, wenn ich plötzlich eine Gestalt aus den Augenwinkeln wahrnehme. Ich war damals noch so jung, gerade 13. Es dauerte ewig, bis ich überhaupt begriffen hatte, was wirklich mit mir passiert ist.

Es war an einem warmen Abend im August 1994 an einer Tankstelle etwas außerhalb von New Orleans. Ich wartete im Auto auf meine Mutter, die gerade bezahlen wollte. Normalerweise ließ sie mich nie allein im Wagen, sie sorgte sich immer sehr um meine Sicherheit. Aber das war ein besonderer Tag, mein erster in der Highschool. Da fühlt man sich so erwachsen. Ich drehte das Radio auf, lehnte mich tief in den Autositz und genoss meine neue Teenager-Freiheit. Doch die dauerte nicht lange.

Urplötzlich ging die Fahrertür auf; ich dachte erst, meine Mutter hätte etwas vergessen. Dann hörte ich diese Männerstimme. Ein Weißer, Ende 20, saß plötzlich neben mir, ich starrte in den Lauf einer Pistole. Wenn du schreist, schieße ich, sagte er. In welcher Gefahr ich mich befand, begriff ich erst in dem Moment, als er den Wagen anließ und mit mir davonraste. 

Ich kann schwer sagen, wie lange wir im Auto saßen. Das Zeitgefühl geht einem in so einem Moment verloren. Aber es kann nicht lange gewesen sein, denn noch bevor wir die Stadt verließen, platzte ein Reifen. Der Mann, er hatte mir inzwischen sogar seinen Namen gesagt, lenkte den Wagen auf einen Parkplatz am Ende einer Sackgasse, irgendwo hinterm städtischen Flughafen. Vergebens versuchte er, den Reifen zu wechseln. Ich erinnere mich noch, wie ich ihn beobachtete. Ihm rann der Schweiß über die Nase, als er den Ersatzreifen aus dem Kofferraum wuchtete. Ich hörte, wie er immer ärgerlicher wurde, als er den Wagenheber ansetzte. Dann krachte das Auto zu
Boden. Ich überlegte unzählige Male, ob ich einfach fortlaufen sollte, und unzählige Male kam ich zum selben Ergebnis: Einer Pistolenkugel kannst du nicht entkommen. 

Der Mann war schließlich so wütend, dass er aufgab. Er schnappte sich ein Stück Pappe und zog mich zu dem leeren Stellplatz nebenan. Dort vergewaltigte er mich, während er seine Pistole an meinen Kopf hielt. Anschließend befahl er, ich solle meine Kleider wieder anziehen, mich hinknien und bis zehn zählen. Ich fühlte Erleichterung, weil ich glaubte, jetzt würde er fortlaufen. Meine Gedanken drehten sich darum, wie lange ich wohl die Augen geschlossen halten sollte, bis alles vorüber ist.

Also zählte ich, während er über mir stand. Eins, zwei, drei … Doch statt zu flüchten, drückte er den Abzug. Ich weiß noch genau, wie sich der Moment anfühlte. Mein Körper flog zurück und klatschte zu Boden. Es war wie ein gewaltiger Faustschlag. Die Kugel war zwischen meinen Augen eingedrungen und an der rechten Halsseite wieder ausgetreten. Merkwürdig, aber da war kein Schmerz. Da war nur diese Gewissheit, dass etwas geschehen ist. Aber ich konnte es nicht einordnen. Wie ein Wort, das einem auf der Zunge liegt, aber es will einem partout nicht einfallen.

Die Stunden danach waren ein Kampf um Leben und Tod. Meine Mutter hatte sofort gemeldet, was passiert war. Wobei sie ja nur wusste, dass ich und ihr Auto verschwunden waren. Nach einer Weile fand mich eine Polizeistreife. Ich wurde ins nächste Kinderkrankenhaus gebracht. Mein Körper hatte viel Blut verloren, mein Halswirbel war verletzt, sodass die linke Körperseite phasenweise gelähmt war. Kein Arzt hätte in dem Moment eine Garantie abgegeben, dass ich überleben würde. Doch ich schaffte es. Mein Leben aber war nicht mehr dasselbe. 

Sara, eine junge Frau, blickt frontal in die Kamera, mit ernstem Blick. Ihre Narbe auf der Stirn ist lang und tief.

Sara hatte Glück: Die Kugel trat wieder aus ihrem Kopf aus ohne sie zu töten. Was bleibt, ist eine Narbe - und eine furchtbare Erinnerung.

Die Monate im Krankenhaus waren völlig surreal. Fremde schickten mir Luftballons und Blumen, mein Krankenzimmer war voll davon. Journalisten wollten Interviews, die Polizei stellte Fragen, Freunde sammelten Geld, damit wir unsere Rechnungen bezahlen konnten. Und ich – ich musste mein Leben wieder lernen: laufen, Zähne putzen, sprechen, essen. Jeden Tag stundenlange Therapien. Ich hasste es. Dazu Schulunterricht. Und abends legten mich die Schwestern auf die Seite, um vorsichtig die Schusswunde zu reinigen.

Mein Peiniger wurde kurz nach der Tat gefasst. Ich habe ihn nur einmal kurz während des Prozesses wiedergesehen. Weil ich Zeugin war, durfte ich der Verhandlung nicht die ganze Zeit beiwohnen. Und ich hätte auch nicht gewollt. Er wurde als dreifacher Schwerverbrecher verurteilt, bekam 'lebenslänglich' und noch ein paar Jahrzehnte obendrauf. Der Vorsitzende Richter sagte, der Täter würde das Gefängnis nur im Leichensack verlassen. Ob ich ihm die Todesstrafe wünsche? Nein, denn dann würde ich mich auf eine Stufe stellen mit ihm.

Warum er es getan hat, darüber denke ich nicht groß nach. Manche Menschen sind eben anders. Für mich ist es schwer genug, mein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Bis heute muss ich immer wieder operiert werden. Wie oft, zähle ich schon lange nicht mehr. Die psychische Belastung wurde mit den Jahren immer schlimmer. Als Kind, da fühlt man sich noch so beschützt, aber als Erwachsener, wenn du selbst Kinder und Verantwortung hast, wenn du in vollem Ausmaß verstehst, was wirklich passiert ist, treffen dich die Erinnerungen mit einer ganz anderen Wucht. Natürlich war ich in Therapie, aber der Schock sitzt so tief. Manchmal ist es am besten, alles zu verdrängen, damit ich morgens mit einem Lächeln aufstehen kann. Ich bin Lehrerin und möchte, dass meine Schüler einen fröhlichen Menschen erleben.

"Wenn er über Waffengewalt in den USA redet: dann redet er über mich."

Vor ein paar Jahren habe ich dann doch angefangen, meine Geschichte zu erzählen. Weil ich will, dass sich unsere Gesellschaft ändert, unsere Gesetze. Der Mann, der auf mich geschossen hat, war nur 18 Tage zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Und trotzdem konnte er sich eine Waffe beschaffen, mit der er dieses egoistische Verbrechen beging. Das ist die Realität in Amerika.

Wenn die Mehrheit bei uns in den USA der Meinung ist, dass ihr Recht, eine Waffe zu besitzen, persönliche Freiheit bedeutet, dann sollen diese
Menschen auch die Schattenseite kennenlernen. Die Opfer von Waffengewalt sind nicht nur Statistik oder Schlagzeilen. Es sind Väter, Mütter, Kinder. Ich erzähle meine Geschichte, weil ich will, dass jeder weiß, wenn er über Waffengewalt in den USA redet: dann redet er über mich." 

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