Kanu-Fahrt Nie wieder...ins Kanu!

Es ist eine verwunschene Gegend, der Spreewald, südlich von Berlin. Gibt es Schöneres, als sich ein Boot zu mieten und mit der Freundin das Kanal-Labyrinth auf eigene Faust zu erkunden? Oh ja. stern-Mitarbeiter Wigbert Löer über das Abenteuer seines Lebens.
Von Wigbert Löer

Susana saß vorn als Schlagfrau, ich dahinter als Steuermann. Nach einer Stunde steuerten wir in einer engen Kurve aufs linke Ufer zu, einer etwas sehr engen ... Nein! In solchen Fällen sagt man später gern: "Ich weiß nicht, wie es passiert ist." Wissen wir auch nicht, echt. Auf jeden Fall wollten wir wieder Mitte Kanal, sind hektisch zur Seite und lagen, zack, im braunen Wasser. In solchen Fällen sagt man später gern: "Ich dachte, ich träume." Dachte ich auch, echt. Eine Sekunde, dann tauchte Susana wieder auf, das braune Wasser lief ihr aus den Locken, sie schnappte nach Luft und brauchte nur ein paar Augenblicke, um vor Schreck loszuheulen.

Wir standen bis zum Hals im Schlamm. Ich schrie: "Raus, raus, raus!", schrie dann: "Ganz ruhig, alles klar!" und schob Susana panisch ans Ufer. Das Boot blieb umgedreht. Mein Handy war ertrunken. Susanas lag im Auto. Sofort hatte ich tierische Angst, mich zu erkälten. Ist mir schon ein paarmal passiert. Bewegen, dachte ich, beweg dich, ich lief los. Doch das Unterholz war zu dicht, der Boden zu sumpfig. Und dann kam auch schon wieder der nächste kleine Kanal. Menschen gab es nicht in diesem Urwald. Was tun?

Ein Labyrinth aus tausend Kanälen

Zurück ins Wasser, das Boot an Land wuchten, umdrehen, Wasser rauslaufen lassen, zu Wasser lassen, noch mal an Land, noch mehr Wasser rauslaufen lassen, vorsichtig rein, Susana zuerst, wie vorher am Bootsverleih. Wir fuhren los, wollten zum Kanalgasthof Wotschofska, nur: In welcher Richtung war der? Die Kanalkarte lag eingeschweißt im Rumpf des Kanus, aber ich hatte Angst mich umzudrehen. Also erst mal weiter. "Weiter" dauerte immer länger. Es gibt Tausende Kanäle im Spreewald, die Leute dort sind von jeher nur mit dem Boot unterwegs. Weiterpaddeln. Mut machen. "Das schaffen wir!" "Halt durch, mein Schatz!" Irgendwann erreichten wir eine Handschleuse. Der Regenwald hörte auf, rechts lag ein weites Feld, ganz hinten fuhr ein Traktor, ganz vorn aber schon wieder: ein kleiner Kanal. Dann sah ich ein Verkehrsschild an einem Baum. Ich nahm unsere Karte. Und verstand, dass wir an Wotschofska längst vorbei waren. Wir mussten hier weg. Wir mussten ins Warme.

Nach zehn Minuten kam eine Familie aus Dresden angepaddelt. Auf ihrem Kanu stand die Nummer der Wasserschutzpolizei. Der Vater gab mir sein Handy. "Ist einer verletzt?", fragte die Frau auf der Wache. "Nein, nur kalt ist uns. Können Sie ein Boot schicken?" Wasserschutzpolizei, das klang nach Motorboot. "Ich schicke einen Wagen." Ich, überfreundlich: "Aber hier sehe ich gar keine Wege." Sie: "Die Kollegen finden Sie." Danke.

Kinderschokolade und Decken zum aufwärmen

Ich trank den ersten Becher Kaffee meines Lebens aus der Thermoskanne, nachdem die Mutter mir das befohlen hatte. Susana bekam eine Decke, die sie sich um ihren nassen lila Wollpullover wickelte. Der Vater gab mir seinen Fleecepulli. Wir froren, trotz Kinderschokolade. Die Polizei kam nicht. Die Familie musste weiter. Zurück ins Boot wollten wir nur im Notfall. Aber das war ja ein Notfall. Dann näherte sich ein kleiner Ausflugskahn - acht Rentner aus Nienburg an der Weser. Ihre Stimmung war prächtig. Es gab Kümmerling, "für die Frauen Feigling", für mich beides. Susana wurde mit zwei Decken eingekleidet. Für die nackten Füße gab eine Frau ihr Sitzkissen aus Alufolie her. Einer, den sie Schorsch nannten, sagte: "Ich mach Feuer."

Das Feuer war schnell entfacht, und die Männer legten eifrig nach. "Ich mach einfach gern Feuer", sagte Schorsch. "Ich auch", dachte ich und zog Jeans und Schuhe aus. Die Gesellschaft tat gut. Die Männer bauten einen Spieß, auf dem sie meine Jeans trocknen wollten. Nach 30 Minuten meldete Schorsch, dass da hinten die Polizei komme, zu Fuß über eine Wiese. Alles wurde gut. Ein Beamter paddelte unser Boot zurück, der andere brachte uns über 45 Straßenkilometer zum Hotel. Wir duschten, kauften Spreewaldgurken und fuhren bei voller Heizung zurück nach Hamburg. Wenn einer unserer Retter aus Nienburg das hier liest - bitte melden! Wir sind Ihnen unglaublich dankbar.

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