Schlagermove 2007 Barfuß im Regen

Und wir tanzen und tanzen und tanzen. Blaue Schlümpfe, Polysterkleidchen und jede Menge Regen. Mehr als 150.000 Fans kamen mit Regenschirm und Aufwärmschnaps zum "Festival der Liebe" nach Hamburg.
Von Marina Kramper

Sie kommen von weit her und sind schon in ihrem grauen Golf TDI wild entschlossen, sich zu amüsieren. "Ich bin schon seit Tagen verliebt in Rosamunde" dröhnt es aus den Boxen. Aus offenen Fenstern strahlen heitere Gestalten in bunten Polyesterhemden den grauen Himmel an. "Kennst du das Lied", heißt die Zauberformel in den verstopften Strassen rund um das Hamburger Heiligengeistfeld.

Move heißt Umzug. Treffend, wenn die Zeit stehen geblieben ist und sich doch irgendwas bewegt. Bei den Kostümen darf der Hanseat mächtig aus sich raus kommen und wird doch nicht überfordert. Die Auswahl ist begrenzt. Hauptsache Sixties und Seventies. Die modische Schwundstufe der Flower-Powerbewegung, wie sie damals bei C&A verhökert wurde. Ein Glück, dass Polyester nicht von Motten gefressen wird und selbst im schlimmsten Regen seine Form bewahrt.

Das Wasser steht auf den Straßen, die Schlagerkinder patschen mit den Gummistiefeln. Wer sich nicht amüsieren will, ist fehl am Platz. Am Heiligengeistfeld parkt der Zug aus 37 rausgeputzten Trucks zwischen den Rundkursen, die sie von dort aus über die Hafenrandstrasse, den Pepermölenbek und die Reeperbahn zurück zum Ausgangspunkt führen Hier stehen Stände mit der Notfallverkleidung für diejenigen, die bei Mutti nichts Passendes gefunden haben. Als Resteverwertung mischen fliegende Händler die Accessoires der Fußball -WM unter die Artikel. Mancher mitgereiste Mann fühlt sich mit schwarzrotgoldener Haarsträhne wohler als mit rosa Afroperücke. Die Standart-Move-Uniform ist ganz einfach: Schlaghosen, Hula-Hula Girlande, bunte Perücke und große, am besten orangefarbene Sonnenbrille in Übergröße. "Leider ist es das reinste Regenschirmballett geworden", sagte Veranstalter Axel Annik. Trotzdem kamen mehr als 150.000 Fans zu seinem "Festival der Liebe".

Hamburger Wasserspiele

"Wir lassen uns das Singen nicht verbieten! Das Singen und die Frööööhlickeit!" Selbst nicht vom Hamburger Dauerregen. Schlau war es dieses Jahr allemal, sich einen Platz auf einem überdachten Truck zu sichern. Denn Mendocino hin oder her, das Wetter hat kein Einsehen. "Ich gebe nicht auf und suche nach ihr - In der heißen Sonne von Mendocino." In Hamburg kübelt es wie aus Eimern. So kann die "Rio de Janeiro"-Hitze nur unter dem Einwegponcho im Müllsackgelb aufsteigen. Von oben betrachtet wurde es der Move der Regenschirme, Friesennerze und Regencapes in Neonfarben. Das Partyvolk lässt sich nicht verdrießen und sorgt für den Ausgleich des Nässeverhältnisses von innen und außen. Von oben prasselt der Regen und innen fließen Jägermeister und Feigling. Auf einem Truck schlumpfen die blauen Schlümpfe im Rhythmus von Vader Abrahams Drehorgel. In den Geranienkästen parkt die missratene Zwergenbande mehr Bierdosen als Blumen. Voll wie Hacke. "Sagt mal, von wo kommt ihr denn her? - Aus Schlumpfhausen bitte sehr!"

Der Regen verwischt die Spuren

Unter ihren schlumpfigen Blicken würgen sich zwei Schlagergirls im Prielblumenkleidchen die Partylaune wieder aus dem Hals. Ein täuschend echtes DJ Ötzi –Double geht dieses Risiko auf der Sause nicht ein. Sein Truck schleppt ein Dixiklo mit. Leichte Übelkeit macht nichts, die St.Pauli-Biotope sind diese Art von Heckendüngung gewöhnt. The Move stampft on! Wer ist der unantastbare Schutzheilige des Schlagermove? Rex Gildo! "Hossa, Hossa" – dröhnt der gemeinsame Schlachtruf von Tanzmariechen und Kampftrinkern. Fiesta. "Fiesta Mexicana - Es gibt viel Tequila, der glücklich sein lässt," schenkt der früh verstorbene Erfinder des Dauerlächelns den Fans seine derben Lebensweisheiten ein.

Wunder gibt es immer wieder, manchmal muss man warten, um sie zu verstehen." Vom Truck gegenüber entführt Schlagerikone Katja Epstein ins sanfte Schlagerparadies. Eigenurin-Therapie sei Dank ist rothaarige Sängerin nicht nur am Leben, sondern wirft die endlose Beine im Fernsehen höher als damals in der Hitparade. Also! Wunder gibt es immer wieder und sie halten jung, wie man sieht.

„Kennst du das Lied?“

Auch der konsequente Schlagermuffel ist erstaunt, wie viele Liedchen man so mitsingen kann. Cindy und Bert, Roberto, Tony und die Biene Maja, Udo, Ötzi und die Nena! Zumindest den Refrain können alle mitgrölen. Nach Kleinem Feigling und Gildo wollen bei diesem Sauwetter dann doch alle irgendwie, irgendwo, irgendwann mit Tequila und Prielblumen in einem knallroten Gummiboot nach Mendocino. Hossa!


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