Wunderland Balkonien Traumurlaub für Daheimgebliebene


Schon die Anreise ist denkbar einfach. Es gibt weder Stau noch Warteschlangen beim Urlaub daheim - auf "Balkonien". Das vom Tourismus noch völlig unberührte Traumland liegt voll im Trend. Ein Ratgeber für den preiswerten Pauschalurlaub ohne Handgelenk-Bändchen.
Von Burkhard Müller-Ullrich

Im Grunde ist jeder Urlaub auf Balkonien ein Pauschalurlaub. Alle Leistungen sind inklusive, denn Miete oder Hausgeld zahlen Sie sowieso, und Lebensmittel einkaufen müssen Sie gewöhnlich auch. Es gibt keine versteckten Kosten, keine Liegestuhlgebühren, Kurtaxen oder Schönwetterzuschläge. Nicht einmal Trinkgelder werden von Ihnen erwartet. Und erinnern Sie sich an die ärgerliche Abzockerei in einschlägigen Touristenfallen, die Sie anderswo erlebt haben? Nichts dergleichen ist auf Balkonien zu befürchten. Stattdessen geht ein uralter Traum in Erfüllung: einmal nicht gleich als Tourist erkannt und behandelt zu werden und sich ganz zwanglos unter die Einheimischen mischen zu können.

Der gängigste Pauschalurlaub auf Balkonien ist das Happy-Weekend-Kompakt-Paket, das Sie gleich nach Arbeitsschluss am Freitagnachmittag antreten können. Die genauen Modalitäten der Anreise bleiben dabei Ihnen überlassen, und für den Transfer vom Hauseingang zur Wohnungstür stehen - je nach individueller Ausstattung - die Optionen Treppe oder Lift zur Verfügung. Bei der Verpflegung gilt grundsätzlich das All-you-can-eat-Prinzip, und bei der Übernachtung haben Sie die Wahl zwischen der Freiluft- und der Zimmer-Variante.

Huch, der erste Schnee! Jetzt ist der Urlaub vorbei

Es gibt auch längere Pauschalarrangements für einen unbeschwerten Aufenthalt auf Balkonien, wobei die Grenzen allein durch natürliche Gegebenheiten wie etwa den Einbruch des Winters gesetzt werden. Spätestens dann sollten Sie den Balkon verlassen und in den geheizten Teil der Unterkunft zurückkehren, wobei sich das als einer der größten Vorzüge des Balkonien-Pauschalurlaubs erweist: Im Preis enthalten ist nämlich nicht nur die Benutzung des Balkons, sondern auch die Nichtbenutzung.

Bequem, sicher und preisgünstig - die Devise des Pauschalurlaubs trifft hier in jeder Hinsicht zu. Für Bequemlichkeit sorgen nicht nur die geringen Distanzen zwischen den verschiedenen Anlaufstellen, Sehenswürdigkeiten und Verpflegungsstätten, sondern auch das breite Angebot von Sitz- und Liegemöbeln, Heimtextilien und Küchenutensilien. Die Sicherheit sämtlicher Ferienziele auf Balkonien wird durch deutsche Bauvorschriften garantiert und amtlich überwacht. Sie können also davon ausgehen, nur qualitätsgeprüfte Häuser mit Balkonen angeboten zu bekommen. Auch die Sicherheit, dass überhaupt ein Balkon vorhanden ist, dürfen Sie als gegeben voraussetzen, denn von der Existenz des nämlichen Balkons konnten Sie sich ja schon in Ihrer Eigenschaft als Besitzer desselben überzeugen.

Seien Sie Ihr eigener VIP

Drehen Sie also nach Ihrer Ankunft als Pauschalgast ruhig erst einmal eine Runde, um sich auf die vielen Annehmlichkeiten, von denen Sie erwartet werden, einzustimmen und einen Überblick zu bekommen: Hier steht die Espressomaschine, da gibt es frische Handtücher, und dort liegt Lesestoff bereit. Überall können Sie sich nach Herzenslust bedienen, selbst ohne Handgelenk-Bändchen haben Sie VIP-Status, denn Sie sind persönlich bekannt.

Wenn Sie genug umhergestreift sind, kommen Sie zur wesentlichsten Angelegenheit des Urlaubs: Besetzen Sie einen Liegestuhl. Nehmen Sie am besten den freien auf dem Balkon. Wenn es der einzige ist, den es gibt, freuen Sie sich um so mehr, dass Sie ihn jetzt ergattert haben. Reservieren Sie ihn. Markieren Sie ihn. Legen Sie Ihr Handtuch drauf. Jetzt wird Ihnen niemand mehr den Platz an der Sonne streitig machen.

Genießen Sie jetzt das süße Gefühl eines, der alles darf und alles bekommt. Alles ist, exakt betrachtet, ziemlich viel - meist mehr als der Mensch, in philosophischer Hinsicht, vertragen kann. Sie denken: "Donnerwetter, dass ich bei diesen Temperaturen noch zu solchen Gedanken fähig bin." Doch das ist beim Pauschalurlaub genau der Punkt und Sie haben Recht: Man hat stets ein bisschen Angst, den Überfluss nicht energisch genug auszuschöpfen - wie ein Jahresnetzkartenbesitzer, der nicht damit zurechtkommt, dass ständig irgendwelche Züge ohne ihn herumfahren.

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Das Handtuch liegt, und gleich liegen Sie darauf. Sie lehnen sich zurück, denken an Campari, an Cappuccino, an die Zeitschriften, die Sie sich vorsichtshalber im Dutzend zugelegt haben, und an die Bücher, die Sie schon immer mal lesen wollten. Und jetzt, sagen Sie sich, sollen die anderen machen. Jetzt melden Sie sich ab. Jetzt fängt Ihr Urlaub an. Vor Ihnen steht ein aufblasbares Planschbecken, Wasseroberfläche: 1 m². Bei Ihrem letzten Pauschalurlaub war zwar der Pool größer, aber es waren auch viel mehr Leute drin – die Sache bleibt sich also, oberflächlich betrachtet, ungefähr gleich. Ohnehin wollen Sie gar nicht ins Wasser. Es muss nur da sein. Und plätschern. Die Sonne muss sich darin spiegeln. Sie tut es. Der Pauschalurlaub beginnt richtig Freude zu machen.

Was guckst Du? Mal eben im Nachbar-TV spicken

Einige Leistungen dieses Pauschalangebots können variieren, deshalb ist es empfehlenswert, sich schon im vorhinein zu erkundigen. Etwa das vielfältige Unterhaltungsprogramm: Sie können auf Balkonien-TV sämtliche Fernsehprogramme sehen, die Sie auch sonst empfangen, und zwar wahlweise mit dem eigenen Apparat - oder auf einem Bildschirm in der Wohnung gegenüber.

Außerdem können Sie Ihre Verpflegung gegebenenfalls mit einer anderen Person teilen – was sonst bei Pauschalgästen durchaus ungern gesehen wird. Überhaupt ist hervorzuheben, dass man sich auf Balkonien um größtmögliche Flexibilität bemüht. So können Sie auch kurzfristige Änderungen und sogar Stornierungen Ihrer Urlaubspläne ohne irgendwelche Zusatzkosten vornehmen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, einen bereits angetretenen Balkonaufenthalt ohne Angabe von Gründen abzubrechen. Doch dieser Fall ist eher hypothetisch, weil niemand freiwillig auf das Vergnügen und den Komfort eines rundum bequemen, sicheren und preisgünstigen Erholungsarrangements verzichtet, das obendrein ein Höchstmaß an Individualität und Entscheindungsfreiheit gewährt.

Seien Sie deshalb nachsichtig, wenn der Service einmal etwas nachlässig sein sollte und das Geschirr nicht sofort abräumt. Das Servicepersonal nimmt auch noch andere Funktionen wahr. Da auf Balkonien generell das Selbstbedienungskonzept gilt, wird Ihre Versorgung dadurch kaum beeinträchtigt. Sagen Sie sich in solchen Fällen einfach, dass Sie selbst ja auch nicht überall zugleich sein können.

Die wichtigsten Adressen und Infos für Ihre Balkonien-Reise
Auskunft: Erster Ansprechpartner bei grundlegenden Fragen in Sachen Balkonien ist der Hausmeister. Stellen Sie sich gut mit dem Herrn über das Reich der Außenfassade – schon drückt er im Zweifel mal ein Auge zu.
Geld & Preise: Umtausch ist nicht nötig. Sie sollten aber immer etwas Bargeld in kleinen Scheinen haben, damit Sie den Postboten, Pizzadienst, DVD-Verleih usw. bezahlen können.
Gesundheit: Die beiden größten Gesundheitsgefahren auf Balkonien sind: Sonnenbrand und Allergien. Beides ist nicht ansteckend, nicht meldepflichtig, und es gibt keine Schutzimpfungen. Sie können aber mit Sonnencreme und Einnahme von Cetirizin oder Loratadin (gegen Heuschnupfen) erfolgreiche Vorbeugemaßnahmen treffen. Wespenstiche, Bremsenbisse u. Ä. sind in der Regel schmerzhaft, aber harmlos. Selten kann es zu allergischen Reaktionen kommen, die das Eingreifen des Notarztes erfordern. Erkältungen nach Temperaturstürzen sind ebenfalls selten.
Internet: Um auf Balkonien genauso gut angeschlossen zu sein, wie Sie es gewohnt sind, empfiehlt sich die Einrichtung eines Funknetzwerks (WLAN) nach dem Standard IEEE 802.11g oder IEEE 802.11n. Sorgen Sie aber unbedingt für sichere Verschlüsselung (WPA2), denn damit schützen Sie nicht nur Ihre Privatsphäre, sondern auch Ihre Unbescholtenheit. Wenn ein Fremder Ihr (ungesichertes) Netzwerk zu verbrecherischen Handlungen (z.B. E-Mails zur Vorbereitung einer Straftat) benutzt, können Sie u. U. dafür haftbar gemacht werden.
Maße & Gewichte : Der einheitliche Lastansatz für Balkone beträgt 4,0 kN/m2; das heißt: Ein Quadratmeter hält eine Belastung von 800 kg statt - eine durchaus beruhigende Zahl. Die vorgeschriebene Höhe von Balkongeländern ist in den Landesbauordnungen festgelegt und variiert zwischen 90 und 100 cm (bis 12 m Höhe) und 110 bis 120 cm (bei höher gelegenen Balkonen).
Notfälle: In ganz Europa gelten die einheitlichen Notrufnummern 112 für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Außerdem sollten Sie in der Nähe des Balkons einen Erste-Hilfe-Kasten aufbewahren. Darin sollten sich auf jeden Fall eine Brandsalbe (Grill, Sonnenbrand), eine kühlende Salbe bei Insektenstichen (Soventol o. Ä.) und Pflaster befinden.
Reisezeit: Obwohl Balkonien immer geöffnet ist, bleibt man vor allem im Sommer gern länger. Auf bestimmten Balkonen mit Elektro- oder Gasheizung fängt die Saison früher an (mitunter schon vor Ostern) und geht bis in den Herbst. Auch in der Silvesternacht ist kurzfristig mit Andrang zu rechnen.
Strom: Praktisch ist eine Steckdose auf dem Balkon, für Laptop, Elektrogrill oder Fernseher. Alternativlösung: ein Verlängerungskabel, das Sie aber besser nicht in die Balkontür beim Schließen derselben einklemmen sollten.
Trinkgeld: Trinkgeld zu geben ist weder nötig noch üblich. Dennoch können Sie sich selbst eine Freude machen, kleine Beträge in eine Kasse zahlen - und schon können Sie sich z. B. diese stylishen Töpfe fürs Balkongeländer gönnen.
Wetter: Das Herannahen eines Gewitters können Sie durch folgende Entfernungsmessung abschätzen: Zählen Sie die Sekunden zwischen Blitz und Donner und teilen Sie die Zahl durch drei. Das ergibt die ungefähre Entfernung in Kilometern. Wenn Sie diese Messung mehrmals hintereinander absolvieren, können Sie schnell feststellen, ob das Unwetter näher kommt oder wegzieht.

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